Gesundheit : Biogas: Strom und Wärme aus nachfließenden Rohstoffen

Ralf Köpke

Ulrich Schmack, Geschäftsführer der Schmack Biogas GmbH, freut sich: "Wir bauen bis Jahresende 30 Anlagen, weitere 15 sind in Planung." Seitdem mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz der Strom aus den Gülle-Kraftwerken mit bis zu 20 Pfennig je Kilowattstunde vergütet wird, entwickeln sich immer mehr Land- zu Energiewirten. Der Fachverband Biogas rechnet nach einer Umfrage aus dem Frühjahr allein in diesem Jahr mit rund 600 Aufträgen.

Die Technik in diesen Gaskraftwerken ist zweigeteilt: Zuerst werden Gülle und Mist der Tiere von Mikroorganismen in speziellen Tanks vergoren. Mit dem dabei entstehenden Gas, das zu etwa 60 Prozent Methan enthält, lässt sich anschließend in einem Blockheizkraftwerk (BHKW) gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Da die Energie aus "nachfließenden Rohstoffen" stammt, ist sie umweltfreundlich, sie muss aber auch konsequent genutzt werden, um dieses Prädikat wirklich zu verdienen.

Doch zu den Zeiten, da es auf den bäuerlichen Betrieben keinen kontinuierlichen Wärmebedarf für Ställe oder Gewächshäuser gibt, wird die sauber produzierte Wärme über Kühler in die Atmosphäre gejagt - suboptimal, das. Deshalb will der Unternehmer das Biogas direkt in das öffentliche Erdgasnetz einspeisen. Gemeinsam mit der Erdgas Südbayern GmbH arbeitet er an einem ersten Projekt.

Die Direkteinspeisung hat zwei Gewinner. Zum einen die Umwelt, da die Energieausbeute erheblich größer ist, was die Emissionen des Treibhausgases CO2 verringert. Kann der Biogasbauer die Wärme selbst nutzen, verkauft er den Überschuss an Strom. Braucht er sie nicht, verkauft er das Gas direkt und bezieht die Elektrizität, die er benötigt, aus dem Netz. Das Ausrichten des Anlagenbetriebs am Wärmebedarf verbessert also Nutzen und Einnahmen.

Damit hat Schmack freilich kein neues Thema aufgegriffen. So hat sich der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) schon 1992 in seinem Merkblatt G 262 mit der "Nutzung von Deponie-, Klär- und Biogasen" befasst. DVGW-Referent Uwe Klaas will nur eines nicht in das weitverzweigte deutsche Gasnetz eingespeist sehen: "Deponiegas, denn damit hätten wir auch Dioxine in den Leitungen."

Nach einer vernünftigen Aufbereitung sagt der Chemiker, "spricht theoretisch nichts gegen das Biogas." Für Landwirte gilt, wie für jeden Gasversorger, das Verbandsmerkblatt 260, das die Beschaffenheit der flüchtigen Moleküle regelt. Praktisch sieht er aber andere Hindernisse: "Die meisten Höfe liegen viel zu weit weg von den Gasleitungen, so dass sich ein Anschluss kaum rechnen dürfte."

Doch da widerspricht Wolfgang Tentscher. Der Sprecher des Arbeitskreises Gaseinspeisung beim Fachverband Biogas verweist auf die 14 000 Gaskunden in der Land- und Forstwirtschaft. "Das ist ein ausreichendes Potenzial, um mit der Gaseinspeisung beginnen zu können."

Tentscher sieht vor allem politische Hemmnisse. Zwar schreibt die EU-Gasrichtlinie vor, dass jeder Gaslieferant theoretisch einen ungehinderten Zugang zu den Rohren hat, auf nationaler Ebene fehlen aber für die Erzeuger von "grünem Gas" entsprechende Regelungen, auch über Vergütungen.

Nach den Vorstellungen des Fachverbandes Biogas soll sich das schnell ändern: "Da das Energiewirtschaftsgesetz (EnGW) ohnehin geändert wird, kann Rot-Grün auch ein eigenes Gaseinspeisungsgesetz in die Novelle schreiben". Tentschers Forderungs-Paket umfasst nicht nur eine Mindestvergütung wie im EEG und die Befreiung von der Mineralöl- und Ökosteuer. Die Erdgasversorger sollen 50 Prozent der Kosten für den Anschluss der Biogasanlage übernehmen, die Durchleitungsgebühren müssten auf alle Erdgaskunden umgelegt werden.

Im Herbst beraten die Parlamentarier weiter über die Gesetzesnovelle, für September ist eine Anhörung geplant. Ob dann das Thema Gaseinspeisungsgesetz mit auf der Tagesordnung steht, darauf will sich Michaele Hustedt nicht festlegen. Die energiepolitische Sprecherin der Bündnisgrünen spricht sich offen für die Gaseinspeisung aus, sieht aber noch ein Fragezeichen: "Mir ist nach wie vor das Potenzial nicht klar, außerdem müssen noch technische Fragen geklärt werden." Sie sieht deshalb den Fachverband Biogas in der Pflicht, "diese Hausaufgaben zu machen."

Damit gibt sich Wolfgang Tentscher nicht zufrieden: "Sicherlich werden nicht alle 14 000 Höfe und Forstbetriebe, die heute schon über einen Erdgasanschluss verfügen, für eine Biogasanlage geeignet sein, es bleibt aber noch ein so großer Rest übrig, der lohnt, das Thema anzupacken." Es verginge einfach viel zu viel Zeit, bei den bundesweit knapp 450 000 Höfen eine Potenzialerhebung zu starten, ob die Biogaseinspeisung möglich ist. "Ohne Pilotprojekte ist es illusorisch, praktische Erfahrungen zu sammeln", lautet das Credo des Vorkämpfers für das grüne Gas.

Die Aufbereitung des Gärgases aus den Bioreaktoren ist nach Ansicht von Norbert Dichtl technisch jedenfalls kein Problem. Der Leiter des Instituts für Siedlungswasserwirtschaft an der TU Braunschweig ist bei der Abwassertechnischen Vereinigung als Obmann für den Bereich Faul- und Biogase zuständig. Um auf den Heizwert zu kommen, den die Importgase aus Russland oder der Nordsee aufweisen, wäre es wichtig, nicht nur das Kohlendioxid aus dem Biogas zu entfernen. Dichtl: "Auch der Schwefelwasserstoff muss raus, da sonst in den Rohren eine schwefelige Säure entsteht, die zu Korrosionen führt. Die Klippe, die er bei den Vorhaben sieht: "Die Aufbereitungstechnik geht ins Geld."

An der reinen Technik wird die Biogaseinspeisung nicht scheitern, davon ist auch Thomas Schmalschläger überzeugt. Bei den Stadtwerken München arbeitet er in der Abteilung Unternehmensführung an der Mittel- und Langfristplanung: "Die Direkteinspeisung ist für den verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien allemal ein wichtiges Thema, es fehlen für die konkrete Umsetzung aber noch ein paar Bausteine." Der Wichtigste ist für ihn ein Gaseinspeisungsgesetz: "Ohne eine solche Regelung wird kein Gasversorger so schnell seine Rohre öffnen." Und damit liegt der Ball, pardon: der Güllegas-Ballon, wieder bei den Parlamentariern in Berlin.

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