Gesundheit : Biologie der Schattenwelt Beim Entstehen von Gewalt gehen Umwelt und Erbe Hand in Hand

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Neuroforscher und Psychiater erforschen den Körper auf der Suche nach der biologischen Grundlage des Verbrechens. Dabei nehmen sie meist das Stirnhirn genauer in Augenschein, weil dort vorgeblich eine wichtige Schaltstelle der Moral sitzt. Und in der Tat: Aggressionsforscher wie etwa Adrian Raine von der Universität von Südkalifornien haben bei Gewaltverbrechern im Stirnhirn regelmäßig lädierte Areale entdeckt, die Urteilsvermögen und Selbstkontrolle schwer beeinträchtigen.

Damit schien sich die Avantgarde der Neuropsychologie vom engagierten Glauben zu verabschieden, auf dem eine ganze Generation Sozialprogramme aufgebaut hatte: dass Verbrecher inmitten miserabler sozialer Umstände und einer traumatischen Kindheit das Licht der Welt erblicken. Doch so einfach liegen die Verhältnisse wohl nicht. Eine Forschergruppe um den Psychologen Terrie Moffitt von der Universität von Wisconsin berichtete kürzlich im Fachmagazin „Science“ über den Einfluss des MAOA-Gens. Versuche mit Mäusen hatten zuvor gezeigt, dass sich Tiere ohne ein intaktes MAOA-Gen rasch in Aggressionsbomben verwandeln.

Die Wissenschaftler untersuchten 442 junge Männer aus Neuseeland, die in der Kindheit missbraucht worden waren. Wie zu erwarten war, brachen die Misshandelten eher Regeln als Männer, deren Kindheit ohne größere seelische Blessuren verlief. Jeder Sechste trug eine auffällige Variation des MAOA-Gens in sich. Diese Erbanlage ist für die Produktion eines Eiweißstoffes zuständig, der überschüssige Botenstoffe im Gehirn reduziert. Die Variante des Gens kommt dieser Aufgabe aber nur unvollkommen nach - und lässt das Gehirn rasch mit Botenstoffen überlaufen.

Das hilft offenbar, dem Verbrechen Tür und Tor zu öffnen. Selbst unter den seelisch beschädigten Naturen fielen diese Männer in ihrer Pubertät nahezu zweimal so oft durch ihr rebellisches Verhalten auf. Bis zum 26. Lebensjahr hatten sie dreimal häufiger ein Verbrechen begangen. Die Genvariante förderte offenbar ihren Hang zum Kriminellen.

Allerdings:Männer, die ihre Kindheit ohne größeren Seelenschaden durchlebten und dennoch über die Genvariante verfügten, neigten kein bisschen öfter zu Verbrechen als Unbescholtene. „Das zeigt, wie soziale Umstände und Erbanlagen zusammenspielen können“, bewertet der Harvard-Molekularbiologe Jon Beckwith die Studie.

Gelöst ist die biologische Grundlage der Schwäche für Verbrechen noch nicht. Viele Elemente haben Naturwissenschaftler ins Visier genommen, von Genen über schadhafte Gehirnareale bis hin zu langsam schlagenden Kinderherzen.

So steigert nicht nur der MAOA-Stoffwechseldefekt das Risiko, straffällig zu werden – auch knappes Noradrenalin fördert offenbar eiskalte Naturen. Der Botenstoff hilft, in brenzligen Situationen rasch zwischen Flucht und Angriff zu entscheiden. Produziert das Gehirn zu wenig von dem Stoff, wächst allerdings nicht nur die Furchtlosigkeit; auch die Lust auf Gefahren nimmt zu. Diese Einschränkung allein garantiert jedoch noch keinen Verbrecher. Denn Menschen, die Extremsport lieben, verfügen oft ebenso über die enthemmende Eigenart.

Ein einfacher Indikator für Gewaltpotenzial ist das männliche Geschlecht. Männer verfügen über eine weit höhere Disposition zu Gewalt als Frauen. Das starke Geschlecht mordet laut FBI achtmal öfter, begeht neunmal mehr bewaffnete Raubüberfälle und neigt viermal so oft dazu, handgreiflich zu werden. Das verdankt sich dem Testosteron. Freilich: Allein das Mannsein reicht für eine kriminelle Karriere nicht aus. Hubertus Breuer

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