Gesundheit : Biomedizin: Die Arznei im Heuhaufen finden

Hartmut Wewetzer

Niemand kann sagen, ob sich schwere Arznei-Nebenwirkungen wie im Falle des Cholesterinsenkers Lipobay eines Tages vermeiden lassen. Zumindest aber könnte das Risiko geringer werden. Dann nämlich, wenn die Medizin es schafft, ganz tief in den Patienten hineinzusehen - bis in sein Erbgut. "Personalisierte Medizin" nennt Mark Levin das. Der Vorstandsvorsitzende der Biotechnik-Firma Millenium Pharmaceuticals in Cambridge/Massachusetts redete beim Weltkongress für Arzneientwicklung, der alljährlich in Boston stattfindet.

Das Lipobay-Desaster ist für Levin ein Beispiel für "phänotypische" Medizin. Eine Medizin, die den Blutdruck misst, die Konzentration der Fette im Blut bestimmt und eine Herzstromkurve aufzeichnet - und damit die Folgen, aber nicht die Ursachen einer Krankheit registriert und behandelt. "20 bis 40 Prozent aller Patienten bekommen die falschen Medikamente", schätzt Levin. Seine Vision: In Zukunft werde der Patient sein Erbgut auf einem Biochip gespeichert haben, und der Arzt könne damit eine maßgeschneiderte Therapie entwickeln.

"Wir werden die Mechanismen der Krankheit viel besser verstehen", sagt Levin. "Vielleicht wird sich herausstellen, dass Fettsucht, Asthma und Schizophrenie gar nicht einzelne Krankheiten sind, sondern in Wirklichkeit jeweils zehn oder zwölf verschiedene Ursachen haben, die man dann gezielter bekämpfen kann."

Levins Firma gehört zu den Pionieren im Neuland der "personalisierten Medizin". Angefangen hat er 1994 mit ein paar Dutzend Leuten. Damals war Millenium ein kleines Unternehmen, das Pharmakonzernen seine Dienste als Spurensucher im Genom anbot. Heute hat Millenium Pharmaceuticals 1300 Mitarbeiter und entwickelt selbst Arzneien. Der charismatische Mark Levin hat sich zwar seine Vorliebe für bunte Hemden und verrückte Halloween-Auftritte - mal im orientalischen Bauchtanzkostüm, mal als streng kostümiertes Hausmädchen - bewahrt, doch ist seine Firma schon fast selbst zum Biotechnik-Giganten geworden.

Nichts zeigt das so sehr wie die gleichberechtigte Partnerschaft, die Millenium 2000 mit dem deutsch-französischen Pharmakonzern Aventis vereinbart hat. Gemeinsam entwickelt man neue Arzneien und teilt sich brüderlich die Erträge. Der Fährtensucher am Genom-Fluss geht nun stromabwärts - dorthin, wo die Patienten sind.

Auf dem Bostoner Kongress war zu spüren, welche tiefgreifenden Veränderungen in der Pharmabranche vor sich gehen. Wirkstoffsuche mit Hochdurchsatz-Automaten ("high throughput screening"), die jeden Tag Zehntausende von Substanzen testen können, neue Entwicklungsverfahren für Medikamente und die Explosion des Wissens über molekularbiologische Zusammenhänge haben das Arznei-Design revolutioniert. Aus einer vom Zufall regierten Wirkstoffsuche, bei der Substanzen nach "Versuch und Irrtum" getestet wurden, ist binnen kurzer Zeit eine hektische Industrie geworden, in der das Prinzip der großen Zahl regiert. George Milne, für die Arzneiforschung zuständiger Vizepräsident des Pharma-Riesen Pfizer ("Viagra"), kündigte an, dass seine Firma künftig drei Millionen potenzielle Wirkstoffe für Testzwecke vorhalten werde.

"In den letzten Jahren wurde kein Medikament mehr entwickelt, bei dem nicht die Molekularbiologie Pate stand", sagte Klaus Lindpaintner, Genetik-Experte beim Pharmaunternehmen Hoffmann - La Roche. Alle jemals von der Pharmaindustrie entwickelten Arzneien wirkten auf 500 einzelne Gen-Produkte, meist bestimmte Bauteile der Zelle und ihrer Apparaturen. Das voraussichtlich 2003 endgültig vollendete Humane Genom-Projekt hat rund 30 000 Gene ausgemacht. Wäre nur jedes zehnte Gen oder sein Produkt ein potenzielles Ziel ("Target") für ein Medikament, dann hätte die Industrie ihre Möglichkeiten bereits vervielfacht.

Aber das ist noch nicht einmal die Hälfte der Geschichte. Denn unsere Erbmerkmale werden nicht eins zu eins in Proteine übersetzt, sondern enthalten vermutlich die Bauanleitung für mehr als 140 000 verschiedene Eiweißmoleküle. Diese Proteine wiederum kommunizieren untereinander und mit der Umwelt, bilden Signalsysteme und Netzwerke.

Und dann sind da noch die genetischen Unterschiede von Mensch zu Mensch, die schließlich zur Basis einer maßgeschneiderten "personalisierten" Medizin werden sollen. Eric Lander, Leiter des Genom-Zentrums am Whitehead-Institut für biomedizische Forschung in Cambridge/Massachusetts, teilte mit, dass mittlerweile 2,4 Millionen "Snips" gefunden wurden.

"Snips" nennen die Genomforscher jene Stellen im Erbgut, an denen wir uns in einem einzigen biochemischen Buchstaben von einander unterscheiden. Etwa jeder 500. bis 1000. Buchstabe der Erbinformation ist von Mensch zu Mensch verschieden - möglicherweise ein wichtiger Schlüssel zu unserer biologischen Einzigartigkeit, vor allem aber zu unserer Empfänglichkeit gegenüber Krankheiten. Dem anschwellenden molekularbiologischen Wissen steht in zentralen medizinischen Fragen noch immer großes Unwissen gegenüber. So ist nicht bekannt, wie viele Gene beim Typ-II-Diabetes ("Alterszucker") beteiligt sind. Es könnten zehn, es könnten aber auch 100 sein.

Das Genom eröffnet also nicht nur neue Möglichkeiten, es stellt die Arzneientwickler auch vor das Problem, mit einer sich mehr und mehr entfaltenden Komplexität umzugehen. "Der Heuhaufen, in dem wir nach der Arznei suchen, wird größer und größer", klagte ein Konferenzteilnehmer. Die neuen Techniken haben die Entwicklungskosten bislang nicht gesenkt. Auf zwölf Jahre und rund 800 Millionen Mark bezifferte der Pharmaexperte Norton Peet Entwicklungsdauer und Kosten für einen neuen Wirkstoff.

Damit der Arzneifortschritt für die etablierten Firmen rentabel bleibt, müssen sie eingeschliffene Arbeitsprozesse an vielen Stellen überdenken. Günther Wess, bei Aventis für die Arzneientwicklung zuständig, präsentierte auf dem Kongress sein Zukunftskonzept. Danach soll bei Aventis die Wirkstoffsuche und -entwicklung nicht mehr schrittweise und organisatorisch getrennt erfolgen. Stattdessen sollen die Forscherteams enger zusammenarbeiten und sich gemeinsam auf ein "Target", einen Ansatzpunkt für einen Wirkstoff, konzentrieren. Ein Netzwerk von Forschern soll über die "Target"-Plattform verbunden werden. Für Aventis ist das schon eine kleine Revolution.

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