Gesundheit : "Biotechnology 2000": Island verpachtet seine Gene

Adelheid Müller-Lissner

Gisli Palssons Stammbaum lässt sich wie der seiner Frau bis ins 16. Jahrhundert hinein zurückverfolgen. Und dort haben sie aller Wahrscheinlichkeit nach sogar einen gemeinsamen Vorfahren. Warum der Anthropologe von der Universität Reykjavik das anlässlich einer Pressekonferenz im Rahmen des 11. Weltkongresses für Biotechnologie gestern im ICC erzählte? Die einzigartige Kombination aus Begeisterung für Geschichte und Genealogien auf der einen und geografischer Abgeschlossenheit auf der anderen Seite macht den Inselstaat heute zu einem Objekt der Begierde für die Forschung. Zu einem "natürlichen Genlabor", dem praktischerweise ein bemerkenswert gut geführtes Archiv angeschlossen ist. Denn auch die Akten der Krankenhäuser spiegeln die Liebe zur lückenlosen Buchführung wider.

Der Firma deCODE Genetics, einem Start-up-Gentechnikunternehmen in Reykjavik, wurden im Jahr 1998 nach langen Debatten vom isländischen Parlament die Exklusivrechte für die Entwicklung einer zentralen medizinischen Datenbank zugesprochen. Bei dieser Bündelung von Informationen soll auch das Erbgut der Isländer mit moderner Gen-Kartierung "eingescannt" werden. Die Firma deCODE hat es sich in Kooperation mit dem Pharma-Giganten Hoffmann La Roche zur Aufgabe gemacht, die Erbinformationen der rund 270 000 Bürger Islands zu sammeln und in anonymisierter Form auszuwerten. Das Unternehmen darf die Daten, die dem staatlichen Gesundheitsdienst gehören werden, zwölf Jahre lang exklusiv nutzen.

Manche glauben, dass die Nachfahren der Wikinger dank ihrer geschichtlichen und genetischen Besonderheit drauf und dran seien, wenn nicht ihre Seelen, so doch ihre Körper dem Teufel zu verkaufen. Zumindest diejenigen Bürger, die gegen ihre Erfassung im Großprojekt keinen Widerspruch eingelegt haben: Denn der ausdrücklichen Zustimmung bedarf es nicht. Mit den Einwänden der Kritiker, die deutlich in der Minderheit sind, beschäftigt sich Palsson aus sozialwissenschaftlicher Sicht.

DNS mit "Ikonen-Status"?

Kernpunkt der Ablehnung ist seinen Beobachtungen zufolge die Tatsache, dass ein privates Unternehmen eine solche genetische Landkarte erstellen, vor allem aber vermarkten möchte. "Biopiraterie" lautet der Vorwurf. Interessanterweise hat die genealogische Datenbank dagegen keine Proteste hervorgerufen. Was macht die Frage, wem das menschliche Erbmaterial "gehört", so einziartig? Alastair Kent, Direktor der "Genetic Interest Group" in London, die auch Patientengruppen vertritt, spricht sogar davon, dass die DNS im Bewusstsein der Öffentlichkeit den "Status einer Ikone" eingenommen habe. Die Ursache sieht er darin, dass die wirkliche Rolle der Gene meist verkannt werde. Von wenigen Genen, die allein imstande sind, gefährliche Krankheiten auszulösen, schließe man auf die Mehrheit, die tatsächlich nicht solche entscheidenden Einflüsse ausüben kann.

Gegen Erbkrankheiten anerkannt

Aufklärung und gesellschaftliche Diskussion sind nicht nur in seinen Augen dringend nötig. Auch für Joachim-Friedrich Kapp von Schering ist Akzeptanz der Genforschung und -therapie in der Öffentlichkeit das wichtigste Ziel. Bei weitem am größten ist die Akzeptanz der Gentechnik derzeit schon, wo sie für Tests auf Erbkrankheiten Anwendung findet: Sie gelten, wie Umfragen in Europa, den USA und Japan ergaben, als nützlich und förderungswürdig.

Nicht nur Kent, sondern auch George Poste von den Health Technology Networks in Pennsylvania/USA wies darauf hin, dass die falsche Praxis der Patentämter in der Vergangenheit Misstrauen verursacht hat. Eine Patentierung für Gene, deren Funktion nicht bekannt sei, werde heute jedoch nicht mehr so leicht vorgenommen: Die Behörden könnten inzwischen reine Entdeckungen von wirklichen Erfindungen unterscheiden.

Die Frage "Wem gehören die Gene?" ist für Poste längst geklärt: Auf keinen Fall dem Patentinhaber, denn "ein Patent hat nichts mit Eigentum zu tun." Ohne Patente jedoch, die eine zeitlich begrenzte wirtschaftliche Exklusiv-Nutzung ermöglichen, daran ließ auch Peter Stadler, Geschäftsführer der Pharma-Firma Artemis aus Köln keinen Zweifel, ist die Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente angesichts der horrenden Kosten ausgeschlossen.

Sicherheit könnte die Umsetzung der Biopatent-Richtlinie der EU in deutsches Recht bringen. Obwohl er noch einige konkrete Auslegungsprobleme sieht, plädierte auch Ludger Honnefelder vom Institut für Wissenschaft und Ethik der Uni Bonn dafür: "Wenn ich mir vorstelle, dass wir für eine Revision noch einmal 14 Jahre brauchen, würde ich das auch ethisch für bedenklich halten." Die kniffligen Detailfragen werden seiner Ansicht nach ohnehin eher durch die Spruchpraxis der Patentämter entschieden werden als durch den gesetzlichen Rahmen.

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