Gesundheit : Bioterrorismus: Wenn die Natur zur Waffe wird

Hartmut Wewetzer

Der Tod kommt in einer Wolke. Unsichtbar, geruchlos, geschmacklos. Unaufhaltsam verteilt er sich, wie ein Gas kriecht er in jede Ritze, dringt in jedes Haus und in jede Wohnung. Erst Tage oder Wochen später werden die Menschen krank. Biowaffen! Die Kranken bestürmen die Praxen und Krankenhäuser, aber die Ärzte und Krankenschwestern sind völlig überfordert. Diesen Erreger kennen sie nicht, und es gibt keinen Impfstoff und kein passendes Antibiotikum - jedenfalls nicht so viel, wie man benötigen würde.

In Tagen wie diesen haben solche Schreckensszenerien Konjunktur. Auftrieb bekommen haben sie durch die zwei Milzbrandfälle in Florida, die offenbar auf einem Attentat beruhen. Aber steht uns wirklich eine Art Bio-Apokalypse bevor, ein großer, verheerender Anschlag?

Manche reden von Hysterie

Manche Experten halten solche Vorstellungen für hysterisch und weit übertrieben. Biologische Waffen, sprich: Krankheitserreger, seien einfach zu unberechenbar, ihre Vermehrung und Verbreitung ein zu schwieriges Vorhaben. Terroristen seien damit überfordert. Die würden eher direkte und gezielte Anschläge wie auf das World Trade Center bevorzugen.

Auf der anderen Seite stehen Fachleute, die seit langem davor warnen, die Gefahr aus den Augen zu verlieren. Einer von ihnen ist der Berliner Genetiker Erhard Geißler, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Biowaffen beschäftigt. "Niemand weiß, wie groß das Risiko eines Bio-Anschlags im Moment ist", sagt er. "Das wäre reine Spekulation. Aber es existiert."

Milzbrand, Pocken, Pest und Botulinus-Toxin gelten als die gefährlichsten Biowaffen . Kopfzerbrechen bereitet Geißler vor allem das Pockenvirus. Offiziell gelten die Pocken als ausgerottet, und nur zwei Labors in den USA und Russland sollen den Erreger noch auf Lager haben. Aber inoffiziell munkelt man von acht bis zehn weiteren Laboratorien, in denen noch Pockenviren vorhanden sind. "Und was mit dem Material aus dem sowjetischen Biowaffenprogramm passiert ist, das weiß so genau auch keiner", sagt Geißler.

Weil die Pocken als ausgerottet gelten, wird seit mehr als 20 Jahren nicht mehr geimpft. "Man geht heute davon aus, dass nur noch jeder Fünfte durch eine Impfung geschützt ist", schreibt der amerikanische B-Waffen-Experte Donald Henderson von der Johns Hopkins Universität im Fachblatt "Science". "Unter den Ungeschützten würden die Pocken zu 30 Prozent tödlich sein. Eine Behandlung existiert nicht. In einer Sprühlösung könnte das Virus 24 Stunden oder länger überleben, und es wäre auch in geringer Dosis noch hochansteckend."

Tatort U-Bahnhof. Ein Reagenzglas voller Krankheitserreger, vor einen einfahrenden Zug geworfen, verteilt seine gefährliche Fracht mit dem Unterdruck des einfahrenden Zugs sofort auf dem Bahnsteig. Tausende könnten sich so mit Pocken infizieren und die Krankheit in alle Winde tragen. Amerikanische Wissenschaftler haben diese Möglichkeit durchgespielt.

Der Biowaffen-Experte Geißler macht die Büchse der Pandora noch ein wenig weiter auf. Er hält es für denkbar, dass Terroristen sich selbst infizieren und dann andere anstecken; sie könnten sich sogar vorher gegen den Erreger immunisieren. Geißler erinnert an (niemals ausgeführte) Pläne der Japaner während des Zweiten Weltkriegs, Gefangene anzustecken und sie dann zu entlassen - Menschen als Trojanische Pferde für Biowaffen.

Müssen Terroristen Fachleute für Mikrobiologie sein? Nein. Geißler verweist erneut auf die Japaner, die die Erreger von Pest, Ruhr und Typhus gegen die Chinesen einsetzten. Es gab Hunderttausende von Opfern. Und das, obwohl die Bakteriologie zu jener Zeit noch kaum über den Wissensstand von Robert Koch hinausgekommen war.

Briefumschlag statt Sprühflugzeug

"Man darf nicht militärische Effizienz-Maßstäbe an einen terroristischen Anschlag anlegen. Terroristen genügt ein tragbarer Zerstäuber für Kleingärtner oder ein Briefumschlag, um Milzbrand zu verbreiten. Sie brauchen kein Sprühflugzeug." Auf der anderen Seite muss man auch hochentwickelte gentechnische Methoden in Betracht ziehen, wenn es um die Entwicklung biologischer Waffen geht. Mikroben können genetisch "scharf gemacht" werden, zum Beispiel gegen Medikamente abgehärtet, gegen Impfung geschützt und vor Erkennung getarnt werden.

"Es ist schon schlimm, was alles denkbar ist", sagt Geißler. "Weil wir einen Anschlag nicht völlig werden verhindern können, müssen wir vorsorgen. Zur Zeit gibt es da erhebliche Defizite." Benötigt werden ausgebildetete und mit Anzügen und Masken ausgerüstete Einsatzkräfte, außerdem genügend Krankenhausbetten, Impfstoff- und Antibiotika-Vorräte. Damit wir nicht völlig schutzlos sind, wenn die Wolke eines Tages niedergehen sollte.

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