Gesundheit : Biowaffen: Interview: "Ein Zerstäuber vom Kleingärtner genügt"

Wann,wo sind bisher Krankheitserreger als biol

Erhard Geissler erforscht die Geschichte der Biowaffen. Er gestaltete die Ausstellung "Schwarzer Tod und Ami-Käfer" an der Urania.

Wann und wo sind bisher Krankheitserreger als biologische Waffen verwendet worden?

Schon im Ersten Weltkrieg wurden biologische Waffen von deutscher Seite zu Sabotagezwecken eingesetzt, um im Ausland Tierseuchen zu erregen.

Und später?

Von 1932 an setzten die Japaner Pest-, Ruhr- und Typhusbakterien gegen die Chinesen ein. Dem sind nach chinesischen Angaben 270 000 Menschen zum Opfer gefallen. Auch während des zweiten Weltkriegs wurden Bakterien und Toxine, also von Bakterien gebildete Giftstoffe, für Attentate eingesetzt. So verübte der Vorläufer des amerikanischen Geheimdienstes CIA einen Anschlag auf den ehemaligen deutschen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht. Das verwendete Bakteriengift namens Staphylokokken-Enterotoxin B tötete Schacht allerdings nicht, sondern verursachte nur eine Darmverstimmung. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Krieges plante der britische Geheimdienst, Hitler und andere Nazigrößen mit Milzbrandbakterien zu infizieren. Nach dem Krieg wollte Stalin Tito mit Pestbakterien umbringen lassen.

Gab es Terroranschläge mit Biowaffen?

Ja. Die japanische Aum-Sekte, die 1995 einen tödlichen Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn verübte, hat anschließend den Ermittlungen zufolge mindestens sechsmal vergeblich versucht, Milzbrandbakterien in Tokio zu verbreiten. Das ist eine zwiespältige Information: Auf der einen Seite zeigt es, dass die Angst der USA vor bioterroristischen Attacken nur zu berechtigt ist. Auf der anderen Seite sind die Anschläge fehlgeschlagen. Das wiederum heißt, dass es doch nicht so einfach ist, solche Aktionen vorzubereiten.

Ein Grund zur Beruhigung?

Wenn gelegentlich die Furcht aufkommt, jeder Terrorist könne nun in einer umgebauten Waschküche Biowaffen schmieden, dann ist das sicherlich überzogen.

Warum?

Die Aum-Sekte hatte eine hervorragende Logistik, Geld und ausgebildete Bakteriologen. Trotzdem und Gott sei Dank hat sie es nicht geschafft, die biologischen Waffen effektiv einzusetzen. Aber wer Anschläge wie auf das World Trade Center vorbereiten kann, der hat vermutlich auch die Mittel, um Biowaffen einzusetzen. Unbegründet sind die derzeitigen Sorgen also auch nicht.

Wie bewerten Sie die Gefahr durch Sprühflugzeuge?

Das offenkundige Interesse der Terroristen in den USA an landwirtschaftlich genutzten Flugzeugen deutet in diese Richtung. Aus Geheimdokumenten wissen wir, dass die deutsche Reichswehr bereits in den 20er Jahren an der kurischen Nehrung in Ostpreußen unter dem Deckmantel der Schädlingsbekämpfung die Verbreitung von chemischen Kampfstoffen mit dem Flugzeug erprobte. Auf die gleiche Weise kann man auch Bakterien oder Viren insgeheim verbreiten. Manche Experten glauben, es würde schon genügen, mit einem Zerstäuber, wie ihn die Kleingärtner auf dem Rücken tragen, begrenzte biologische oder chemische Anschläge auszuführen.

Welche Waffen sind gefährlicher - biologische oder chemische?

Das ist schwer zu sagen. Auf der einen Seite haben wir seit ein paar Jahren eine sehr wirksame Chemiewaffen-Konvention, während Versuche, die B-Waffen-Konvention durch ein Zusatzprotokoll zu stärken, unglücklicherweise gerade am Veto der USA gescheitert sind.

Was hätte das Zusatzprotokoll bewirkt?

Die Konvention war bisher weitgehend zahnlos. Sie enthielt keinerlei Kontrollbestimmungen und regulierte die Forschungsarbeiten an potenziellen biologischen Kampfstoffen nicht. Das Zusatzprotokoll hätte Kontrollen ermöglicht.

Wissen die Geheimdienste genug darüber, wo an B- oder C-Waffen geforscht wird?

Mich hat entsetzt, dass der Anschlag auf das World Trade Center den Geheimdiensten offenbar verborgen geblieben ist. Andererseits ist das keine Überraschung, denn die Geheimdienste haben schon in der Vergangenheit oft sträflich versagt.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Wir haben am Max-Delbrück-Centrum mit Mitteln der Volkswagen-Stiftung die Geschichte der biologischen Waffen erforscht. Dabei fanden wir heraus, dass Engländer und Amerikaner vor dem Zweiten Weltkrieg glaubten, dass Deutschland Milzbrandbomben herstellte und in der Lüneburger Heide den Einsatz der Maul- und Klauenseuche erprobte. Nichts, aber auch gar nichts an diesen Informationen stimmte.

Aber heute wissen die Agenten sicher besser Bescheid.

Mir wurde von Experten immer wieder versichert, die Lage hab sich seitdem grundlegend verbessert. Ich bin aber nach wie vor skeptisch. Über die umfangreichen sowjetischen Verletzungen der B-Waffenkonvention zum Beispiel wurde im Westen zunächst nur wenig bekannt. Auch vom Biowaffen-Programm des Irak hatte man vor Ende des Golfkriegs nur wenig Ahnung. Das ganze Ausmaß dieses Programms wurde nicht etwa durch intensive Recherchen der UN-Kontrolleure an Ort und Stelle offenbart, sondern durch das Überlaufen von Saddam Husseins Schwiegersohn.

Wie sieht es heute im Irak aus?

Seit drei Jahren lassen die Iraker keine Kontrolleure mehr ins Land. Dementsprechend vermuten Fachleute, dass dort immer noch Biowaffen lagern. Vielleicht also ist es ein Fehler, sich nur auf den Terroristen bin Laden und seine Anhänger zu konzentrieren.

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