Gesundheit : "Bitte berühren" - Erlebnispädagogisch aufgebaute Ausstellung zählte bereits mehr als 120.000 Besucher

Dierk Jensen

Mehr als 120 000 Besucher strömten seit der Eröffnung im letzten Jahr ins Multimar Wattforum: "Bitte berühren!" heißt die erlebnispädagogische Maxime im neuen Tönninger Wattenmeer-Zentrum, das ungewohnte Einblicke in das sensible Ökosystem Wattenmeer bietet.

"Es sieht ganz gut aus", resümiert Gerd Meurs nach den ersten Monaten. "Die Begeisterung ist da", sieht der Leiter des Multimar Wattforums sich im museumspädagogischen Konzept bestätigt. "Viele Erwachsene gehen in die Hocke." Für Meurs sichtbares Zeichen dafür, dass die Aquarien, interaktiven Instrumente, Installationen und audiovisuellen Medien im Erlebniszentrum beim Publikum gut ankommen: Eltern und Kinder tasten, berühren und spielen mit den Objekten, die "die Geheimnisse des Naturraumes Wattenmeer" lüften helfen.

Kein Zweifel: Die schleswig-holsteinische Westküste ist mit dem Multimar Wattforum um eine Attraktion reicher, aber nicht nur für die Touristen, sondern auch für die Einheimischen, für Schulen und Institutionen. Zudem hat der Nationalpark Wattenmeer mit dem Wattforum das lange eingeforderte "Nationalparkhaus" erhalten; "ein Haus, das die Themenbereiche Wissenschaft, Wirtschaft und Naturschutz in beeindruckender Weise miteinander verbindet", sagte Ministerpräsidentin Heide Simonis zur Eröffnung.

Während nun der politische Streit um die Novellierung des Nationalparkgesetzes weiter anhält, sieht sich Meurs als Medium zwischen festgefahrenen Positionen. "Wir wollen zwischen einheimischer Nutzungskultur und Naturschutz vermittelnd wirken." Dabei geht es den Machern vor allem um erlebnisorientierte Vermittlung des einzigartigen Natur- und Kulturraumes - und seiner Probleme. "Wir wollen nicht drohend den Zeigefinger erheben, wir wollen den Besucher unterhaltsam an das Wattenmeer heranführen", erläutert Meurs den Versuch, das bisherige Kommunikationsdefizit zwischen Meereswissenschaften und Öffentlichkeit abzubauen. Das Credo der Tönninger: "Erst aus dem Erleben und Begreifen der Natur entsteht ein Verständnis für wissenschaftlich begründete Naturschutzmaßnahmen."

"Bitte berühren!" ist deshalb die elementare Botschaft im Multimar Wattforum. Was insbesondere die Kinder auf der 800 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche in die Tat umsetzen. So fahren sie platschend durch das "Touchpool", treten auf einem "hometrainer" mächtig in die Pedale und erfahren dabei über eine Lichtskala, wie schnell sie im Vergleich zu Seevögeln unterwegs sind. Kopfhörer und PC unterstützen dabei das umweltpädagogische Konzept. Diese Medien lotsen durch die Dauerausstellung, die vom "fühlbaren Pulsschlag einer Pfeifente" bis zum "abgetauchten" Wattwanderer reicht. Infofilme und ein Mikroskopier-Raum runden das Programm ab. Und wie kleine Kunstwerke hängen Muscheln und Wattwurm - der heimliche Star des Ökosystems - als Skulpturen in überdimensionaler Größe über den Köpfen der Besucher.

Die hohen Besucherzahlen zeigen offenbar, das diese Art Erlebnispädagogik im kantigen, fast nüchtern wirkenden Beton-Glas-Bau ankommt. Dabei wirbt sie en passant für wissenschaftliche Forschung und ein aufwendiges Monitoring des Ökosystems. Überdies leistet sie nachhaltige Bildungsarbeit, die bestenfalls in umweltbewusstes Verhalten mündet.

Was sich die Geldgeber, das Land Schleswig-Holstein, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und das Bundesamt für Naturschutz eine Stange Geld kosten ließen: Insgesamt 16,1 Millionen Mark wurden aufgebracht, um das schiffsähnliche Gebäude am Eiderdeich zu realisieren. Allen Unkenrufen zum Trotz scheint es gut investiertes Geld zu sein. Zudem wollen die Betreiber langfristig ein Betriebskonzept entwickeln, das auch ohne staatliche Mittel schwarze Zahlen schreibt. Die Chancen stehen nicht schlecht. Es gibt regen Zuspruch von den Umweltverbänden und überdies ist das Multimar an der ganzen Westküste von Größe und Anspruch her nur noch mit dem "Wattenmeerhaus" in Wilhelmshaven und dem "Ecomar" auf der holländischen Insel Texel zu vergleichen.

Um auch weiterhin Publikumsmagnet zu bleiben, laufen derzeit Planungen, das komplette Skelett eines im Herbst 1997 vor der dänischen Insel Römö verendeten Pottwales auszustellen. Das 16 Meter lange Wal-Skelett wird derzeit noch im Meereskundemuseum in Stralsund präpariert.

Es ist ein imposantes, aber auch warnendes Objekt, von dessen umweltpädagogischer Wirkung Meurs überzeugt ist. "Wenn die Besucher ein Gefühl für den Lebensraum entwickeln und wenn sie dann ins Watt gehen, um die Natur direkt zu erleben, dann haben wir viel erreicht."

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