Gesundheit : Blick ins Leere

Was sich im Gehirn Depressiver abspielt

Christian Guht

Da hätte Sigmund Freud nicht schlecht gestaunt. Der Wiener Nervenarzt und Begründer der Psychoanalyse brauchte Wochen, um seinen Patienten in die Seele zu schauen. Jetzt – rund 100 Jahre später – bekommen seine Nachfolger in einer halben Stunde ein Bild von der Trauer im Kopf.

Depression ist eine häufige und gefährliche Krankheit: Drei Millionen Deutsche sind depressiv, 12000 nehmen sich pro Jahr das Leben. Doch die Einsicht, dass es sich um eine behandlungsbedürftige Störung handelt, ist weitaus geringer verbreitet. Der Schmerz ließ sich bislang nicht lokalisieren, die Seele nicht angucken. Der Psychiater hatte nur das Wort als Diagnoseinstrument.

In den letzten Jahren aber dringt die moderne Technik zunehmend auch in unsere Gedanken und Gefühle vor. „Wir bekommen jetzt ein detailliertes Bild von der Anatomie der Melancholie“, sagt Fritz Henn, Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. Besonderes Augenmerk legt der Wissenschaftler auf eine kleine Struktur tief in der Schläfenregion des Gehirns: den Hippocampus. Dieses Hirngebiet speichert Gedächtnisinhalte, verarbeitet und steuert aber gleichzeitig auch Emotionen. Henn wies mit der Magnetresonanz-Spektroskopie (MRS) nach, wie bei Depressiven diese Region aus dem Lot gerät.

Das Verfahren der Spektroskopie setzen Physiker und Chemiker schon lange ein, da es sich zur Analyse molekularer Bestandteile eignet. Neue Rechner ermöglichen nun aber die Kombination mit den Bildern der Magnetresonanztomographie (MRT), so dass sich kleinste Stoffkonzentrationen örtlich zuordnen lassen. Etwa die der chemischen Substanz Cholin im Gehirn. Cholin ist ein natürlicher Stoff, dessen Konzentration ansteigt, wenn die Nervenzellen aktiv sind. Fritz Henn gelang es mit der MRS-Technik, eine geringere Konzentration Cholin im Hippocampus Depressiver festzustellen. Wurden die Patienten medikamentös behandelt und besserte sich ihre Stimmung, konnte er hingegen einen Wiederanstieg des Cholins abbilden. „Die Bilder illustrieren eindrücklich die direkte Wirksamkeit von Psychopharmaka“, sagt der Wissenschaftler. Nun wollen die Psychiater auch die Wirksamkeit von Psychotherapie zusätzlich im Bild kontrollieren, was für die Forschung große Bedeutung hat.

In der Praxis allerdings bleiben die geschulten Sinne des Psychiaters weiter wichtig, denn die Technik sei für den Routineeinsatz noch zu wenig erprobt und vor allem zu teuer, gibt Henn zu.

Doch empfehlen sich auch weitere Methoden, den Psychiatern den Zugang zur Apparatemedizin langsam zu öffnen. Dazu trägt vor allem die Weiterentwicklung der Kernspin- oder auch Magnetresonanztomographie (MRT) bei. Sie gilt als beste Methode, um auch kleine Defekte, Tumoren oder Blutungen im Gehirn zu erkennen. Für die Psychiater wurde die MRT interessant, weil sie auch Störungen der Hirnfunktion sichtbar machen kann, etwa die veränderte Hirndurchblutung bei Denkaufgaben. „Wir können jetzt Fehlfunktionen im Gehirn sehen, die uns gezieltere Therapien erlauben und die auch den Patienten helfen, die Krankheit anzunehmen“, sagt Sabine Herpertz von der Uni Rostock.

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