Gesundheit : Blick ins lügende Hirn

Bas Kast

Das Urteil vom Gericht von Council Bluffs im US-Bundesstaat Iowa war eindeutig: Am Abend des 22. Juli 1977, so der Richterspruch, hatte der 17-jährige Terry Harrington den Polizisten John Schweer erschossen. Der Täter selbst allerdings beteuert seit 24 Jahren, er habe an diesem Abend mit Freunden ein Konzert besucht. Wer hat recht, das Gericht oder Harrington?

Mord oder Musik - das ist die Frage. Ein Lügendetektor, der diesen Namen verdienen würde, könnte die Antwort geben. Herkömmliche Lügendetektoren messen den elektrischen Hautwiderstand (der nachlässt, wenn wir anfangen zu schwitzen), den Puls, die Atmung. Seit neuestem aber sind Detektoren im Gespräch, die direkt am Ort der Lüge messen: am Gehirn.

Im Zentrum des Interesses steht dabei eine Hirnwelle, die man mit dem EEG (Elektroenzephalogramm) messen kann, "P300". Das Hirnpotenzial zeigt sich, 300 Millisekunden nachdem man einer Person einen überraschenden Reiz dargeboten hat. "Ich trinke Kaffee mit Milch und Schuhen", sagt Onur Güntürkün, Hirnforscher von der Universität Bochum. "Bei Kaffee war alles noch in Ordnung - die Schuhe aber lösen eine heftige P300-Welle aus, weil das eben eine Überraschung ist."

Den "Überraschungs-Effekt" können sich Kriminologen zu Nutze machen, indem sie dem Verdächtigen Bilder vorlegen, die er gesehen haben muss, wenn er tatsächlich der Täter ist, die Tatwaffe, den Tatort, das Opfer.

Hier ergibt sich allerdings das erste Problem: Denn einerseits sind die Bilder dem Täter vertraut, weshalb seine P300-Welle eigentlich geschwächt sein müsste (die Bilder sind keine Überraschung). Andererseits scheint die P300-Welle so etwas wie erhöhte Aufmerksamkeit widerzuspiegeln: lösen die Bilder starke Emotionen und damit Aufmerksamkeit aus, steigt die P300-Welle. "Es ist sehr komplex, und ich bin skeptisch, ob solche Hirn-Lügendetektoren funktionieren", bilanziert Irene Daum, Neuropsychologin an der Universität Bochum.

Der amerikanische Hirnforscher Lawrence Farwell geht deshalb über P300 hinaus und hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich mehrere Potenziale gleichzeitig messen lassen - es ist bereits die Rede vom "Hirnwellen-Fingerabdruck". Bei Farwells Experimenten traten beispielsweise CIA- oder FBI-Agenten gegen Zivilisten an. Verkabelt am EEG, gaben sich alle als Zivilisten aus. Farwell konnte anhand der Hirnwellen mit 100-prozentiger Sicherheit angeben, welcher Proband schwindelte.

Der Forscher hat auch den verurteilten Polizistenmörder Harrington untersucht. So zeigte er ihm unter anderem Bilder vom Tatort. Das Resultat: negativ. Allerdings lag die Tat zum Zeitpunkt des Tests schon 24 Jahre zurück. Vielleicht eine Gedächtnislücke? Farwell testete weiter und zeigte, dass sich Harrington bis in die Einzelheiten an das Konzert, das er zur Tatzeit besucht haben will, erinnern konnte. Am Urteil allerdings ändert dies nichts: US-Richter dürfen Ergebnisse von Lügendetektoren zwar berücksichtigen, müssen das aber nicht.

"Auch Computertomografen können zeigen, was im Hirn einer Person wirklich vorgeht - egal, was diese Person behauptet", sagt Christian Keysers, Hirnforscher an der Universität Parma. So ergibt eine neue Studie im Fachblatt "Science", dass man allein aufgrund der Hirnaktivität darauf schließen kann, was eine Person gerade sieht - ein Haus oder ein Gesicht. "So könnte man eines Tages vielleicht auch Schuldgefühle im Hirn lokalisieren", sagt Keysers.

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