Gesundheit : Blockieren, besetzen - und diskutieren

Studenten machen weiterhin Wirbel / Ostdeutsche Hochschüler verabschieden ForderungskatalogUnd dann explodierte das Audimax der Humboldt-Universität.Als Peter Radunski sagte: "Sie glauben doch nicht, daß der Senat mit Studentenvertretern verhandelt, die gerade mal durch eine zehnprozentige Wahlbeteiligung legitimiert sind", ging ein Eierregen auf den Wissenschaftssenator nieder.Blitzschnell spannten seine Bodyguards mehrere Regenschirme auf, denn sie hatten wohl ähnliches erwartet.Allen Beteiligten war klar, daß der Wissenschaftssenator bei seinem ersten Besuch bei Studenten seit Beginn der Streikationen einen schweren Stand haben würde."Sie haben Berlin zur Hauptstadt des Bildungsabbaus gemacht", machte gleich zu Beginn der Veranstaltung Carl Wechselberg vom FU-AStA die Fronten klar.Und Rainer Wahls, studentischer Vertreter im HU-Senat setzte nach: "Ihr Stuhl wackelt.Wir haben die Macht, Verhandlungen mit dem Senat zu erzwingen." Keine Frage, der Ton zwischen Studenten und Senat wird rauher.Auch der Peter Radunski stand offensichtlich unter großer Anspannung.Für ihn ungewohnt heftig reagierte er auf die Kritik der Studenten am Wissenschaftsstandort Adlershof."Wenn Sie die Zukunftschancen, die Ihnen die praxisnahe und interdisziplinäre Ausbildung in Adlershof einmal bieten wird, nicht sehen, dann haben Sie ein Brett vor dem Kopf." Er sei stolz auf seine Politik, betonte Radunski.Zwanzig Hochschulbauten seien in Berlin in Angriff genommen worden, das sei einzigartig für ganz Europa."Die Naturwissenschaften sind unsere Zukunft." Dafür versuche er mit Adlershof den Raum zu schaffen."Im Vergleich zu den anderen Bundesländern sind die Berliner Naturwissenschaftler schon jetzt Spitze", sagte Radunski.Das müßten die Geisteswissenschaften eben noch lernen. Von dieser vermeintlich guten Bildungspolitik wollten die Studenten im Audimax nichts wissen - im Gegenteil.Radunski habe im Berliner Senat die Priorität der Bildung nicht nachdrücklich verteidigt, sagte Daniel Philipp vom TU-AStA."Wir müssen ihre miese Politik jetzt ausbaden." Auch den anderen vom Senator immer wieder auf seiner Haben-Seite verbuchten Erfolg der Hochschulverträge ließ das Auditorium nicht gelten.Während Radunski auf die Planungssicherheit für die Hochschulen hinwies und den Neid von anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes in Berlin, die im Gegensatz zu den Hochschulen eine Sparrunde nach der anderen ertragen müßten, erntete er nur Kritik.müßten des Senatorslud sich der Protest der das Audimax der Humboldt-Universität.wer denn bei den Verhandlungen uftakt der vierten Streikwoche verspricht weiteren Wirbel: Am Montag haben Studenten der Humboldt-Universität versucht, die Zufahrten zur Reichstagsbaustelle zu blockieren.Wie die Polizei mitteilte, konnten sie aber den Verkehr nicht verhindern.Gleichzeitig drangen am Vormittag etwa zehn Studenten in das Präsidialbüro der Technischen Universität ein, während TU-Präsident Hans-Jürgen Ewers außer Haus war.Nach Angaben einer Universitätssprecherin überbrachten die Besetzer dem Hausherrn ein Schreiben.Sie betonen darin, daß es nicht nur um mehr Geld für die Hochschulen gehe."Unsere gegenwärtigen Proteste richten sich gegen eine unsoziale gesamtgesellschaftliche Prioritätensetzung", heißt es.An der Kreuzung Spandauer Straße/Karl Liebknecht Straße formierten sich gestern am frühen Abend Studenten der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft zu einem Lichterkreuz. Der FU-Professor Peter Grottian forderte unterdessen die Hochschullehrer auf, ihre Arbeit aus Protest gegen die schlechte Situation an den Unis ebenfalls niederzulegen.An seine Kollegen gerichtet sagte er der Tageszeitung "B.Z." (Montagsausgabe): "Wenn sie Defizite an den Hochschulen beklagen, müssen sie auch eine symbolische Regelverletzung folgen lassen, um zu zeigen, daß sie es ernst meinen." Nach Ansicht von Grottian wird die junge Generation wegen fehlender Lehrstellen um ihre Zukunft betrogen.Er wundere sich darüber, wie still die Jugend die Entwicklung hinnehme.Der FU-Professor setzt sich seit Jahren für Teilzeitprofessuren sein; er selbst hat eine Zweidrittel-Professur.Die Unis sollten "gute, junge Leute halten, anstatt ein professorales Altenheim zu organisieren". Weiterhin wollen die Berliner Studenten gegen Bildungsabbau und für eine sozial gerechtere Gesellschaft protestieren.Wie berichtet, beschlossen Studenten von HU und TU auf ihren Vollversammlungen in der letzten Woche, den Streik bis Anfang Januar fortzusetzen; auch FU-Studenten wollen bis nach den Weihnachtsferien streiken.Da die Teilnehmerzahl der letzten Vollversammlung jedoch nicht die für die Beschlußfähigkeit erforderlichen 2000 erreichte, liegt die Verantwortung bei den Fachbereichen, die einzeln in Vollversammlungen entscheiden, ob sie streiken wollen oder nicht.Germanisten und Publizisten haben den Streik eingestellt.Ebenso hat die FHTW auf ihrer letzten Vollversammlung entschieden, ab Donnerstag nicht mehr zu streiken.Das bedeute aber nicht, daß die Studenten ihre Protestaktionen einstellten, betonte der AStA der FHTW in einem Schreiben. Derweil haben die Vertreter von rund 25 ostdeutschen Hochschulen bei einem Treffen in Potsdam am Wochenende ein Strategiepapier verabschiedet, das ihre Forderungen erstmals zusammenfaßt.Wie im Westen so auch im Osten Deutschlands pochen die Studenten auf eine umfassende Demokratisierung der Hochschulen und damit mehr Mitbestimmung und verlangen ein Verbot von Studiengebühren, das im Hochschulrahmengesetz festgeschrieben werden müsse. Darüber hinaus lehnen sie alle Regelungen ab, die den Zugang zu den Hochschulen beschränken.Außerdem verlangen sie ein elternunabhängiges, sozial verträgliches und gerechtes BAföG- Modell.Es könne nicht angehen, daß 60 Prozent aller Studenten während ihres Studiums arbeiten müssen, heißt es. Außerdem wünschen die Studenten eine gesellschaftliche Öffnung der Hochschulen.An jeder Hochschule solle es ein Kuratorium geben, das sich aus Mitgliedern der Hochschule, Vertretern von Gewerkschaften sowie Frauen- und Umweltverbänden zusammensetze. In Potsdam hatte sich zudem ein "Brandenburger Bündnis gegen Sozial- und Bildungsabbau" mit Studenten und Vertretern von Gewerkschaften, Arbeitsloseninitiativen, Schülerbewegungen, Behindertenverbänden und Jugendorganisationen gegründet, das in ähnlicher Form auch schon in Berlin existiert. Erste Aktion der Brandenburger soll am heutigen Dienstag eine Demonstration unter dem Motto "Den Haushalt kippen" sein.Anlaß ist die zweite Lesung zum Haushalt 1998 am kommenden Mittwoch im brandenburgischen Landtag.dpa/ddp-ADN

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