Gesundheit : Bloß keine Schnitzer

Die Schule bringt Kinder um ihre Chance, aus Fehlern zu lernen

Anja Kühne

John Abbott hatte sein Schlüsselerlebnis im Latein-Unterricht, als er gerade zum dritten Mal durch die Prüfung gefallen war. Noch ein Flop, und der Rausschmiss aus der Schule würde ihm sicher sein. Und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da er zum besten Nachwuchs-Holzschnitzer des Vereinigten Königreichs gewählt worden war. In der Schule interessierten seine handwerklichen Fähigkeiten natürlich niemanden.

Nur Abbott selbst fragte sich, wie es möglich war, dass ein brillanter Holzschnitzer ein völliger Versager in Latein war. Die Antwort, die er fand: „Ich schaffe Latein nicht, weil ich selbst nicht in der Verantwortung bin.“ Kurzerhand meldete er sich vom Latein-Unterricht ab, um in den nächsten Wochen ohne den Lehrer zu pauken – und bestand. Inzwischen ist Abbott im Rentenalter und hat eine Karriere als Lehrer und Schulleiter hinter sich. Als Präsident der 1995 gegründeten internationalen „21st Century Learning Initiative“, in der 60 Erziehungswissenschaftler, Lehrer, Geschäftsleute und Politiker vereinigt sind, engagiert sich der in den USA lebende gebürtige Ire für neue Ansätze in Bildung. In Berlin, wo Abbott am Dienstag auf Einladung der Berlin British School sprach, hielt er ein flammendes Plädoyer für die Do-it-yourself-Methode. Schule und Lernen sind keineswegs synonym, so seine provokante These: Wir überschulen und „untererziehen“ unsere Kinder.

Wie kann es sein, fragt Abbott, dass kleine Kinder wie trockene Schwämme alle Informationen aufsaugen, während die älteren dem Lernen häufig nichts mehr abgewinnen können? „Die Schule zerstört das Verantwortungsbewusstsein“, meint Abbott. Den Schülern wird bei überfrachteten Lehrplänen zu wenig Gelegenheit gegeben, sich selbst auszuprobieren und aus eigenen Fehlern zu lernen. Im 45-Minuten-Takt des Ein-Fach-Unterrichts, in dem die Lehrer den Stoff schnell in die Köpfe trichtern müssen, bleibt kaum Zeit für Kreativität. So geben viele Schüler auf. Dabei kommt es im Leben nicht auf die Masse des Wissens an, sondern auf die Lust zu lernen, glaubt Abbott. Die beste Motivationsspritze ist aber, die Schüler selbst etwas tun zu lassen. Das hat auch den schönen Nebeneffekt, dass schließlich mehr hängen bleibt, wie er mit einem chinesischen Sprichwort illustrierte: „Erzähl mir’s, und ich vergesse es. Zeig’s mir, und ich erinnere mich dran. Lass es mich tun – und ich verstehe es.“

Doch geht es ihm nicht nur um die „Überschulung“. Die „Untererziehung“ ist die andere Seite der Medaille. Die Erwachsenen sind zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie den Teenagern ihre spätere Rolle vorleben könnten, wie es in vormodernen Gesellschaften noch üblich ist, kritisiert Abbott. So fühlen sich die Jugendlichen nutzlos und sehen sich der Zukunft nicht gewachsen.

Abbott ist kein Wissenschaftler, sondern ein Missionar der Bildung. Für seine jährlich 100 Vorträge in aller Welt schöpft er aus einer Fülle neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und vielen altbekannten pädagogischen Weisheiten, die er mit persönlichen Erfahrungen und Bonmots verbindet. Das pisagestresste Publikum lässt sich gerne von seinem Eifer mitreißen. Denn seine Botschaft leuchtet ja ein: „Bildung ist zu wichtig, um sie alleine dem Bildungsministerium zu überlassen.“

Mehr zum Thema im Internet unter:

www.21learn.org

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