Gesundheit : Bobo und Soso von der Schellackplatte

JOSEFINE JANERT

Das antike Abspielgerät rumpelt leicht.Dann setzt es sich fast widerwillig in Bewegung.Die Männerstimme ist hoch, nahezu feminin.Sie gibt eine melancholische Weise zum besten.Die Melodie steigert sich zu einem dramatischen Auf und Ab.Ein Blick in die Unterlagen des Lautarchivs zeigt, was sich hinter diesem eigentümlichen Singsang verbirgt.Der 23jährige Badan Singh aus Khaipur trug am 9.Dezember 1916 gegen fünf Uhr nachmittags ein Lied vor.Er hatte den Text selbst geschrieben.Die Wörter sind in Panjabi, einer indischen Sprache.Badan Singh befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf.Welche verschlungenen Wege sein Schicksal später nahm, ist nicht überliefert.Nur seine markante Stimme blieb der Nachwelt erhalten.In einem staubigen Ordner sind der Text im Original, die phonetische Umschrift und die deutsche Übersetzung abgeheftet.

Die Schallplatten sind aus Schellack."Wenn ich die jetzt fallenlasse, geht ein einmaliges Dokument verloren", warnt der Musikethnologe Jürgen Mahrenholz und packt die Scheibe mit dem Gesang von Badan Singh behutsam zurück in eine Schublade.Dort lagern 3 778 Sprach- und 725 Musikaufnahmen aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts.

Etliche Tondokumente stammen von Personen, die im Ersten Weltkrieg gefangen genommen wurden."Die erste Aufnahme entstand am 29.Dezember 1915 im Lager Döberitz", sagt Jürgen Mahrenholz: Es handelt sich um einen Tataren, der von einem Chor begleitet das Lied "Abendglocken" singt.Berliner Wissenschaftler fuhren damals gezielt in die Lager und nutzten deren Nationalitäten-Vielfalt für ihre eigenen Forschungen.Die Internierten, die sich für das eigenartige Projekt zur Verfügung stellten, erhielten dafür Vergünstigungen.Auch während des Zweiten Weltkrieges wurden die Stimmen von Kriegsgefangenen festgehalten.Sie lasen Texte in ihrer Muttersprache oder sangen Volkslieder.

Ein weiterer Teil der Schellack-Platten stammt von Bürgern, die in den zwanziger und dreißiger Jahren vors Mikrofon gebeten wurden.Auf diese Weise wurden deutsche Mundarten dokumentiert - von Pfälzisch bis Hinterpommersch, von Nordniedersächsisch bis Ripuarisch.Auch berühmte Zeitgenossen sind in der Sammlung mit historischen Äußerungen vertreten.Der Physiker Max Planck taucht ebenso auf wie der Sozialdemokrat Friedrich Ebert."Ihre Reden wurden allerdings nachgestellt", sagt Wolfgang Auhagen, der das Archiv leitet."Man hat die Leute hinterher hergebeten." Zu Beginn des Jahrhunderts fehlten die technischen Möglichkeiten, um die Politiker-Auftritte live mitzuschneiden.



Der Drang, neue technische Entwicklungen für die Wissenschaft zu nutzen, ergriff im damaligen Berlin gleich eine ganze Reihe von Forschern.Das Lautarchiv geht auf die Initiative von Wilhelm Doegen zurück, einem Anglisten, der von einem "Stimmen-Museum der Völker" träumte.Mit Unterstützung einer "Preußischen Phonographischen Kommission" trug er allein zwischen 1915 und 1919 rund 1600 Lautaufnahmen zusammen.Nach eigenen linguistischen Studien hatte der Gymnasiallehrer 1909 ein "Englisches Selbstunterrichtswerk" mit Schallplatte und Lautschrift herausgegeben.Diese Form des Lernens war damals ein Novum.Bereits 1900 nahm der Psychologie- Professor Carl Stumpf den Vortrag thailändischer Hofmusiker auf, die in Berlin gastierten.Das Dokument bildete wiederum den Grundstock für das Berliner Phonogramm-Archiv.Diese Sammlung gehört heute zum Museum für Völkerkunde in Dahlem.Sie enthält im Unterschied zum Lautarchiv vor allem Musik.

Während des Kalten Krieges waren beide Archive voneinander losgelöst in Ost- und West-Berlin untergebracht.Erst jetzt ist die fachliche Kooperation wieder möglich.Doegens wertvolle Platten erlitten zudem an der Humboldt-Universität "eine wahre Odyssee", erzählt Jürgen Mahrenholz.Eine Weile wurden sie sogar auf einem Korridor aufbewahrt - man weiß nicht, wieviele Platten dabei verlorengingen.Jetzt bemüht sich der Wissenschaftler, Lücken zu schließen.

Denn in den hellen Räumen Am Kupfergraben 5 treffen regelmäßig Anfragen aus aller Welt ein.Koreanische Wissenschaftler interessieren sich für die Schellack-Platten mit Koreanisch-Texten.In ihrem Land gibt es kaum vergleichbare Tondokumente, weil die technische Entwicklung seinerzeit noch nicht so weit fortgeschritten war.Andere Forscher beschäftigen sich mit der Kultur der deutschen Bevölkerung, die in Siebenbürgen oder an der Wolga beheimatet war.Sie haben gehört, daß es im Lautarchiv Aufnahmen von dem Deutsch gibt, das einmal in diesen Gegenden gesprochen wurde.Manchmal kommen auch Nachfragen aus den Städten, in denen sich einst Kriegsgefangenenlager befanden.Lokale Historiker wollen deren Geschichte aufarbeiten und recherchieren über die Insassen.

Das Lautarchiv steht Privatpersonen bislang nicht offen.Weil die Sammlung so außergewöhnlich und gleichzeitig so gefährdet ist, soll sie aber digitalisiert werden.Statt alter Platten gibt es dann überspielte Versionen und die dazugehörige Datenbank.Eine kleine CD-Reihe mit einer Auswahl historischer Aufnahmen ist für die nächsten Jahre geplant.Sie wird jedermann zugänglich sein.Dann können sich Linguistik-Studenten und Hobbyforscher, Volkskundler und Radio-Journalisten mit ungebremsten Elan auf die Dokumente stürzen, auf Bayerisch und Bobo, Syrjänisch und Soso.

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