Gesundheit : Bojen gegen den falschen Alarm

Indonesien hat sich für das deutsche Flutwarnsystem entschieden – es soll zuverlässiger sein als das Pazifik-Netz

Roland Knauer

Nach der Entscheidung Indonesiens für das deutsche Tsunami-Frühwarnsystem soll dessen Aufbau nun rasch beginnen. Zwar müsse man noch Einzelheiten vereinbaren, aber ein entsprechender Vertrag könne im März unterzeichnet werden, sagte eine Sprecher des Bundesforschungsministeriums am Wochenende. Bereits von Oktober an soll ein deutsches Forschungsschiff Meeresbojen vor den Küsten Indonesiens auslegen. Erste Anlagen können dann nach Auskunft des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) womöglich schon in eineinhalb Jahren in Betrieb genommen werden.

Die indonesische Provinz Aceh war am schwersten von der durch ein Seebeben im Dezember hervorgerufenen Flutkatastrophe betroffen. Schätzungen gehen von insgesamt bis zu 280000 Toten aus.

Bei einer großen Konferenz der Vereinten Nationen im japanischen Kobe hatten die Teilnehmerstaaten vor einer Woche gefordert, zunächst für die Länder am Indischen Ozean ein Flutwarnsystem aufzubauen. „Später soll dieses System auf andere Meere ausgedehnt werden, Teile davon können auch für die Warnung vor anderen Katastrophen genutzt werden", sagt Jörn Lauterjung vom GFZ. „Deutschland hatte ein konkretes Angebot für ein System vorgelegt, das besser als das bereits existierende Tsunami-Warnsystem im Pazifik ist.“ Grundlage dafür ist das „Geofon“-Netz des GFZ, in dem über den Globus verteilte Mess-Stationen Erdbebenwellen aufzeichnen: Starke Erschütterungen werden automatisch lokalisiert, sofort ins Internet und per Email an verschiedene Nutzer wie Katastrophenbeauftragte und Medien weitergeleitet.

Knapp zwölf Minuten nach dem Beben der Stärke 9 am zweiten Weihnachtstag lieferte das GFZ auf diesem Weg eine erste Warnung. Ausgerechnet um den Indischen Ozean aber hat das „Geofon“-Netz eine große Lücke. Das gewaltige Erdbeben wurde daher erst ein paar Minuten später von entfernteren Stationen registriert, als die Wellen dort eintrafen. Wertvolle Zeit ging verloren.

Zwar messen auch in Südasien nationale Stationen Erschütterungen im Erdinnern. Viele Länder jedoch veröffentlichen ihre Ergebnisse nicht online, da man mit solchen Messungen auch Atomwaffentests der Nachbarnationen erkennen und analysieren kann. Mit 40 neuen Breitbandseismometern rund um den Indischen Ozean soll diese Lücke daher zunächst geschlossen und so die Vorwarnzeit verkürzt werden.

Ein ähnliches Beobachtungsnetzwerk existiert bereits rund um den Pazifik. Für sich genommen löst es allerdings sehr viele Fehlalarme aus, wie das Beispiel Japan zeigt: Obwohl die Japaner Erdbebenspezialisten sind, donnert dort nicht einmal nach jeder fünften Tsunami-Warnung eine Riesenwelle an Land. Eine so hohe Fehlalarmquote kann fatal enden. Rollt tatsächlich ein Tsunami heran, nimmt niemand die Warnung ernst. Die Amerikaner haben daher am Meeresboden vor Alaska und Kalifornien jeweils drei Sensoren verankert, die Tsunamis an Veränderungen des Wasserdrucks erkennen. In Deutschland ist das Leibniz-Institut für Meeresforschung in Kiel spezialisiert auf solche Drucksensoren. „Wir haben einige dieser Sensoren in verschiedenen Meeresgebieten im Einsatz“, sagt IfM-Wissenschaftskoordinatorin Nicole Schmidt. Zehn solche Geräte dürften im Indischen Ozean ausreichen, um Tsunamis recht zuverlässig zu erkennen.

Mit diesen Daten kann ein Rechenzentrum im Prinzip auch vorhersagen, wann ein einmal entstandener Tsunami an einem bestimmten Küstenabschnitt eintreffen wird und wie hoch die Wellen sein werden. Im Pazifik funktioniert dieses System recht gut, weil die Wellen meist einige Stunden unterwegs sind und dabei auch einige Inseln passieren. Dort registrieren Pegelmesser die Wellen, und die Warnzentren können ihre Rechnungen noch einmal verfeinern.

Im Indischen Ozean oder im noch kleineren Mittelmeer gibt es diese Möglichkeiten nicht. Die Tsunamis an Weihnachten verheerten bereits nach zwei bis zweieinhalb Stunden die Küsten Sri Lankas und Indiens, im Mittelmeer bleiben vielerorts sogar nur ein paar Minuten Vorwarnzeit. Nötig wären also Warnsysteme, deren Tsunami-Prognosen von vorneherein besser sind.

Das funktioniert aber nur mit zusätzlichen Daten – und damit können die GFZ-Forscher dienen: Sie haben Bojen entwickelt, die mit Hilfe des Satellitenortungssystems GPS – in Zukunft auch mit „Galileo“ – die Höhe der Wellen ziemlich genau bestimmen können, die eine solche Boje auf und ab schaukeln lassen.

Zwar sind Tsunamis im offenen Meer oft nur 20 oder 30 Zentimeter hoch. Man kann sie aber auf Grund ihrer extrem großen Wellenlänge sehr gut erkennen. Die Bojen für solche Messungen müssen nicht einmal zusätzlich angeschafft werden: Die Drucksensoren am Meeresgrund liefern ihre Daten ohnehin über ein Kabel an eine Boje auf der Oberfläche, die alle Messungen an einen Satelliten funkt.

Dieselben Bojen kann man also auch als Wellenmesser verwenden, wenn man sie mit einem geeigneten GPS-Gerät ausrüstet. Das verbessert das Tsunami-Warnsystem weiter. Das deutsche System sollte auch bei den noch ausstehenden Verhandlungen der Unesco gute Chancen haben. /dpa

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