Gesundheit : Bonobos in der Schusslinie: Kriege in Afrika gefährden seltene Menschenaffen und deren Erforschung

Matthias Glaubrecht

Kriege bringen nicht nur für Menschen unzähliges Leid. In Zentral- und Westafrika bedrohen wildernde und marodierende paramilitärische Verbände das Überleben seltener Menschenaffen und gefährden deren Erforschung. Den seit anderthalb Jahren andauernden bürgerkriegsähnlichen Unruhen in der Demokratischen Republik Kongo, dem ehemaligen Zaire, fallen derzeit vor allem Bonobos zum Opfer. Die Frontlinie verläuft mitten durch ihr begrenztes Verbreitungsgebiet. Naturschützer berichten aus der Region südlich des Kongo-Flusses von verwaisten Menschenaffen-Kindern, die zu einer Auffangstation in Kinshasa gebracht wurden.

Die Front zwischen den Bürgerkriegsparteien des Kongos zieht sich mitten durch den bereits zuvor drastisch geschrumpften Lebensraum der Bonobos. Die früher fälschlicherweise so genannten Zwergschimpansen leben in einem kleinen Gebiet im dichten tropischen Tieflandregenwald. Voller Sümpfe und verseucht mit Malaria, ist das Kongobecken noch immer eine der für westliche Forscher am schwersten zugänglichen Regionen der Erde. Der Bonobo, "Pan paniscus", wurde daher als letzter Menschenaffe erst Ende der 20er Jahreentdeckt.

In der Vergangenheit ist dieser buchstäblich "liebesversessene" Primat vor allem wegen seines erstaunlich freizügigen Sexualverhaltens sowie seiner hohen Intelligenz zu einigem Ruhm gelangt. Mit ihrer - auch gleichgeschlechtlichen - Sexualität verstehen es diese Menschenaffen, Spannungen und Aggression in der Gemeinschaft ab- und Bindungen aufzubauen. Die wenigen Studien an Bonobos deuten zudem an, dass Weibchen in ihrer Gemeinschaft die zentrale soziale Stellung einnehmen.

Bisher sind freilebende Bonobos im Kongo nur in zwei Regionen systematisch beobachtet worden. Seit 1973 sammelt eine japanische Forschergruppe um Takayoshi Kano von der Universität Kyoto Daten im 150 Quadratkilometer großen Lua-Reservat. Auch amerikanische Primatologen erforschen das Verhalten der Bonobos in der Region um den Ort Lomako. Dort setzen die beiden deutschen Biologen Gottfried Hohmann und Barbara Fruth mit Unterstützung der Max-Planck-Gesellschaft die Studien seit 1990 fort. Ihr überraschendes Ergebnis: Bonobos handeln tatsächlich frei nach dem Motto der Hippie-Generation der späten 1960er Jahre: "Make love, not war". Und entsprechend dem Motto "gemeinsam sind wir stark" tun sich bei Bonobos die Weibchen zusammen, um die kräftigeren Männchen wirkungsvoll in Schach zu halten.

Bis 1995 gab es schätzungsweise noch 10 000 dieser Tiere im Freiland. Seitdem halbierte sich der Bestand im Kongo jedoch drastisch durch Wilderei und die Zerstörung des Lebensraumes der Affen. Experten halten Bonobos daher derzeit für stark bedroht.

Seit neuestem fallen die Tiere im Kongo auf beiden Seiten der Front offenbar hungrigen Soldaten und Flüchtlingen zum Opfer, nachdem die Wildhüter in den Nationalparks von den Kriegsparteien entwaffnet wurden. "Wenn die Jagd auf Bonobos in diesem katastrophalen Maße weitergeht, wird der Bonobo ausgerottet", meint Jo Meyers Thompson, Bonobo-Forscherin und Leiterin des Lukuru Wildlife Research Projects in Zentral-Kongo.

Der japanische Primatologe Juichi Yamagiwa von der Kyoto Universität, der in den letzten Monaten im nordöstlichen Grenzgebiet des Kongo zu Rwanda war, berichtet außerdem davon, dass Wilderer im Kahuzi-Biega National Park von den letzten 240 dort noch lebenden Flachland-Gorillas bereits mehr als die Hälfte getötet hätten. Seitdem befürchten Forscher auch für die Bonobos im Kongo, dass deren Situation außerhalb von ehemaligen Schutzgebieten noch schlimmer ist. Das Ende des vermutlich langen Krieges im Kongo abzuwarten, dürfte für viele der bedrohten Menschenaffen zu spät werden. In diesem Zusammenhang weist der amerikanische Primatologe Richard Wrangham von der Harvard-Universität im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Band 405, Seite 262) darauf hin, dass von den 23 wichtigsten Schutzgebieten für Menschenaffen während des vergangenen Jahrzehnts rund zwei Drittel durch militärische Konflikte massiv betroffen waren.

Doch selbst ohne Kriege ergeht es Menschenaffen in Afrika nicht gut, wie beispielsweise die Situation der westafrikanischen Schimpansen zeigt. Hedwige Boesch und ihr Mann Christophe erforschen im Tai-Nationalpark an der Elfenbeinküste seit knapp 20 Jahren eine Schimpansen-Kolonie in einem anfangs weitgehend unberührten Urwaldgebiet. Die Tiere dort erwiesen sich als besonders begabt, da sie als einzige - und im Unterschied zu ihren weiter östlich lebenden Artgenossen - entdeckten, wie sich selbst harte Nüsse auf Steinen als natürlichen Ambossen knacken. Jetzt weist der WWF darauf hin, dass die massive Zerstörung des Lebensraumes, Wilderei sowie vom Menschen eingeschleppte Krankheiten den isolierten Schimpansenbeständen in Westafrika immer mehr zusetzen. Um den Tai-Nationalpark als wichtiges Rückzugsgebiet für die westafrikanischen Schimpansen zu erhalten, hat der WWF einen Aktionsplan vorgelegt. Dabei sollen - neben der Aufklärung der Bevölkerung - vor allem Patrouillenpfade durch den Park angelegt sowie Wildhüter geschult werden.

Viele Wissenschaftler fürchten nicht nur um das Überleben der Menschenaffen, sondern auch um ihre Studien. "Selbst wenn die Bonobos im Kongo den Krieg überleben", so Takayoshi Kano, "werden ihre Bestände stark dezimiert und gestört sein". Die über mehrere Schimpansen-Generationen laufenden Freilandstudien dann wieder von vorne zu beginnen, wirft die Erforschung des Verhaltens und der Evolution unserer nächsten Verwandten im Tierreich um viele Jahrzehnte zuruck.

Überdies verhindert der Krieg im Kongo, die Rolle der Menschenaffen bei der Entstehung von Aids zu untersuchen. Erst kürzlich stellten Forscher die Vermutung auf, dass HIV-1 ursprünglich bei Schimpansen in Zentralafrika entstanden sein könnte. Obgleich die wenigen daraufhin getesteten Tiere bislang keine derartigen Erreger aufwiesen, wird befürchtet, dass durch die verstärkte Wilderei und den Verzehr von Schimpansen und Gorillas Affen-Viren auch auf den Menschen überspringen könnten.

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