Gesundheit : Boykott der Labors

2000 französische Forscher reichen ihre Kündigung ein

Sabine Heimgärtner[Paris]

Nichts geht mehr in Frankreichs Forschungslabors. Der seit Wochen schwelende Streit zwischen den rund 170 000 in Frankreich arbeitenden Forschern und Wissenschaftlern mit der französischen Regierung hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Mehr als 2000 Forscher und Laborchefs reichten jetzt ihre symbolische Kündigung ein. Bei den Auseinandersetzungen geht es um von der Regierung verordnete drastische Sparmaßnahmen, die die Betroffenen nicht hinnehmen wollen. „Was sich hier abspielt, wird der französischen Forschung langfristig großen Schaden zufügen“, sagte Claude Boucheix dem Tagesspiegel.

Der 53-Jährige ist Krebsforscher und Chef von Inserm (Institut Recherche Medicale), dem größten staatlichen Forschungsinstitut für Medizin in Paris. Der Boykott könnte in wenigen Wochen einen totalen Stillstand in den meisten Bereichen der Forschung zur Folge haben. „Eine solche Protestbewegung habe ich in meiner 25-jährigen Karriere noch nicht erlebt“, sagte Boucheix, der trotz seiner hohen Position bei Inserm ebenfalls gekündigt hat. Auf dem Spiel stünden nicht nur der ausgezeichnete Ruf französischer Wissenschaftler, sondern auch die Weiterentwicklung innovativer Forschungsprojekte und die Förderung junger Hochschulabsolventen. Die Situation in den Labors beschrieb Boucheix als „echte Katastrophe“. Einigen Forschungseinheiten seien die Mittel um rund 80 Prozent gekürzt worden. Landesweit wurden nach Angaben des Statistischen Amtes im Durchschnitt zehn Prozent eingespart.

Kein erfreulicheres Bild zeichnet der Wissenschaftler von der Personalsituation, die besonders in den Bereichen Technik und Verwaltung dramatisch sei. „In den vergangenen zwei Jahren sind drei von acht Technikern, Ingenieuren und Sekretärinnen in den Ruhestand gegangen und keine einzige Stelle wurde neu besetzt.“ Der Mangel an Fachkräften führe dazu, dass extrem kostspieliges Material wie Antikörperstoffe, speziell entwickelte Proteine oder Elemente zur DNA-Analyse nicht zum Einsatz gebracht werden könne und in den Laborlagern auf sein Verfallsdatum warte. „Wenn es so weiter geht, sind die Labors spätestens im September nicht mehr funktionsfähig.“

Mit seinen düsteren Prophezeiungen steht der Krebsforscher nicht alleine da. Jaques Testart, als „Vater“ des Retortenbabies einer seiner prominentesten Kollegen, befürchtet über den Zusammenbruch der Labors hinaus eine Abwanderung junger Forscher ins Ausland, wo sie bessere Arbeitsbedingungen vorfinden und zudem bis zu 50 Prozent mehr verdienen, beispielsweise in den USA, Kanada oder Spanien. Im Vergleich: In den Vereinigten Staaten werden der Forschung 2,8 Prozent des Bruttoinlandseinkommens zur Verfügung gestellt, in Japan drei Prozent, in Frankreich sinkt das Budget mit dem neuen Haushalt auf unter zwei Prozent.

Viel haben die Proteste und Aktionen bei der rechtsliberalen Regierung von Jean-Pierre Raffarin bislang nicht bewirkt. Deshalb hat sich das Forscherkollektiv „Sauvons la Recherche“ (sinngemäß: „Rettet die Forschung“) jetzt in einem offenen Brief an Staatspräsident Jacques Chirac gewandt. Der Text wurde von 67 000 französischen Wissenschaftlern unterzeichnet, darunter mehrere Nobelpreisträger. Der Staatschef solle den „nötigen Anstoß“ geben, damit die Regierung noch in diesem Jahr die 550 gestrichenen Forschungsstellen wieder einrichte, heißt es in dem Schreiben. Sie verlangen, das Budget für die Forschung, wie im Wahlkampf 2002 versprochen, auf mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben.

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