Gesundheit : Brennende Hände

Wie man dem oft verkannten Karpaltunnelsyndrom auf die Spur kommt – und wie es richtig behandelt wird

Rosemarie Stein

Mitten in der Nacht schreckt Frau A. hoch. Ihre Hand brennt, kribbelt und schmerzt fast unerträglich, vor allem die ersten drei Finger, manchmal auch der ganze Arm bis hinauf zur Schulter. Das lässt erst nach, wenn sie die Hand kräftig schüttelt oder besser noch: aufsteht, umhergeht und mit dem Arm schlenkert. Die Sekretärin ist jetzt Ende 40 und bisher nie richtig krank gewesen, abgesehen von ein paar berufsbedingten Sehnenscheidenentzündungen.

Und nun das. Vielleicht die Wechseljahre? Eine gewisse umstellungsbedingte Hysterie, denkt sich ihr Mann und drängt sie, zum Arzt zu gehen. Der tippt auf eine Nervenreizung, die von der Halswirbelsäule ausgeht. Das Röntgenbild zeigt in der Tat ein paar neu gebildete Knochenzacken und scheint die Verdachtsdiagnose zu bestätigen. Ein Jahr lang wird Frau A. entsprechend behandelt – vergeblich. Nacht für Nacht weckt sie der brennende Schmerz, auch am Tag spürt sie manchmal so etwas wie „Ameisenlaufen“, Brennen oder Taubheit; die Hand wird beim Zugreifen schwächer.

Manchmal verkannt

„Solche Fehldiagnosen sind leider recht häufig“, sagte Martin Langer von der Universitätsklinik für Unfall- und Handchirurgie in Münster. Auf der Jahrestagung der Orthopäden und der Unfallchirurgen in Berlin hielt er den ersten einer Reihe von Vorträgen über das Karpaltunnelsyndrom, an dem auch Frau A. leidet.

Das ist zwar auch eine Nervenirritation, aber nicht in der Region der Halswirbelsäule, sondern viel weiter unten an der Handwurzel (Carpus). Dort verläuft der Nervus medianus, der mittlere Armnerv, zwischen den Knöcheln des Handgelenks und einem Halteband, das quer über dem Handrücken liegt.

In dem Tunnel aus Bindegewebe, der diesen Nerv zusammen mit ein paar Fingersehnen umhüllt, kann es aus verschiedenen Gründen recht eng zugehen. Wenn zum Beispiel nach einer Verletzung des Handgelenks ein Knochensplitter oder ein Bluterguss den Nerv bedrängen, wenn eine Schwellung des Gewebes durch Überbeanspruchung der Hand oder auch in der Schwangerschaft Druck ausübt oder wenn sich nach häufigen Sehnenscheidenentzündungen Narbengewebe bildet. Meist aber findet man die Ursache nicht.

Weil sich nachts mehr Flüssigkeit im Körper sammelt, die ebenfalls Raum fordert, heißt das Karpaltunnelsyndrom auch Brachialgia paraesthetica nocturna, was nur die Beschwerden beschreibt: nächtliche Schmerzen und Missempfindungen (Paraesthesien) im Arm. Die Verwechslung mit mehreren ähnlichen Nervenstörungen ist leicht möglich, denn nicht immer sind die Symptome so typisch wie im Fall von Frau A. Weil das Leiden bei Frauen in mittleren und höheren Jahren häufiger ist als bei Männern (insgesamt sind etwa drei Prozent der Bevölkerung betroffen) und weil ihm oft eine Überlastung der Hände zu Grunde liegt.

Selbsttest bringt es an den Tag

Typischerweise sind besonders die Finger betroffen, in denen sich das Medianus-Nervenfaserbündel verzweigt: Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie die ihm zugewandte Seite des Ringfingers. Langer nannte verschiedene Tests, die weitere Hinweise auf ein Karpaltunnelsyndrom geben. Zwei davon lassen sich leicht selbst anwenden: Beugt man die Hand extrem, stellen sich nach einer Minute wahrscheinlich die bekannten Symptome ein, wenn es eines ist. Beim umgekehrten Versuch – starke Abwinkelung der Hand nach oben – dauert es ungefähr zwei Minuten. Spürt man nichts, ist das noch kein Beweis gegen die Diagnose, denn ganz zuverlässig sind diese Tests nicht.

Neurologen machen weitere klinische und elektrophysiologische Untersuchungen, messen beispielsweise die Nervenleitgeschwindigkeit. Nur in ganz wenigen Fällen sind außerdem bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen und Computertomographien sinnvoll, sagte Langer. Hat sich durch langdauernde Nervenkompression die Hand schon verändert, sieht man das auch mit bloßem Auge: Die Muskeln des Daumenballens und der Daumen lassen sich nicht mehr völlig abspreizen. Im letzten Stadium schrumpft auch die Fingerkuppe; dann blutet es beim Nägelschneiden.

So weit muss es nicht kommen. In etwa einem Drittel der Fälle verschwindet das Karpaltunnelsyndrom binnen sechs Monaten von selbst, ergab eine Studie. Meist wird der Arzt gegen Schwellung und Schmerz zunächst mit Medikamenten vorgehen. Nebennierenrindenhormone („Kortison"), eingenommen oder gespritzt, lindern erwiesenermaßen in wenigen Wochen die Beschwerden. Injektionen sind laut Langer allerdings problematisch, wenn kein Könner die Spritze gibt. Andere konservative Behandlungen wie Vitamin B oder Handgelenkschienen für die Nacht nützen höchstens vorübergehend, konstatierte Horst Rieger, Chirurg im Clemens-Hospital in Münster.

Wirksamer ist ein kleiner Eingriff, bei dem man Bindegewebe spaltet und den bedrängten Nerv befreit. Da stellt sich heute die Frage: offene oder „minimal invasive“, also endoskopische Operation? Diese „Schlüsselloch-Chirurgie“ wurde anfangs euphorisch begrüßt. Aber ist sie zur „Befreiung“ des leicht erreichbaren Armmittelnervs im Handgelenk nötig? Friedrich G. Scherf vom Herz- Jesu-Krankenhaus Münster sieht einen geringen Vorteil, weil die Patienten gleich nach der Operation weniger Beschwerden haben. Aber er wählt die Patienten streng aus und operiert nur etwa die Hälfte durchs Endoskop.

Horst Rieger hingegen kritisierte Kollegen, die auch diesen ohnehin wenig tief gehenden Eingriff mit dem Endoskop ausführen: „Denn sie sehen nicht, was sie tun“ – und gehen das Risiko von Komplikationen ein, vor allem Nervenverletzungen, weil sie anatomische Abweichungen nicht erkennen können. In seiner Klinik operiert man zwar bei anderen Diagnosen endoskopisch, nie aber beim Karpaltunnelsyndrom. Auch im Auditorium hoben nur zwei Ärzte die Hand, als gefragt wurde, wer diese Technik anwendet. Vergleichsstudien, die strengen Maßstäben genügen, ergaben keine Überlegenheit des (kostspieligeren) endoskopischen Vorgehens, teilte Rieger mit. Und ein Blick in das handliche „Kompendium evidenzbasierte Medizin“ bestätigt das. Hier zeigt sich wieder einmal, dass das Neue nicht immer das Bessere ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar