Gesundheit : Briefwechsel der Gebrüder Grimm: "Allerliebstes Wilhelmchen"

Dorothee Nolte

Sie liebten einander inniglich und schworen sich ewige Treue - fast wie die Geschwister Schneeweißchen und Rosenrot im Märchen und fast wie ein Ehepaar. "Wir wollen uns nie trennen", schrieb Jacob Grimm 1805 als Zwanzigjähriger an seinen Bruder Wilhelm, "wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, daß mich schon das Vereinzeln zum Tod betrüben könnte". Und der um ein Jahr Jüngere antwortete: "Das ist immer mein Wunsch gewesen denn ich fühle daß mich niemand so lieb hat als du und ich liebe dich gewiß ebenso herzlich."

Die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der beiden Sprach- und Literaturforscher ist in der deutschen Geistesgeschichte einzigartig: Sie wohnten und arbeiteten ihr ganzes Leben lang zusammen, auch nachdem Wilhelm eine eigene Familie gegründet hatte; sogar nach dem Tod Wilhelms im Jahre 1859 lebte Jacob weiter bei dessen Familie. Gemeinsam sammelten sie die "Kinder- und Hausmärchen", die 1812 und 1815 erschienen, gemeinsam protestierten sie 1837 in Göttingen gegen die Aufhebung der hannoverschen Verfassung durch König Ernst August, gemeinsam arbeiteten sie ab 1838 in Kassel an ihrem "Deutschen Wörterbuch", und gemeinsam verbrachten sie ihre letzten Lebensjahre in Berlin.

Insgesamt 30 000 Briefe

Nur selten waren die Brüder getrennt, sei es, weil der herzkranke Wilhelm zur Kur musste, sei es, weil Jacob in diplomatischer Mission unterwegs war oder als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung auswärts weilte. Auch in diesen Zeiten wollten sie jedoch alles voneinander wissen - "auch das Unbedeutende ist mir lieb und willkommen" (Wilhelm an Jacob) - und schrieben einander Briefe von zehn bis zwölf Seiten Länge. "Die Briefe sind eine Fundgrube für die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts, aber auch für die Geschichte des Alltags und der Familie", sagt der Germanist und Grimm-Spezialist Heinz Röllecke (Gesamthochschule Wuppertal), der ihren Briefwechsel herausgegeben hat.

Der soeben im Stuttgarter Verlag S. Hirzel erschienene Band, der am Dienstag in der Akademie der Wissenschaften vorgestellt wurde, umfasst knapp 600 Briefe aus einem Zeitraum von sieben Jahrzehnten. Er ist der Auftakt zu einer vielbändigen kritischen Gesamtausgabe sämtlicher Briefe von und an die Brüder Grimm. 40 Herausgeber im In- und Ausland sind an dem Projekt beteiligt, ist doch die Korrespondenz riesig: Ungefähr 30 000 Briefe gingen zwischen den beiden Grimms und ihren rund 2000 Korrespondenzpartnern hin und her. Die Koordination hat die Arbeitsstelle Grimm-Briefwechsel an der Humboldt-Universität übernommen.

Im Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm nimmt die Gesundheit den größten Raum ein: Besonders der kränkelnde Wilhelm berichtet, so Röllecke, "über jede Blase am kleinen Zeh". Jacob dagegen schreibt von seinen Reisen aus, etwa über seine Teilnahme am Wiener Kongress oder über einen Aufenthalt in Italien. Die Reisebeschreibungen bleiben jedoch knapp. Über Bologna etwa weiß Jacob nur zu sagen: "Bologna ist eine grosse stadt und hat durch alle strassen arcaden, so dass ich, als regen einbrach, überall ohne schirm umhergehn konnte."

"Goethe trank sehr viel"

Auch über politische Entwicklungen tauschen sich die Brüder aus, über familiäre Ereignisse wie den Tod der geliebten Schwester Lotte oder über Besuche bei Zeitgenossen. So berichtet Wilhelm über ein Mittagessen bei Goethe, der nur wenige goldene Worte verloren habe, dafür aber immer wieder brummend an die Rotweinflasche geklopft und zum Trinken aufgefordert habe: "Er selbst trank sehr viel, aber noch mehr seine Frau." Verstimmungen brechen zwischen den Brüdern kaum je auf, statt dessen nennen sie sich scherzhaft "allerliebstes Wilhelmchen" oder "lieber Schatz".

Der Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm ist bereits zweimal ediert worden - 1881 noch unter der Ägide von Wilhelms Sohn Hermann, und in den sechziger Jahren von Wilhelm Schoof. Beide Ausgaben sind jedoch unvollständig und fehlerhaft. Hermann Grimm zensierte alles, was das Bild der Grimmschen Familienidylle stören konnte, und Schoof entzifferte schon mal "Sauwesen" statt "Bauwesen". "Die neue Ausgabe umfasst ein gutes Drittel mehr Briefe, wir haben die Fehllesungen korrigiert und über 200 Briefe erstmalig datiert", so Röllecke. Als nächstes will er die "Sagen-Konkordanz" herausgeben, rund 600 alphabetisch geordnete Blätter mit 10 000 Einträgen, auf denen die Brüder ihre Lesefrüchte notierten - für den jeweils anderen natürlich.

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