Gesundheit : BSE: Mühsame Erregersuche

Adelheid Müller-Lissner

Kurz vor Weihnachten wurden Hoffnungen auf die Erfüllung eines Wunsches geweckt, den die Mehrheit der Deutschen mit der Forschungsministerin teilen dürfte. "Wir brauchen schnelle und kostengünstige Tests, die bei lebenden Rindern und beim gesunden Menschen auch schon vor Ausbruch der Krankheit BSE oder Creutzfeldt-Jakob verlässlich erkennen können", hatte Edelgard Bulmahn nach Entdecken des ersten einheimischen Falles von "Rinderwahnsinn" gefordert.

Wenige Tage später schon ließ der Geschäftsführer der Firma Vetmedica, einer Tochter des Pharmakonzerns Boehringer-Ingelheim, verlauten, der gewünschte Test für lebende Rinder könne noch im Jahr 2001 auf den Markt kommen. Inzwischen präzisierten Jürgen Dämmgen, Leiter der Pharmazeutischen Forschung und Entwicklung, und Matthias Giese, Wissenschaftler bei Vetmedica, die Zukunftsvision: Man habe festgestellt, dass bestimmte Unterarten von Blutzellen bei infizierten Tieren auf ihrer Oberfläche auffällige "Markermoleküle" tragen, die normalerweise nicht nachweisbar sind, sagten die Firmenvertreter bei einer Pressekonferenz am 25. Januar.

Indirekter Nachweis

Mit dem Bluttest strebe man nun einen indirekten BSE-Nachweis an. Dafür werde eine Blutprobe des Tiers mit charakteristischen, leuchtstoffmarkierten Antikörpern in Kontakt gebracht, die sich gegebenenfalls an die auffälligen Moleküle binden. Welcher kausale Zusammenhang zwischen dem nachgewiesenen Molekül und der Krankheitsursache bestehe, sei allerdings noch unklar. Auch der Zeitrahmen für die Realisierung des Wunsch-Tests wurde gründlich revidiert: Bei Boehringer Ingelheim rechnet man nun "in der zweiten Hälfte des Jahres 2001" mit einem Prototyp des Tests.

Schon seit einiger Zeit wird auch an Untersuchungsmethoden für die Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit bei Mensch und Tier gearbeitet. Bisher gelang dabei allerdings ebenfalls nicht der Nachweis des Krankheitserregers selbst. Man schloss nur indirekt von Veränderungsprozessen auf BSE oder Creutzfeldt-Jakob (CJD).

Grafik: Wie sich BSE im Körper ausbreitet

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen und dem Institut für Neuropathologie der Universität München entwickelten jetzt ein neuartiges Verfahren zum Nachweis von krankhaften Prionen in der Rückenmarksflüssigkeit: Mit Hilfe von Antikörpersonden gelang es, Teile von Prionen in der Rückenmarksflüssigkeit mit Fluoreszenzfarbstoffen zu markieren. Ein Laserstrahl, der wie ein Suchscheinwerfer durch die Probe geführt wird, hat anschließend die Aufgabe, die Partikel aufzuspüren. Jetzt soll aus der hochempfindlichen neuen Technik ein routinemäßig einsetzbarer Test gemacht werden. Prinzipiellwäre der Test auch beim Tier anwendbar, so der Biochemiker Jan Bieschke, der dem Neuropathologen und Creutzfeldt-Jakob-Experten Hans Kretschmar gerade von Göttingen nach München gefolgt ist. Proben der Flüssigkeit von der Kuh im Stall oder auf der Weide zu gewinnen, ist jedoch extrem schwierig.

Weit weniger aufwändig ist es da, sich das Tier zunächst einmal genauer anzuschauen. Ueli Braun, Direktor der Klinik für Wiederkäuer- und Pferdemedizin der Universität Zürich, propagiert diesen Verhaltenstest schon seit mehreren Jahren. Im Februarheft des Deutschen Tierärzteblattes, das allen Veterinärmedizinern zugeht, beschreibt er die Untersuchungsschritte. "Jeder Tierarzt, der nicht blind und fortbildungsunwillig ist, kann nun wissen, was zu tun ist, um kranke Tiere zu erkennen", meint deshalb Ursula Horzetzky, stellvertretende Pressesprecherin im neuen Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, wo man die Beobachtung des lebenden Tiers ausgesprochen befürwortet.

Einfache Hilfsmittel beim Erkennen von Störungen in Verhalten und Sensibilität sind Besen (zum Schlag gegen die Hinterbeine), Kugelschreiber (zum Berühren des Kopfes) und Blitzgerät (zur plötzlichen Raumbeleuchtung). Der Bauer selbst merke oft die schleichenden Veränderungen nicht, so Braun. Aushilfskräfte sind oft die ersten, denen etwas auffällt. "Geübte Beobachter", die sich Zeit nehmen und das Tier auch außerhalb des Stalls beobachten, kommen nach Brauns Erfahrungen nur zu zehn Prozent "falsch positiven" Befunden, die zur Tötung eines gesunden Tiers führen. Wie oft es vorkommt, dass umgekehrt eine kranke Kuh nicht erkannt wird, darüber weiß man nichts.

Test nach dem Tod

Bleiben die Testverfahren, die erst nach dem Tod des Tieres möglich werden. Die beiden in Deutschland zugelassenen Schnelltests, der aus der Schweiz stammende "Prionics-Check" und "Biorad", fahnden im Hirngewebe nach dem BSE-Erreger. Sie machen sich dabei die Tatsache zunutze, dass diese Eiweiße robuster sind als die normalen Prionproteine (PrP): Sie setzen das entnommene Gewebe zunächst einer Verdauungs-Prozedur durch Proteasen aus, die den infektiösen Prionproteinen (PrPSc) nichts anhaben können, und suchen anschließend - ebenfalls mit Hilfe eines speziellen Antikörpers - nach den Resten, den krankhaften Prionproteinen.

Sie können schon bei Tieren fündig werden, bei denen die Krankheit erst ein halbes Jahr später ausgebrochen wäre - wenn sie noch leben würden. Ihr praktischer Vorteil: Für die Entnahme des Gewebes von der richtigen Stelle genügt eine kurze Schulung, ein Veterinärmediziner muss nicht dabei sein. Zwölf bis 16 Stunden nach der Entnahme kann das in ein Institut geschickte Gewebe schon durchgecheckt sein. Ergibt sich dabei ein Verdacht auf BSE, dann muss das nationale Referenzlabor für BSE und Scrapie an der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere in Tübingen dem Fall nachgehen. Dort wird das Hirngewebe des toten Tiers im Labor und unter dem Mikroskop untersucht. Dieser Kombinationstest, nach dessen Abschluss "Verdachtsfälle" in den Nachrichten als "bestätigt" gemeldet werden, dauert drei bis vier Tage.

Eine Verfeinerung könnte die Tests an Gewebeproben in Zukunft auch für die Anwendung am lebenden Tier tauglich machen. Diese Hoffnung erweckt jedenfalls eine Studie des Züricher Neuropathologen Adriano Aguzzi im Wissenschaftsmagazin "Nature" vom November 2000. In dem Eiweiß Plasminogen, das auch an der Blutgerinnung beteiligt ist, haben die Forscher offensichtlich einen Stoff gefunden, der nur an die krankhaften Prionproteine bindet.

Ein Test, mit dem es möglich wäre, die PrPSc-Proteine nachzuweisen, ohne die PrP-Proteine zuvor dafür entfernen zu müssen, verspricht größere Genauigkeit. Denkbar ist, dass er sich auch bei Proben des Lymphgewebes und sogar des Blutes bewährt. Ansätze für die Erfüllung des Wunsches nach einem zuverlässigen Test für noch nicht erkrankte Menschen und Tiere sind also vorhanden. Doch Weihnachten steht auch in dieser Hinsicht nicht vor der Tür.

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