Gesundheit : BSE: Wenn der Erreger durch den Magen geht

Adelheid Müller-Lissner

Zweierlei ist inzwischen eigentlich für alle sicher, für vorsichtige Wissenschaftler ebenso wie für eine misstrauisch gewordene Öffentlichkeit: Dass Rinder sich beim Fressen von erregerhaltigem Tiermehl mit BSE infizieren, und dass Menschen die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit durch den Verzehr von infektiösem Gewebe bekommen können. Nahrung scheint, wenn nicht der einzige, so doch der wichtigste Übertragungsweg für diese Krankheiten zu sein, die sich in schwammartigen Hirnveränderungen zeigen.

Was geschieht zwischen Darm und Hirn, wie genau gelangen die Krankheitserreger vom Verdauungstrakt in das Zentralnervensystem? Im Labor kann einer solchen Frage an Kleintieren nachgespürt werden. In einer Arbeitsgruppe des Robert-Koch-Instituts in Berlin werden deshalb Hamster unter kontrollierten Bedingungen durch Futter infiziert, das den Erreger für die Schafkrankheit Scrapie enthält. Durch Nachweis des veränderten Prion-Proteins (er verkörpert den mutmaßlichen Erreger) in verschiedenen Geweben kann man anschließend seinen Weg durch den Körper genauer verfolgen.

Frühzeitig in die Nerven

In einer Studie aus England wurden die veränderten Prionen sechs bis 18 Monate nach der Infektion im unteren Abschnitt des Dünndarms, 32 Monate danach im Hirn und im Rückenmark von Rindern gefunden. Was geschieht in der Zwischenzeit? Wie der Biochemiker Michael Beekes vom Robert-Koch-Institut bei einer Veranstaltung im Urban-Krankenhaus erläuterte, hat sich bei den Hamstern gezeigt: Bereits im Darm gelangt der Erreger in das autonome, für unwillkürliche Vorgänge wie die Darmbewegungen zuständige Nervensystem.

Auf zwei Wegen schleicht er sich schließlich in Gehirn und Rückenmark ein - und das gewissermaßen im Gegenverkehr, entgegen der Leitungsrichtung dieser Nerven: Über den Vagusnerv, einen Hirnnerv, der sich vom Hals bis zum Magen-Darm-Trakt erstreckt und auf der ganzen Strecke zahlreiche Gewebe mit Nervenfasern versorgt. Und über den Splanchnikus-Nerv, der über viele Wurzeln Kontakt mit dem Rückenmark hat. Als eine Art Domino-Effekt kann man sich den Vorgang vorstellen, der in diesen Nervenbahnen reihenweise gesunde Prionen dazu bringt, sich unter dem Einfluss der veränderten Prionen ebenfalls fehlerhaft zu falten und ihrerseits infektiös zu werden. Inzwischen hat sich auch gezeigt, dass die Ausbreitung des Erregers im Nervensystem von Schafen, die sich natürlich mit Scrapie infiziert haben, praktisch nach dem gleichen Muster abläuft wie die der Hamster im Labor. Ganz nebenbei liefern die Versuche also ein starkes Indiz dafür, dass auch die Schafe sich beim Fressen anstecken.

Über die Lymphe verbreitet

Neben den Nervenbahnen spielt auch das Lymphsystem mit Milz und Lymphknoten offensichtlich eine Rolle bei der Vermehrung und Verbreitung der veränderten Prionen. Über die Lymphgefäße, die üblicherweise Gewebewasser in den Blutstrom zurückführen, kann der Erreger auch ins Blut gelangen. Da das Lymphsystem also für Tests wichtig sein könnte, gilt diesem System augenblicklich viel Aufmerksamkeit verschiedener Forschergruppen (wir berichteten). Doch Beekes geht davon aus, dass der Erreger, wenn nur die Dosis hoch genug ist, auch direkt und ohne solche Umwege ins Nervensystem eindringen kann, in dessen zentralem Bereich er schließlich später die entsetzlichen Schäden anrichtet. "Die ersten Zielgebiete im Hirn werden jedenfalls nicht auf dem Weg über das Blut befallen."

Lymphatisches System und Blut sind trotzdem wichtige Zielgebiete für neue Tests. Wahrscheinlich kann dort aber nur nach indirekten Hinweisen für eine Infektion gesucht werden. Verfolgt man die Überlegung weiter, dass BSE und die neue Variante von Creutzfeldt-Jakob über die Nahrung übertragen werden, so liegt es nahe, auch im Verdauungstrakt nach Testmöglichkeiten zu suchen. Tatsächlich wird, wenn auch bisher ohne Erfolg, im Kot nach Spuren der Erreger gesucht. Im Enddarm, dem leicht Gewebeproben zu entnehmen sind, zeigt sich nach heutigen Erkenntnissen das krankhaft veränderte Prion leider erst in einem späten Stadium der Erkrankung.

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