Gesundheit : BSE: Wir haben es kommen sehen

Falko Steinbach

Seit nunmehr zwei Wochen geht in Deutschland der BSE-Wahn um. Kein Tag vergeht ohne neue Schlagzeilen und Diskussionen. Allein: Was ist passiert? Eine in Deutschland geborene und aufgewachsene Kuh wurde BSE-positiv getestet. Seitdem ist alles anders. Sicher, es wurde viel getan; Diskussionsrunden, Telefonaktionen, Tiermehlverfütterungsverbot - aber warum eigentlich nicht eher? Schließlich waren schon vorher insgesamt sechs Tiere in Deutschland mit BSE aufgefallen - und da es ja eine Seuche ist, konnte niemand davon ausgehen, dass der Erreger nicht schon im Land war. Wenn dies aber bekannt war (und niemand kann es leugnen), warum dann jetzt diese Aufregung? War es ein Fall von deutschem Größenwahn, gar die Zerstörung der Leitkultur ("Von deutschem Rindfleisch soll die Welt essen - Inder ausgenommen")?

"Deutsches Rindfleisch ist sicher!" Dies war die zentrale These von Landwirtschaft und dem dazugehörigen Ministerium. "Deutsches Rindfleisch ist nicht sicher", ist somit die Antithese, und dazwischen gibt es vermeintlich nichts. Aber was heißt sicher? Sagt ein Wissenschaftler sicher, meint er nach derzeitigem Stand der Wissenschaft oder nach menschlichem Ermessen - spart sich aber meist diese wichtigen Zusätze. Sagt ein Vertreter der betroffenen Berufe (Metzger, Händler oder ähnliches) sicher, kann man gewiss sein, dass es sich um einen Fall von Lobbyismus handelt oder vielleicht von Autosuggestion.

Was aber meinen unsere Politiker? Es steht zu befürchten, dass sie mit sicher auch sicher meinten, denn schließlich hatte man ja zuvor ein Expertengremium gefragt. Anderenfalls kann man sich nur noch fragen, warum eigentlich fast alle Landwirtschaftsminister Landwirte waren und sind: man stelle sich vor, alle Verkehrsminister hätten einen Brummi in der Garage.

Versuchen wir uns einen Augenblick alternativ vorzustellen, bei einem Landwirtschaftsminister hätte die Skepsis überwogen und er sich laut dazu durchgerungen zu sagen: Deutsches Rindfleisch ist nicht sicher. Ein Sturm der Entrüstung wäre über ihn hereingebrochen, vermutlich gefolgt von Klagen. Erinnern wir uns. Vor Jahren hat man in Baden-Württemberg einmal voreilig vor Flüssigeiern gewarnt - und prompt den anschließenden Prozess verloren. Vorauseilenden Verbraucherschutz gibt es nicht.

Unabhängig von der Frage nach der Ursache von BSE sind sich alle Wissenschaftler darin einig, dass die Krankheit in Großbritannien über die mangelhafte Erhitzung bei der Herstellung von Tiermehl verbreitet wurde. Merke: Diese Seuche wurde von Menschen verbreitet. Man gebe sich aber keiner Hoffnung hin, dass es in Deutschland wesentlich besser aussieht mit dem Verbraucherschutz. Ende der 80er Jahre wurden die Schlachthöfe privatisiert, mit der Folge, dass einige derselben keine Praktikanten der Tiermedizin zuließen.

Diese waren nämlich bekannt dafür, die Vorschriften kleinlich auszulegen und auch mal eine Probe mehr zu nehmen, was im Preiskampf natürlich den Gewinn senkt. Aber auch heute in Zeiten der Sparhaushalte ist der Verbraucherschutz akuten Gefahren ausgesetzt. Die Veterinär- und Lebensmitteluntersuchungsämter, denen die Kontrolle von der Tiergesundheit bis zum Lebensmittelhandel unterliegt, werden teilweise privatisiert oder finanziell zusammengestrichen.

Dies aber ist ein Bereich, der nicht in die Verantwortung des einzelnen gelegt werden kann, der Staat muss seine Aufsichtspflicht wahrnehmen. Man kann den Verbraucher nicht mit "Schnelltests" in die Küche stellen. Das Problem der modernen Landwirtschaft ist nicht allein die Massentierhaltung, wie unser Kanzler vielleicht meint. Der so genannte erste BSE-Fall geschah auf einem Familienbetrieb.

Das Problem ist die Hochleistungslandwirtschaft, allenfalls dem Hochleistungssport vergleichbar. Hier zählt jeder Liter und jedes Kilo so wie anderswo jede zehntel Sekunde. Jede Vitaminmischung wird ausprobiert, und wenn alles nicht mehr hilft, greift man zum Doping, gegebenenfalls gesetzlich erlaubt (siehe Tiermehlverfütterung). Wer das aber nicht will, der will eine andere Landwirtschaft (ökologisch) oder wird Nebenerwerbslandwirt.

Jetzt müssen über BSE hinaus grundsätzliche Fragen gestellt werden. Wenn das Robert Koch-Institut einfach nach mehr Geld ruft, so muss es sich fragen lassen, was es bisher mit dem Geld gemacht hat. Hat man die richtigen Schwerpunkte gesetzt? Warum ist die Veterinärmedizin fast nur über den Verbraucherschutz definiert und wird zwischen drei Ministerien (Landwirtschaft, Gesundheit, Forschung) und gleich vielen Bundesinstituten mit noch mehr Standorten verschoben, kennt aber keine eigenständigen Forschungsinstitute? Solange das Forschungsministerium zu Expertentreffen lädt (wie jetzt zum 14. Dezember), aber seine Experten nicht öffentlich benennen will, ist etwas faul im Staate Deutschland. Und solange die Veterinärmedizin nur als Hilfswissenschaft gesehen wird, wird es immer wieder böse Überraschungen mit auf Menschen übertragbaren Tierkrankheiten geben.

Bleibt die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. Wenn Sport, Kultur und Wirtschaft feste Bestandteile der medialen Welt sind, Wissenschaft aber ein Randdasein führt, braucht man sich nicht zu wundern, dass Wissenschaft keinen Stellenwert in der Öffentlichkeit besitzt, Kulturexperten zu Wissenschaftssenatoren werden und bei BSE lähmendes Entsetzen herrscht. Aber dieser Fall kann ja auch eine Chance sein, Strukturen zu überdenken - ein "Weiter so" führt nur zur nächsten Krise.

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