Gesundheit : BSE: "Wir können BSE wieder loswerden"

Adelheid Müller-Lissner

Das Thema des Abends hatte wie ein Magnet gewirkt: Hunderte von Interessierten blieben draußen vor der Tür und mussten vertröstet werden. Kein Wunder: Experten berichteten bei einer Veranstaltung der Berliner Medizinischen Gesellschaft über BSE und die neue Form der menschlichen Gehirnerkrankung Creutzfeldt-Jakob. Neben dem "medialen Getöse" rund um den Rinderwahn, das der Infektionsmediziner Helmut Hahn vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin diagnostizierte, machte der Neurologe Peter Marx auch die "kollektive Vernebelungsaktion" der Politik als Ursache der Verunsicherung aus.

Was hat die Wissenschaft zu bieten? Hans-Jürgen Sinell vom Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität sagte, dass es in einigen wichtigen Fragen bisher nur "Mutmaßungen" gebe. Zum Beispiel ist nicht sicher, wie viel "infektiöses Hirn" nötig ist, um die Krankheit zu übertragen. Dass BSE auf den Menschen übertragbar ist und dass das Hirngewebe von Rindern infektiös ist, steht indes so gut wie fest. Nicht nur das gleichzeitige Auftreten von BSE und der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante (vCJD) in den gleichen Ländern spricht dafür, sondern auch die Ähnlichkeit der mutmaßlichen Erreger, der Prionen. "Hierzulande konnte eine Gefährdung des Verbrauchers nur zustande kommen, wo illegale Praktiken geübt worden sind", sagte Sinell.

Auf den Zusammenhang zwischen der Umstellung in der Tiermehlproduktion auf niedrigere Temperaturen in England im Jahr 1979 und den ersten gemeldeten BSE-Fällen im Jahr 1986 verwies Michael Baier, Leiter der Arbeitsgruppe Scrapie beim Robert-Koch-Institut. Die Bestimmungen zur Tiermehl-Herstellung sahen in Deutschland dagegen seit 1939 ununterbrochen eine Erhitzung auf Temperaturen vor, bei denen Prionen unschädlich gemacht werden.

Während noch unklar ist, ob BSE aus der Traberkrankheit Scrapie entstand oder ob die Seuche sich aus einer zuvor seltenen schwammförmigen Hirnerkrankung beim Rind selbst entwickelte, kennt man inzwischen die Merkmale des Erregers besser: Er hat, wie Baier erläuterte, außergewöhnlich stabile biologische Eigenschaften und kann die Artengrenze überspringen. Der sichere Nachweis der Prionen ist bei Mensch und Tier heute erst nach dem Tod durch eine Untersuchung von Gehirngewebe möglich. Über Bluttests auf BSE, die die Firma Boehringer kürzlich ankündigte, vermissten die Experten wissenschaftliche Daten.

Möglicherweise sind nicht alle Menschen von einer Infektion gefährdet: Bisher waren alle Opfer von vCJD reinerbige Träger einer bestimmten Spielart des PrP-(Prion)-Gens. Veränderte Prionen entstehen, wie der Infektionsmediziner Heinz Zeichhardt erklärte, unter der Mitwirkung von Helferproteinen, die gesunde Prionen dazu bringen, sich in der Nachbarschaft des krankhaft veränderten Prions ebenfalls umzufalten. Von den bisher bekannten Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen unterscheidet sich vCJD etwas: Die Patienten sind deutlich jünger, die Krankheit dauert eher länger, meist fallen zuerst psychische Störungen auf.

"Wenn wir die Infektionswege energisch unterbrechen und das durch intensive Kontrollen begleiten, können wir BSE wieder loswerden", so hatte Baier gleich eingangs gesagt. Wer das Muskelzittern, den ängstlichen Blick und die Gangstörungen der erkrankten Tiere im Film gesehen hatte, wünschte sich das nicht nur für den Menschen.

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