Gesundheit : Buchforscher: Struwwelpeter gut fürs Kind

-

Der „Struwwelpeter“ ist nach Ansicht des Kinderbuchforschers Bernd Dolle-Weinkauff auch mehr als 160 Jahre nach seinem Erscheinen ein lesenswertes Buch für Kinder im Vorschulalter. Es sei das einzige Kinderbuch aus dem 19. Jahrhundert, „das in Deutschland praktisch noch jedes Kind kennt“, sagt Bernd Dolle-Weinkauff. „Die anderen haben nur den moralischen Zeigefinger und keine Lustquellen für die Kinder geboten“, berichtete der Fachmann für historische Kinderbücher von der Uni Frankfurt am Main.

Das Buch von Heinrich Hoffmann sei in seiner Zeit fortschrittlich gewesen, weil es die damaligen Erziehungsvorstellungen „ein bisschen karikiert“ und damit Anklang bei den Kindern gefunden habe. Die schwarze Pädagogik, die beispielsweise in den Geschichten vom Daumenlutscher anklinge, dem die Daumen abgeschnitten werden, könnten Kindern heute zwar Angst machen, „aber auch helfen, diese zu bewältigen“. Das Schicksal solcher Figuren – wie etwa auch die des Suppenkaspars, der innerhalb weniger Tage verhungert, weil er seine Suppe nicht isst – ermögliche den Kindern, sich zu distanzieren. „Das sind exemplarische Handlungen, die in früherer Zeit eine andere Bedeutung hatten“, sagte Dolle-Weinkauff.

Dazu gehöre auch das Paulinchen, das beim Zündeln mit Streichhölzern verbrennt. Diese Geschichte spiegele die enorme Brandgefahr in den Siedlungen des 19. Jahrhundert wider. Die Kinder erlebten solche Geschichten als Theater oder sensationell aufgemachtes Ereignis, sagte Dolle-Weinkauff. „Diese Distanz ist nötig, damit das Kind nicht hineingezogen wird in die Handlung.“ Zum Abstand trügen auch die Katzen „Mienz“ und „Maunz“ mit ihren surrealen Reimen bei. „Das Buch ist gar nicht problematisch.“

Andere Geschichten, wie die vom Jäger, der vom Hasen überrumpelt wird und in den Brunnen fällt, hätten noch eine ganz andere Botschaft: „Da siegt der Kleine und nicht der Große, mit Waffen ausgestattete.“ Eltern, Erzieher und Pädagogen sollten sich davor hüten, Kinderliteratur so zu zensieren, dass sie nichts Beunruhigendes habe und nur auf das Gute, Schöne und Edle setzte, riet der Wissenschaftler. Solche Bücher langweilten die Kinder schnell, „und sie fangen dann an, etwas zu konsumieren, wo man selbst nicht mehr dabei ist“. dpa

0 Kommentare

Neuester Kommentar