Gesundheit : Buchtipp: Heroin, einst Hustenmittel

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Dr

Kokain, Speed, Ecstasy, Heroin: Alle diese Drogen der Gegenwart stammen ursprünglich aus den Labors der Arzneimittelforschung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit ihnen verbanden sich große therapeutische Hoffnungen. Und noch heute spielen die Opiate in der Bekämpfung schwerer Schmerzen eine unverzichtbare Rolle.

Wenn heute allerdings von Heroin die Rede ist, denkt wohl keiner an ein Arzneimittel. Die wenigsten sprechen ganz neutral von einer chemischen Substanz. Die Stichworte heißen eher: Beschaffungskriminalität, Verelendung und Infektionsgefahr durch gebrauchte Spritzen.

Der Berliner Internist Michael de Ridder will mit seinem Buch "Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge" erklärtermaßen zur Versachlichung der Debatte um die "illegale Pharmadroge" beitragen. Was er vorstellt, ist vorwiegend bisher unveröffentlichtes Quellenmaterial. Da erfährt man etwa, dass alles mit dem Morphin begann: Im Jahr 1856 wurde es erstmals von einem deutschen Arzt injiziert, und zwar an eine an "hysterischen Krämpfen" leidende Engländerin. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es bei Kriegsverwundeten so häufig eingesetzt, dass die darauf folgende Sucht als "Soldatenkrankheit" bezeichnet wurde.

Heroin entstand aus Morphin durch das Verfahren der Acetylierung, durch das zur gleichen Zeit in der gleichen Firma auch Aspirin das Licht der Welt erblickte. Diacetylmorphin, chemisch gesehen der Di-Essigsäure-Ester des Morphins, wurde zunächst in Tabletten gepresst. Heute weiß man, dass injiziertes Heroin die Blut-Hirn-Schranke schneller durchdringt als Morphin, schneller in hoher Konzentration im Gehirn anflutet - und so den "Kick" hervorruft.

Die Karriere des Heroins begann jedoch 1898 als Hustenmittel: Die neu auf den Markt gekommenen Pillen hatten nach Auffassung der herstellenden Farbenfabriken, Vorläuferin der Firma Bayer, eine besonders starke und reine Einwirkung auf die Atmung, der das Mittel möglicherweise den heroischen Namen Heroin verdankt. Ein Arzt bezeichnete es als "sicherstes und excellentestes aller Hustenmittel".

In Alpenclubs wurde es zur Linderung von Atembeschwerden beim Aufstieg empfohlen. Als Bestandteil des Tier-Dopings fand es in Pferderennställen Anwendung. Im Jahr 1899 wurde erstmals Heroin an Kinder mit Keuchhusten verordnet. Aber auch gegen Schmerzen und "krankhaft gesteigerte Sexuallust" wurde es eingesetzt. Tampons tränkte man gegen gynäkologische Leiden mit Heroin, seine Einnahme empfahl man exzessiven "Masturbanten". Aus Firmenprotokollen ist ersichtlich, dass man die Gefahr einer "Angewöhnung" für gering hielt. Gleichzeitig warnten namhafte Pharmakologen wie Erich von Harnack ("Über die Giftigkeit des Heroins") vor Übertragung der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen und verantwortungsloser Verordnung des Mittels, das die Atmung dämpfe und Konvulsionen auslöse.

De Ridder berichtet allerdings auch von Versuchen des Unternehmens, andere namhafte Wissenschaftler zu günstigen Stellungnahmen zu bewegen. Und er zeigt, wie bedenkenlose Verordnungspraxis kurz darauf vor allem in den USA in radikale Verteufelung der "demon drug" umschlug, deren Konsum ansteckend wie Lepra sei.

Der Buchautor, Oberarzt der Rettungsstelle im Krankenhaus am Urban, plädiert im Umgang mit dem Drogenproblem für ein Ansetzen am Ist- statt am Sollzustand. Seiner These, dass "Leben mit Drogen unter bestimmten Bedingungen individual- und sozialverträglicher ist als ein Leben gegen Drogen" wird auch unter Experten keinesfalls jeder zustimmen. Da ihr bester Prüfstein jedoch in der Praxis zu suchen sein sollte, dürfte ein Projekt interessieren, das unter Mitwirkung des streitbaren Mediziners derzeit in Berlin läuft.

Der Verein Fixpunkt e.V., ein Träger der Drogenhilfe in Kreuzberg, erprobt dort die Vergabe eines Medikaments, das bei Vergiftung mit Opiaten lebensrettend wirken kann. Das Besondere des Versuchs: Der Opiat-Gegenspieler Naloxon soll im Notfall von geschulten Laien gegeben werden dürfen. Denn aus Befragungen weiß man, dass lebensgefährliche Überdosierungen oft in Anwesenheit anderer Drogenabhängiger gespritzt werden, die im Notfall helfen könnten und dazu auch bereit sind. So zeigte eine 1994 vom Bundesgesundheitsministerium publizierte Studie, auf die de Ridder sich beruft, dass 54 Prozent der Drogentoten in Privatwohnungen starben. 44 Prozent von ihnen waren zu diesem Zeitpunkt nicht allein. Andererseits ist bekannt, dass die Anwesenden oft davor zurückschrecken, professionelle Hilfe zu holen, weil sie die Polizei fürchten.

Noch liegt die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse nicht vor. Bis August 2000 wurde Naloxon insgesamt vierzig Mal von Teilnehmern an bewusstlose und schwer atmende Heroinkonsumenten in ihrem Umfeld gespritzt. Nur in einem Fall war die Spritze, zumindest nach de Ridders Einschätzung, unangebracht.

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