Gesundheit : Bundessortenamt entscheidet diese Woche über heimischen Anbau

Hartmut Wewetzer

"Bund" und Öko-Institut warnen vor einer möglichen Antibiotika-Resistenz bei den KonsumentenHartmut Wewetzer

In dieser Woche entscheidet sich, ob genetisch veränderter Mais als heimische Sorte zugelassen wird. Damit wäre der Mais die erste transgene Pflanze, die ohne Beschränkungen in Deutschland angebaut und gehandelt werden darf. Die Entscheidung fällt ein Ausschuss von drei Mitarbeitern des Bundessortenamtes in Hannover, bei dem Mais handelt es sich um eine insekten- und herbizidunempfindliche Züchtung (Bt-Mais) des Schweizer Pharmaunternehmens und Saatgutherstellers Novartis.

Der Bt-Mais von Novartis enthält drei zusätzlich eingefügte Erbmerkmale. Von besonderer Bedeutung ist dabei ein aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt) gewonnenes Gen. Es kodiert für ein Eiweiß, das die Raupe des Maiszünslers, eines häufigen Mais-Schädlings, abtötet. Seit Jahrzehnten ist die giftige Wirkung des bakteriellen Stoffes auf den Maiszünsler bekannt, und das Bakteriengift wurde auf Maisfeldern als biologisches Insektizid versprüht. Durch den Einbau des Bt-Gens in die Pflanze besitzt diese gleichsam einen eingebauten Schutz vor dem Insekt.

Die Firma wirbt damit, dass durch die genetische Veränderung weniger Insektizide verbraucht würden und auch weniger Pilzinfektionen im Mais auftreten würden, da sich die Schimmelpilze nicht mehr durch die Bohrlöcher der Maiszünsler eine Weg bahnen können. Der Novartis-Mais enthält zudem ein Gen, das ihn gegen das Pflanzenschutzmittel Phosphinothricin (Handelsname "Basta") abhärtet.

Das dritte Erbmerkmal im Bt-Mais ist zugleich das umstrittenste: es handelt sich um ein Gen für Ampicillin-Unempfindlichkeit. Ampicillin ist ein Antibiotikum und erleichterte die Entwicklung der transgenen Maispflanze im Labor. In freier Wildbahn ist das Ampicillin-Resistenz-Gen im Mais überflüssig und nach Ansicht von Kritikern der Gentechnik, etwa von Greenpeace, "Bund" und Öko-Institut, eine potenzielle Gefahr. Die Gentechnik-Gegner befürchten, dass das Erbmerkmal nach Konsum von Mais im menschlichen Darm freigesetzt werden, auf Bakterien übergehen und so das Risiko einer Antibiotika-Resistenz erhöhen könne.

Befürworter halten dagegen, dass diese Gefahr sehr gering sei und Antibiotika-Resistenz unter Darmbakterien ohnehin nicht selten sei. Unter dem Druck der Kritik hat Novartis bereits einen neuen Bt-Mais entwickelt, der kein Antibiotika-Resistenz-Gen mehr enthält. Er wird zur Zeit von der Europäischen Union auf gesundheitliche Unbedenklichkeit geprüft und hat im Gegensatz zum Ampicillin-resistenten Mais die Hürden der gentechnischen Sicherheitsbestimmungen noch nicht überwunden.

Neben der Ampicillin-Unempfindlichkeit als unliebsamer Begleiterscheinung gibt es noch ein zweites Hauptargument gegen Bt-Mais: eine im Mai 1999 im Fachblatt "Nature" veröffentlichte Laborstudie, nach der amerikanische Monarchfalter durch Bt-Pollen Schaden nehmen könnten. Ob dies im Freiland tatsächlich der Fall ist, wird allerdings bestritten. In Deutschland kommt der Monarchfalter nur in Süddeutschland vor.

In den USA ist der Anbau von transgenen Mais-Sorten bereits seit Jahren gang und gäbe. 1999 wurde dort auf zehn Millionen Hektar genetisch veränderter Mais angebaut - ein Drittel der Ernte. In der EU wurde 1994 die Zulassung von Bt-Mais durch Novartis beantragt und 1997 nach umfangreicher Prüfung unter gentechnischen Gesichtspunkten genehmigt.

Damit gilt die Sorte als gesundheitlich und ökologisch unbedenklich und darf "in Verkehr gebracht" werden. Die Zulassung von transgenem Mais und Soja erfolgte noch vor der Novel-Food-Verordnung, mit der 1997 auch die "grüne" Gentechnik in der EU neu reguliert und vor allem eine Kennzeichnung durchgesetzt wurde. Aus diesem Grunde wurde danach in einer eigenen Verordnung die Kennzeichnung von transgenem Mais und Soja angeordnet.

Angebaut wurde der Bt-Mais von Novartis jedoch bisher hierzulande nur zu Forschungszwecken, 1999 auf etwa 500 Hektar. Um als eigene Sorte zugelassen zu werden und - zumindest hypothetisch - in großem Stil angebaut werden zu können, muss eine Pflanze laut Saatgut-Verkehrsgesetz besondere Merkmale erfüllen, wie Josef Steinberger, Abteilungsleiter für Landwirtschaft beim Bundessortenamt, erläutert. Die Sorte müsse sich von den bereits bestehenden unterscheiden und einen "landeskulturellen Wert" haben, also mit ihren Eigenschaften die Landwirtschaft bereichern. Das kann bedeuten, dass sie standfester, ertragreicher, resistenter oder qualitätvoller als bisher zugelassene Sorten sein muss, um zugelassen zu werden.

"Wie bei einem Gerichtsverfahren" berate der Ausschuss über die Zulassung einer Sorte, berichtet Steinberger. Das Verfahren ziehe sich in aller Regel über zwei Jahre hin, und nur etwa jede zehnte Sorte werde tatsächlich zugelassen. Nicht nur für Mais, sondern auch für transgenen Raps und Zuckerrüben sei die Zulassung als Sorte beantragt.

Steinberger legt Wert darauf, dass die Entscheidung durch das Sortenamt als unabhängige Instanz gefällt werde, wie es das Gesetz vorschreibe. Politischem Druck von der einen oder anderen Seite wolle man sich nicht beugen. Widerspruch gegen die Entscheidung könne nur der Antragsteller einlegen.

Das Bundessortenamt sehe die Gentechnik zunächst "weder positiv noch negativ", versichert Steinberger. "Die Summe der Eigenschaften einer neuen Sorte muss einen messbaren Fortschritt bedeuten." Es komme auf die Art eines gentechnischen Eingriffs an, auf das Wie, nicht auf das Ob. "Wir werden von Fall zu Fall entscheiden, ob die gesetzlichen Bedingungen erfüllt sind."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben