Gesundheit : Burg der Hoffnung

Die Menschen in Bam lebten von der Zitadelle. Ein Jahr nach dem Beben warten sie verzweifelt auf den Wiederaufbau. Ein Erfahrungsbericht

Heidemarie Seblatnig

„Sofort nach dem Beben“, berichtet der Fremdenführer Mahmood Tohidi, „nachdem ich mich um meine engsten Verwandten gekümmert hatte, kam ich um sechs Uhr früh zur Zitadelle, denn als die Zitadelle erbebte, erbebte für uns die Welt.“ Leise setzt hinzu: „Ich war wie ein Liebender, der seine Geliebte verloren hat.“

Am 26. Dezember 2003 um 5.20 Uhr erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,3 auf der Richterskala die Oasenstadt Bam im Iran. Dabei wurden die 2 250 Jahre alte Burg von Bam und die zu ihren Füßen liegende 120 000 Einwohner zählende Stadt fast zur Gänze zerstört. Die Bilanz dieser Naturkatastrophe: 40 000 Tote, 10 000 Verletzte und 5000 Waisenkinder. Im November 2004 besuchte ich die Oasenstadt Bam, um einen Dokumentarfilm drehen. Ein Jahr vor dem Beben war ich schon einmal dort, um ein Seminar zur Lehmziegelarchitektur an der Technischen Universität Wien vorzubereiten. Als ich die Stadt jetzt wiedersah, brachte ich die Erinnerung an eine von pulsierendem Leben erfüllte orientalische Stadt mit, die zu Füßen einer stolzen Zitadelle lag.

Der Strom der Touristen, der voll Ehrfurcht den größten Lehmziegelbau der Welt bestaunte, schien nicht enden zu wollen. Die Zitadelle, Arge-Bam (Burg von Bam), war in ihrer Schönheit und ihrem Alter einmalig auf der Welt. Auf Schritt und Tritt war zu sehen, mit welcher Liebe und Fürsorge die Bewohner von Bam ihre Burg pflegten. Sie hatten die Bauten alljährlich mit einer dünnen Lehmschicht getüncht und das leicht vergängliche, gegen Wind und Sonne empfindliche Material der ungebrannten Lehmziegel vor Erosion geschützt. Die Leute betrachteten die Burg als Teil ihres Lebens. Denn sie lebten von diesem Kulturdenkmal – von den Touristen, die vor dem Beben nach Bam strömten und die seit dem Beben ausbleiben. Wenn nicht wenigstens ein Teil der Festung wieder aufgebaut wird, werden die Touristen nicht wiederkommen. Die Prognose ist momentan leider sehr schlecht.

Das Beben vernichtete innerhalb von 18 Sekunden siebzig Prozent der Stadt und der Burg. Wie die Festung waren auch die Wohnhäuser der modernen Stadt Bam in der archaischen Lehmbauweise errichtet. Ungebrannte Lehmziegel sind das Baumaterial in dieser kargen Gegend. Dass Holz ein rares, kostbares Gut ist, wurde Bam zum Verhängnis: Nur in einigen wenigen Häusern gab es Stützkonstruktionen, die die Gebäude elastisch machten. Zumindest teilweise stehen geblieben sind große kommerziell genutzte Bauwerke wie das Kaufhaus, ein Hotel, die Bank, die im Inneren mit Stahlkonstruktionen gesichert waren – unerschwinglich für die einfachen Menschen dort, die beim Erdbeben alles verloren haben. Die einfachste Erdbebensicherung wären leichte Holzgeflechtwände mit Lehmbewurf, die den Wänden eine große Flexibilität bringen. Aber schon dafür bräuchten die Menschen massive Hilfe von außen.

Vor einigen Monaten wurde die Zitadelle von Bam von der Unesco als gefährdetes Weltkulturerbe aufgelistet. Internationale Experten sollen das Bauwerk studieren und für seine Erhaltung zusammenarbeiten. Noch aber scheint nichts von dieser Hilfe in Bam angekommen zu sein.

Vor meiner Ankunft in Bam hatte ich verschiedene Treffen vereinbart, mit dem Gouverneur der Stadt, dem Leiter des Gesundheitswesens, dem Verantwortlichen für die Wasser- und Stromversorgung, mit Kindern, die durch das Beben zu Vollwaisen wurden und Menschen, die ihre gesamte Familie verloren hatten, um mit ihnen über das Leben und den Wiederaufbau nach dem Erdbeben zu sprechen.

Der Gouverneur konnte auf beachtliche Fortschritte beim Wiederaufbau der Stadt verweisen: Unmittelbar nach dem Erdbeben mussten sechs Millionen Kubikmeter Schutt aus der Stadt auf eine 20 Kilometer entfernte Deponie gebracht werden. Die Notunterbringung der Bevölkerung besteht zum Teil noch immer aus Zeltlagern. Etwa 9000 Familien leben in festeren Notunterkünften. Aber schon 35 000 Fertigteilhäuser wurden gebaut: 20 Quadratmeter kleine Ein-Zimmer-Häuschen aus dem traditionellen Baustoff Lehm – nun aber in gebrannter Form und mit einer Rahmenkonstruktion aus Metall.

Wie Yousef Amini, der Verantwortliche für Wasser- und Stromversorgung berichtete, wurde das Wasserleitungs- und Stromnetz vollständig instand gesetzt – und zwar schon in den ersten Tagen nach dem Beben. Das zerstörte Telefonnetz wurde durch Mobiltelefone ersetzt.

Die Gesundheitsfürsorge konnte, wie der Arzt Reza Abbasi berichtete, durch die Einteilung der betroffenen Region in 14 Gebiete, für die jeweils ein Arzt zuständig war, Seuchen verhindern. Internationale Experten und auch das iranische Gesundheitsministerium hatten Epidemien vorausgesagt, die noch einmal zehntausende Tote fordern könnten.

Mit besonderer Ungeduld hatte ich dem Wiedersehen mit zwei Menschen in Bam entgegengesehen, die diese Katastrophe zum Glück überlebt hatten: dem Fremdenführer Mahmood Tohidi, der mir bei meinem Aufenthalt vor dem Beben so viel Interessantes aus der Geschichte der Burg erzählt hatte, und der Teeverkäuferin Efat-Falah, einer Frau, die an der Universität von Shiraz Anglistik studiert hatte und ein enormes Wissen über die Heilkraft von Kräutern besaß. Sie setzte die Tradition dieses Wissens fort, das in der Region der Gewürzstraße seit Generationen weitergegeben wird.

Efat-Falah schloss mich in ihre Arme und erzählte mir unter Tränen: „Vor dem Beben hatte ich zwei Söhne, nach dem Beben habe ich um zehn mehr, weil es so viele von den Nachbarn gibt, und ich bin stolz, ihre Mutter zu sein.“ Ihre Lebensgrundlage hat Efat-Falah durch die Zerstörung der Zitadelle verloren. Trotzdem nahm sie einen der Waisenjungen in ihr neues Ein-Raum-Haus auf, die anderen versorgt sie bei noch ärmeren Verwandten mit Nahrung. Mahmood Tohidi klammert sich an die Hoffnung, dass der Wiederaufbau „seiner“ Zitadelle bald beginnen möge. Neben dem Tourismus haben die Menschen von Bam nur eine nennenswerte Einkommensquelle: den Anbau und Export von Datteln. Die Datteln von Bam sind berühmt und die Haine blieben vom Erdbeben verschont. Aber den Tourismus können sie nicht ersetzen.

Zur Rekonstruktion der Zitadelle gibt es indes nur vage Angaben. Eine österreichische Firma erstellt gemeinsam mit einem iranischen Wissenschafter ein Laserprofil, mit dem ein komplettes Computermodell der Zitadelle entstehen soll. Es dokumentiert den Zustand der Zitadelle nach dem Beben und kann den internationalen Experten als Arbeitsgrundlage dienen. Im Iran ist zu hören, dass Bestandsaufnahme, Dokumentation und Planung abgeschlossen seien. Jetzt müsse man Sponsoren für die Wiederaufbau suchen – auch außerhalb der Unesco.

Die Menschen in Bam zeigen ein Jahr nach der Katastrophe, bei der viele ihre gesamte Familie und all ihren Besitz verloren haben, erstaunliche Größe. Asghar-Asgari, der Geistliche, drückt die Stimmung aus, die in Bam herrscht: „Wenn Sie auf die Straße schauen, dann sieht man, es herrscht reges Leben. Das zeigt, dass sich die Menschen an das Leben angepasst haben. Es zeigt, das Leben geht weiter, trotz aller Probleme. Daher werden wir Bam wieder aufbauen, stabiler als vorher, darum werden wir uns bemühen.“

Die Autorin lehrt am Institut für Architekturwissenschaft der Technischen Universität Wien. In Bam drehte sie den Film „Bam – Ich erwache, um zu beten“, eine österreichisch-iranische Koproduktion (2004), die im Dezember auf 3Sat ausgestrahlt wurde.

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