Gesundheit : Burkhard Peterim Gespräch: Mit der Hypnose reisen wir in unser Unterbewusstsein - und das hilft

Herr Peter[wie Hypnose im Allt],erzählen Sie[wie Hypnose im Allt]

Er gilt als einer der führenden Hypnose-Spezialisten. Burkhard Peter, 51, Diplom-Psychologe und Psychologischer Therapeut in München, sitzt im Vorstand der "International Society of Hypnosis". In diesen Tagen erscheint das von ihm mitherausgegebene Buch "Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin", Springer-Verlag, Heidelberg. Peter ist Mitveranstalter des internationalen Hypnosekongresses, der am 2.Oktober in München eröffnet wird.

Herr Peter, erzählen Sie, wie Hypnose im Alltag eines Therapeuten funktioniert.

Vor kurzem kam ein Mann zu mir, überwiesen von einem Arzt, der nicht weiterkam in dem Fall. Der Patient hat einen Laden und wurde eines Tages überfallen von zwei Männern. Sie sind einfach rein in das Geschäft, haben die Kasse ausgeraubt. Die waren furchtbar brutal: Sie haben dem armen Mann mit einem Ziegenfuß, ein spitzes Eisengerät mit einer Kralle, auf den Kopf geschlagen. Dann sind sie abgehauen.

Was ist dem Mann passiert?

Zunächst sehr wenig. Er war nicht bewusstlos und ist in die nächste Klinik gefahren, hat sich verbinden lassen, und weil er ein robuster Typ ist, stand er am nächsten Tag wieder im Laden. Drei Wochen lang ging alles gut, doch plötzlich sind bei ihm merkwürdige Sachen aufgetreten. Er hat jedesmal, wenn er den Laden betreten hat, ein Brennen in der Brust gespürt, auch oben am Kopf ein Verziehen und Verkrampfen.

Kopfschmerzen?

Nein, ein undefinierbarer Schmerz. Außerdem lief er seit dem Überfall wie hinter einer Glaswand durchs Leben, seine Empfindungsfähigkeit war weg. Dazu kam, dass ihm auf dem Gehweg niemand auf der linken Seite begegnen durfte, also ging er direkt an der Hauswand entlang.

Was kann Hypnose in einem solchen Fall helfen?

Unter Hypnose führe ich den Mann in seinem Unterbewusstsein in die Situation des Überfalls zurück ...

Wir fragen später, wie so etwas funktioniert.

Dabei geht es nicht darum, dass er selbst noch einmal den Unfall erlebt, sondern darum, dass er die Dinge, die in dem Laden passiert sind, von einem sicheren Ort aus betrachtet. Wichtig ist, dass er seine Gefühle abschaltet, den Überfall nur beobachtet. Denn mit seinen Gefühlen hat er ja offenbar Schwierigkeiten. In weiteren Phasen der Therapie sucht er in seinem Unterbewusstsein eine Situation von früher auf, einen Ort, an dem er sich wohl und geborgen gefühlt hat. Seine heile Welt war bei den Großeltern, die am Waldrand gelebt haben. Hier soll er mit allen Sinnen empfinden: den Wald riechen, sehen, hören, schmecken. Plötzlich fängt er an zu weinen vor lauter Freude, die erste emotionale Regung seit langem.

Ist dann der Fall schon gelöst?

Nein, nein. Einer der größten Fehler, der im Zusammenhang mit Hypnose gerne gemacht wird, ist die Illusion, dass alles blitzschnell geht. Bei diesem Mannwar die Gefühlswelt fast vollkommen eingefroren. Man muss versuchen, sie aufzutauen. Wir hatten positive Gefühle wiedergefunden, in der nächsten Stunde machten wir uns auf die Suche nach negativen Gefühlen. Denn er muss ja herankommen an seine Wut, dass die beiden ihm eins auf den Kopf gegeben haben. In seinem Fall fiel die Suche ergebnislos aus. Es gibt Menschen, die sind in derart großer Harmonie aufgewachsen, dass in ihnen keine Wut steckt.

Herr Peter, eine Reise durch das Unterbewusste, das klingt ein wenig märchenhaft. Viele, die das hören, denken: Was soll denn das? So etwas soll seriös sein?

Jeder, der mit Hypnose zu tun hat, kennt solche Fragen. Ich nehme das auch sehr ernst. Die Antwort darauf muss möglichst nüchtern ausfallen: Ja, es ist seriös. Es lässt sich wissenschaftlich nachprüfen, dass sich die Gehirnströme in einer Hypnose verändern. Genauso haben unzählige Studien die Erfolge der Hypnose bewiesen. Zum Beispiel bei Schmerztherapien.

Das Wort Hypnose kommt von dem griechischen Wort Hypnos, was so viel wie Schlaf bedeutet.

Das war lange die Vorstellung: dass bestimmte Teile des Gehirns eine Zeit sozusagen schlafen gehen. Mit Schlaf hat es nichts zu tun. Aber ich habe auch kein besseres Wort als Hypnose. Glauben Sie mir, ich habe da schon öfters darüber nachgedacht.

Wir versuchen zu verstehen: Was ist Hypnose?

Die Psychologie geht davon aus, dass es zwei Welten gibt. Zum einen ist da die konkrete Welt, die unmittelbare. Zum anderen existiert eine seelische Welt, ich nenne das jetzt mal seelisch. Träume, Ängste, Prägungen, Einflüsse. Die Verbindung zwischen diesen beiden Welten zu schaffen, das ist der Grundgedanke. Man führt in der Hypnose jemanden heraus aus einer Alltagswelt hinein in diese geistige Welt.

Einer Ihrer Kollegen hat einmal gesagt: Man öffnet ein Fenster ...

Ein schönes Bild. Wenn man so will, holt man diese alternative Welt, die Ressourcen, zur Hilfe für die Lösung von Problemen, die man in der Wirklichkeit hat. Es geht darum, dass man mit dem Menschen etwas macht, was man in die wirkliche Welt implantiert.

Um es in der Computersprache zu sagen: Man verändert einen Teil des Programms B, um es dann in das Programm A hineinzukopieren.

Ich suche bei meiner Arbeit die inneren Bilder von Menschen. Die sind oft in früher Kindheit angelegt. Eltern leben etwa eine bestimmte Art von Partnerschaft vor. Entweder die machen es toll oder die machen es gar nicht toll: In jedem Fall prägt sich dieses Bild ein. Wenn diese Bilder, die sozusagen von außen kommen, nicht zu den eigenen Talenten passen, dann muss es später unweigerlich zu Schwierigkeiten kommen.

Was verstehen Sie unter Talenten?

In den 60er und 70er Jahren ging die Wissenschaft davon aus, der Mensch kommt gewissermaßen als weißes Blatt auf die Welt und wird dann relativ beliebig programmiert. Heute weiß man, die programmierbaren Features des Menschen sind begrenzt. Jeder wird mit einer gewissen Ausstattung geboren, die den Lebensrahmen bilden. Das meine ich mit Talenten, mit denen jeder von uns auskommen muss.

Was unterscheidet innere Bilder und Talente?

Die inneren Bilder werden von der Außenwelt geprägt. Im Idealfall passen diese Bilder, mit denen wir in die Welt gehen, zu unseren Möglichkeiten. Das ist unser Leben, dann leben wir unsere Träume.

Und wenn nicht? Ein Münchner Psychoanalytiker hat uns folgenden Fall erzählt: Ein Hippie, ein Aussteiger, der weite Teile des Jahres in den Höhlen von Kreta lebte, litt unter so schweren Depressionen, dass er vor dem Selbstmord stand. In einer mühseligen Therapie wurde ihm klar gemacht, dass in ihm selbst ein ganz anderer Lebenstraum angelegt war. Und zwar der eines Spießers mit Reihenhaus und geputztem Vorgarten.

Ein trauriges Beispiel, aber es stimmt. Wenn einer zu sehr gegen seine eigene Natur handelt, kann er an den Bildern, die ihm vorschweben, zu Grunde gehen. In Therapien müssen Leute ihre Ziele oft korrigieren.

Hypnose und Therapie - wie gehört das zusammen?

Hypnose ist zunächst nur ein Hilfsmittel in einer Therapie. Ein Instrument, um einem Menschen zu helfen. Manche Patienten erhoffen sich von der Hypnose auch viel zu viel. Nach dem Motto: Bitte hypnotisieren Sie mich und machen mich gesund, stark, schön und reich! Wir sind gerade dabei, Hypnotherapie als eigene Therapieform zu etablieren.

Ihr Vorbild ist der Amerikaner Milton Erickson.

Der Mittelpunkt seiner Lehre ist, dass die Ressourcen im Patienten liegen, und dass meine Aufgabe als Therapeut nur sein kann, diese Ressourcen freizulegen, den Patienten zu motivieren, sie zu benutzen. Vor Erickson war die Psychoanalyse problemorientiert, nach dem Motto: Man muss bloß in dem Sündenpfuhl der Menschen graben, oh Gott, was haben Deine Eltern mit Dir getrieben?

Die Seele als Müllhalde.

Genau. Aber das ist nicht meine Betrachtungsweise.

Sie reden von Hypnose im Zusammenhang mit Helfen. Wer aber im Allgemeinen an Hypnose denkt, sieht oft den großen Bühnenmagier vor sich, im schwarzen Umhang und Zylinder auf dem Kopf. Der Menschen auf die Bühne holt, sie in Trance setzt und allerlei Schabernack mit ihnen treibt.

Ich stehe dieser Showhypnose äußerst skeptisch gegenüber. Ich will das mit einem eher läppischen Vergleich begründen. Nehmen wir ein Skalpell: Wenn ein ausgebildeter Arzt damit umgeht, ist es ein nützliches Instrument, von dem keine Gefahr ausgeht. Wenn es in falsche Hände gerät, kann es ganz anders aussehen. So ähnlich ist das auch mit der Hypnose. Die reine Technik ist nämlich sehr leicht zu lernen, das geht an einem Wochenende.

Das müssen Sie erklären: Warum kann Hypnose gefährlich sein?

Ein Beispiel: Sie treten unter Hypnose eine Reise durch ihr Unterbewusstsein an. Wie das genau funktioniert, kann niemand sagen. Vielleicht können wir uns das aber so vorstellen: Die Erfahrungen und Erlebnisse eines Menschen sind abgespeichert und wie mit einer Art Suchmaschine durchstöbern wir unsere Archive.

Bei dem Mann, der in seinem Laden überfallen wurde, hieß das Suchwort: Geborgenheit.

Genau. Nun ist die Gefahr, dass man auf dieser Reise auf ein Ereignis stößt, das traumatisch war. Allein das kann erneut ein Trauma auslösen. Und hier ist nun der ausgebildete Psychologe gefragt, der den Menschen behutsam aus dieser Situation wieder herausführt. Sie können den Weg nicht mehr alleine zurückfinden.

Soll die Bühnenhypnose verboten werden?

Nein, wir leben nicht in Zeiten, wo Verbote etwas bringen. Was ich fordere, ist umfassende Aufklärung. Menschen, die sich darauf einlassen, müssen ihre Risiken kennen.

Wir erinnern uns an eine Fernsehsendung, in der ein Hypnotiseur TV-Zuschauer dazu brachte, ihre Hände zu falten und zwar so stark, dass sie diese auch Stunden später noch nicht auseinander brachten.

Da klingelten bei den Ärzten die Telefone Sturm. Ich erinnere mich.

Wenn Menschen ihre Reise in die Vergangenheit antreten, geraten sie oft in ihre Kindheit. Stimmt es, dass sich dann die Stimme der Leute verändert?

Ja. Es kommt häufig vor, dass Patienten plötzlich anfangen, mit ihrer Kinderstimme zu reden.

Weiß man als Patient am Ende einer Hypnose, wo man gewesen ist?

In der Regel ja. Nur in seltenen Fällen wird alles vergessen. Manchmal überlegt man sich als Therapeut, dass der Patient schlimme Erlebnisse, auf die er in der Hypnose gestoßen ist, gleich wieder vergisst.

So ein Befehl zu vergessen funktioniert?

Manchmal, eher selten.

Kann man unter Hypnose eine Frau verführen?

Ich will es andersrum sagen: Wer eine Frau verführt, braucht keine Hypnose. Nein, dazu kann man sie nicht gebrauchen.

Es gibt die Angst, Dinge unter der Hypnose zu tun, die man später bitter bereut. Fragen wir nach dem Schlimmsten: Kann man in der Hypnose jemandem den Auftrag geben, einen Menschen zu töten?

Nein, man kann Menschen nicht zu Marionetten machen. Es gibt aber Extremfälle. Studien haben gezeigt, dass beispielsweise amerikanische Soldaten, die früher in Vietnam waren, in Hypnose wieder in diese Kriegssituation zurückgeführt wurden, und da, natürlich rein theoretisch, eine Bereitschaft zu allem Möglichen gezeigt haben. Denn damals gehörte das Töten zu ihrem Alltag. Aber noch mal: In der Hypnose lassen sich Menschen zu nichts überreden, was sie nicht von sich aus tun möchten.

Was sagen Sie einem Menschen, der trotzdem vor dem Kontrollverlust der Hypnose Angst hat?

Dem sage ich, er soll sich die Sitzung per Kamera aufzeichnen. Ich habe immer eine hier stehen.

Herr Peter, angenommen, Sie würden uns jetzt hypnotisieren. Womit würden Sie anfangen?

Ich gehe davon aus, dass Sie nicht zu den Leuten gehören, die man auf keinen Fall hypnotisieren darf. Das sind zum Beispiel Leute, deren Krankheitssymptome ihr einziger Halt sind. Wenn man unter Hypnose diese Symptome nimmt, bricht alles zusammen.

Wir reden ja nur über die Theorie. Ist jeder Mensch hypnotisierbar?

Nein. Ungefähr 90 Prozent der Menschen lassen sich hypnotisieren, zehn Prozent nicht. So wie es unmusikalische und musikalische Menschen gibt. Also, ich würde sagen, Sie sollen einen Gegenstand fixieren, zum Beispiel diese Kaffeekanne. Dann wird Ihr Blick allmählich unscharf, die Farben und Formen verändern sich. Die Augen werden müde, die Lider werden schwer und irgendwann geht es runter, runter, runter. Und dann sage ich, im gleichen Maße wie Ihr Arm jetzt nach oben geht, begeben Sie sich auf die Reise durch Ihr Unterbewusstsein.

Erzählen Sie aus Ihrer Praxis einen Fall, wo die Hypnose geholfen hat.

Einmal kam eine Frau, eine Studentin, die litt unter erheblichen Gewichtsproblemen, hatte deshalb auch Depressionen. In Hypnose gingen wir in ihre Kindheit zurück. Wir fanden rasch die entscheidende Situation. Die Eltern waren berufstätig, das Kindermädchen wollte ihre Ruhe und hat die Kleine immer eingesperrt ins Kinderzimmer. Und damit sie da drin Ruhe gibt, wurde sie mit Schokolade zugestopft.

War es schon genug, diese Auslösersituation gefunden zu haben?

Nein. Wir mussten uns beraten, ich, als eine Art objektiver Berater, und sie, das kleine Mädchen. Was kann man tun? Den Eltern davon erzählen? Da hat die Frau, die vor mir als Kind saß, abgewunken. Nein, petzen, das geht doch nicht. Die Lösung war, dass die Kleine das Kindermädchen eingesperrt und mit viel zu viel Schokolade versorgt hat. Und in dem Moment, in dem sie in der Alternativwelt die Initiative ergriffen hatte, fing sie an, ihr wahres Leben zu verändern. Und das war auch bitter nötig, denn sehr spät hat sich auch für mich herausgestellt: Es ging nicht bloß ums Dicksein. Sie war sozial isoliert, hat ihr Zimmer nur für Vorlesungen verlassen. Hatte keine Freunde, und was machte sie zu Hause? Sie aß Schokolade.

Aus den Vereinigten Staaten hört man nicht nur positive Geschichten. Es gibt Therapeuten, die so weit gehen, dass sie ihre Patientinnen auf eine ziemlich brutale Weise umprogrammieren: Sie reden ihnen ein, sie wurden in ihrer Kindheit von ihren Vätern sexuell missbraucht.

Die Idee dieser Leute ist folgende: Man gibt einer Frau, die etwa unter schweren Depressionen und Angstzuständen leidet, einen fiktiven Grund - das ist schuld an Deinem Leiden. Das ist natürlich höchst unverantwortlich, so weit darf man auf keinen Fall gehen. Selbst wenn dieses Prinzip funktionieren würde: Der Zweck heiligt nie die Mittel.

Ist das also die Grenze? Man darf nie etwas Erfundenes einprogrammieren?

Ja. Jeder Therapeut muss für sich eine klare und ethische Position finden.

Herr Peter, warum sind Sie eigentlich Psychologe geworden?

Ich habe im Alter von 17 Jahren ein paar Texte von Sigmund Freud gelesen. Da hat sich für mich so etwas wie eine Welt aufgetan. Und es war mir sofort klar: In diese Richtung willst du gehen. Weil ich aber ein vernünftiger Junge war, habe ich auf alle gut gemeinten Ratschläge gehört und erst einmal Germanistik studiert. Nach dem Motto: Mach was Gescheites! Mit Psychologie kannst du doch dein Brot nicht verdienen. Das hat sich gedreht: Heute ist es wohl eher andersrum.

Sigmund Freud war der Begründer der Psychoanalyse. Er gilt als großer Kritiker der Hypnose.

Das kann man so nicht sagen. Freud war am Anfang seiner Karriere völlig begeistert. Dann stellte sich bei ihm aber eine deutliche Ernüchterung ein, als er feststellen musste, dass allein Befehle in Trance noch nicht zur Heilung führen können. Am Ende seines Lebens aber stand er der Hypnose wieder sehr positiv gegenüber.

Was hat Sie an Freud derart fasziniert?

Ich hatte in der Schule, ich war auf einem Internat, einen Freund, der plötzlich mit seinem Leben nicht mehr zurechtkam. Aus einem fröhlichen Jungen wurde ein Depressiver. Ich sah da zu, konnte nichts verstehen und schon gar nicht helfen. Als ich Freud las, sah ich: Da gibt es doch einen Weg.

Herr Peter, wie darf man sich den Feierabend eines Therapeuten vorstellen?

Sehr wenig psychologisch. Wenn ich ins Kino gehe, will ich mehr so Schießfilme sehen. Und auf keinen Fall etwas Tiefgründiges. Ich habe genug Ingmar Bergman ...

der schwedische Problemfilmer...

in meiner Praxis.

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