Gesundheit : CAMPUS-KURZGESCHICHTEN - EIN WETTBEWERB: Meine Professoren

MALIN SCHWERDTFEGER

Mein schönster Sommer: Unten auf dem Rasen im Innenhof liefen meine Professoren wild durcheinander in ihren khakifarbenen Sommeranzügen und spielten Basketball.Oben in Zimmer 301 saß ich und forschte.Ich schrieb an vier Dissertationen gleichzeitig: Medizin, Soziologie, vergleichende Religionswissenschaft und Linguistik.Magister bin ich in fast jedem Fach, und das nach fünf Semestern.Kaum war ich immatrikuliert, da hatte ich schon alles um micht herum so angeordnet, wie ich es wollte.In den meisten Fächern konnte ich schon im ersten Semester alle Scheine machen, indem ich in den Ferien eine Moorleiche ausgrub, ihre Sachen katalogisierte, ihren Körper vermaß, Gewebeproben nahm und analysierte und anhand ihrer Beigaben ein bisher unbekanntes germanisches Bestattungsritual rekonstruierte.Archäologie, Anthropologie, Biologie, Religionsgeschichte, Ethnologie.

In der Medizin brillierte ich an einer etwas frischeren Leiche: Von weitem diagnostizierte ich eine Neurofibromatose bei einer Frau, an der ich gar nicht arbeitete.Sie lag drei Tische weiter, und ich stellte die Diagnose quer durch den Saal.Danach mußte ich nie wieder um einen Platz in der Pathologie kämpfen.Ich bekam sogar Leichen ganz für mich allein.

Meine Erfolge sprachen sich herum, und die Professoren begannen, mir freie Hand zu lassen.Und bald hatte ich die Professoren in der Hand.Ich brachte meinen Psychologieprofessor zum Weinen und meinen Soziologieprofessor dazu, sich selbst zu hinterfragen.Ich demontierte sie in meinen Referaten, ich führte sie vor, und wenn sie dann ihre Habilitationsschriften verbrannt hatten, waren sie längst so weit, daß sie mich vergötterten.Es war rührend mitanzusehen, wie groß ihr Bedürfnis war, eine begabte Studentin zu fördern.

Wir hatten auch einfach nur Spaß miteinander.Ganze Nachmittage verbrachte ich mit meinem Linguistikprofessor in einer Sprachheilpraxis hinter der Spiegelwand, wo wir im Dunkeln Schokolade aßen und uns über die Stotterer, Lispler und Polterer auf der anderen Seite halb totlachten.So lange, bis die Sprachgestörten an die Wand traten, ihre Hände zu Scheuklappen formten und durch das Spiegelglas hindurchzuschauen versuchten.Und dann lachten wir noch mehr über ihre blöden Gesichter.Mit meinem Assyriologieprofessor entwickelte sich eine sehr schöne, intensive Keilschriftbrieffreundschaft.Und mit dem Anästhesiologen ging ich gern mal ein Bier trinken.

Natürlich verlor ich allmählich den Kontakt zum Mittelbau und zu den Kommilitonen.Anfangs hatten mich die anderen Studenten noch manchmal eingeladen, mich zu ihnen auf den Synthetikteppichboden zu setzen und Zigaretten darauf auszudrücken und Kaffee darauf zu verschütten, aber bald merkten sie, daß uns Welten trennten.Manchmal machte mich das traurig.Ich fand für sie keine Sprache.Und die Freundschaften mit den Professoren zur pflegen, forderte meine ganze Kraft."Kommst du mit zur Vollversammlung?", fragten sie."Nein, danke, ich habe schon gegessen", sagte ich dann, damit sie mich für verrückt hielten.

Ich bekam einen Haufen Stipendien.Und ein eigenes Zimmer: Nummer 301.Von dort hatte ich einen schönen Blick auf den begrünten Innenhof mit seinen Bänken und gepflasterten Wegen und den Rosenbüschen, in denen leider immer wieder weggeworfene Plastiktüten und Getränkedosen hingen.Ich traf den Hausmeister an und sorgte dafür, daß dort dreimal am Tag saubergemacht wurde.Später untersagte ich den Zutritt für Nichtpromovierte ganz.

Ich richtete mein Zimmer mit Art-déco-Möbeln ein, die mein Kunstgeschichtsprofessor mir hatte zukommen lassen.Und jeden Tag frische Blumen! Damit ich ein wenig Gesellschaft hatte, während ich an meinen Doktorarbeiten schrieb, schaffte ich mir eine Katze an.Zur Einweihung meines neuen Zimmers gab ich eine Party für die Professoren, ein "Stühlerücken", wie meine Sekretärin es nannte.Sie kamen alle mit Brot und Salz in ganz reizenden antiken Gefäßen.Ihre Frauen durften sie nicht mitbringen.Wir saßen herum, hörten Musik, tranken Martini, und die Katze sprang einem nach dem anderen auf den Schoß und wurde gekrault."Kleine Mäuschen kannst du ja nicht fangen", sagte mein Genetikprofessor zu der Katze und streichelte ihr mit seinen kurzen, weichen Experimentierfingern den Bauch, "die sind alle in ihren Käfigen" - ich hatte ein paar Nebenräume für meine Versuchsaufbauten und die Käfige zur Verfügung gestellt bekommen -, "und du bist einfach nur hier und liegst auf diesen wunderschönen Sofas bei deinem Frauchen.Feine Katze."

Das war im Frühling gewesen.Bis zum Sommer hatte ich die Professoren schließlich spielerisch daran gewöhnt, nicht mehr nach Hause zu gehen.Die Professoren akzeptierten meinen Wunsch, sie immer bei mir zu haben.Ich brauchte sie, sie brauchten mich.Bei meinem Einstand hatten sie erneut versprochen, mich zu fördern, und nun bestand ich darauf, daß sie ihr Versprechen hielten.Und die Professoren stellten sich mir gern zur Verfügung.

Ich sorgte dafür, daß sie Zimmer in meinem Flur zugeteilt bekamen und ihre Zeit nicht mehr für andere Studenten opfern mußten.Ich ließ die Toiletten renovieren und Duschen einbauen.Das Essen lieferte der Mensakoch viermal am Tag.Ich ließ zwei Basketballkörbe im Innenhof anbringen und Sportschuhe in allen Größen kaufen.Die Professoren durften jederzeit hinunter in den Innenhof gehen und ein Spiel machen, wenn sie Lust dazu hatten.Irgendwann gingen mir allerdings ihre schmutzigen Anzüge- und Krawatten auf den Geist.Ich bestellte für alle meine Professoren strapazierfähige, kochfeste Khakihosen und -hemden.Das war praktisch, und ich konnte sie auch von weitem erkennen.Wenn ich ihnen von meinem Fenster aus beim Spielen zusah, freute ich mich darüber, wie nett sie in ihren neuen Sachen aussahen: der kleine dicke Genetiker in kurzen Hosen, der asthenische Linguist mit Grasflecken auf seinem Safarihemd.Ich fühlte mich wie Meryl Streep in "Jenseits von Afrika", die ihren Kikuju-Eingeborenen beim Tanzen zuguckt.

Von Zeit zu Zeit öffnete ich das Fenster und rief einen oder mehrere von ihnen zu mir hinauf.Meine medizinische Promotion drehte sich um medikamentöse Herzinfarktprophylaxe, und die Psychologie-Arbeit schrieb ich über Männer, die in der Midlife-crisis ihre Familien verlassen.Es war ein sehr fruchtbarer Sommer, und ich denke bis heute gern daran zurück.

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