Gesundheit : Campus-Wettbewerb Rhetorik: Die beste Erfindung der Menschheit

Dorothee Nolte

Frank Rebmann zieht eine Plastiktüte hervor und entnimmt ihr ein Stück Seife. Ein Handy. Eine Uhr. Einen Taschenrechner. Sorgfältig gruppiert er die Gegenstände auf dem Tisch, zusammen mit einem Streichholz, einem Schlüssel und einem Stift. Zwanzig fragende Augen blicken ihn an. "So", sagt Rebmann dann. "Und was davon ist die beste Erfindung der Menschheit?"

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Der Tagesspiegel-Rhetorikwettbewerb

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Der Tagesspiegel-Rhetorikwettbewerb Die zehn Schüler im Debattier-Seminar, nach einem halben Tag Training schon geübt, verstehen sofort. Aha, eine Rede halten! Zwei Minuten Zeit hat man? Josipa geht beherzt nach vorne. Die beste Erfindung der Menschheit, sagt sie, ist der Stift, denn er ermöglicht es uns, Erfahrungen aufzuschreiben und so über die Generationen hinweg zu kommunizieren. Nein, widerspricht Martin: Eine noch bessere Erfindung ist der Schlüssel, denn ohne Schlüssel zum Abschließen würden uns alle anderen Erfindungen sofort geklaut! Schön und gut, gibt Fabian zu bedenken: Aber gäbe es keine Seife, so wären wir alle gar nicht hier, denn unsere Ahnen wären an Krankheiten, die aus mangelnder Hygiene resultieren, elendiglich verreckt! Die Zuhörer kringeln sich. Und geben nach jeder Rede ein Feedback: Überzeugend geredet, aber mit den Armen gefuchtelt. Witzige Pointe aber kein Blickkontakt! Hände aus den Hosentaschen! Wo war die Zusammenfassung am Schluss?

Josipa, Martin und Fabian sind drei von fünfzig Tagesspiegel-Lesern, die in den letzten beiden Wochen an zweitägigen Debattier- und Rhetorik-Trainings im Verlagsgebäude an der Potsdamer Straße teilgenommen haben. Von den insgesamt 175 Einsendern, die uns Reden für unseren Rhetorik-Wettbewerb geschickt haben, hat die Jury dreißig Schüler, zwölf Studenten und acht "andere" ausgewählt, die zu Seminaren eingeladen wurden: die Schüler und Studenten haben Debattier-Trainings nach dem Konzept "Jugend debattiert" der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung besucht,die "anderen" haben zusammen mit der Berliner Sprech- und Rhetorik-Trainerin Annette Weber-Diehl an ihren Reden und ihrer Ausstrahlung gearbeitet.

In einem Haus der schreibenden Zunft also wurde tagelang das Reden geübt. Während Frank Rebmann die besten Erfindungen der Menschheit wieder in die Plastiktüte stopft, nimmt Annette Weber-Diehl oben im sechsten Stock Kurzreden der Teilnehmer auf Video auf und bespricht mit ihnen die physiologischen Symptome der Nervosität. Und drei Räume weiter veranstaltet Trainer Tim Wagner mit seinen Schülern eine "Such-Stafette": Jeder Teilnehmer soll zu einer Debatten-Frage - etwa: "Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?" - jeweils ein Argument nennen: "ja, weil..", "nein, weil ..." Das geht flott. Schwieriger ist die nächste Runde: Wer vorher dafür argumentiert hat, soll jetzt ein Argument dagegen finden. Warum denn das?, fragt einer. Weil das eine gute Übung ist, um sich in die Sichtweise seines Widerparts hineinzuversetzen und seine Einwände gedanklich vorwegzunehmen, erklärt Wagner. Im Übrigen kann es bei einer Debatte durchaus mal vorkommen, dass man gegen die eigene Überzeugung argumentieren muss.

Eine andere Übung ist der "kontrollierte Dialog": Zwei Teilnehmer tauschen Argumente aus, wobei jeder zuerst das Argument des anderen wiederholt: "Du meinst also, dass ... Aber ..." Oder einer interviewt den anderen und gibt danach vor der Gruppe dessen Meinung wieder - denn das Ziel des Trainings ist nicht nur, dass die Debattanten ihre eigene Position möglichst überzeugend rüberbringen, sondern sie sollen auch lernen, ihrem Partner zuzuhören und auf seine Argumente einzugehen.

Am Ende des Trainings sind die Teilnehmer der Debattier-Seminare in der Lage, nach festen Regeln - zwei Minuten Eröffnungsstatement für jeden, acht Minuten freie Aussprache, eine Minute Schluss-Statement - miteinander zu streiten. Ein bisschen aufgeregt sind sie schon, als sie sich zur Vorausscheidungsrunde im großen Konferenzraum des Tagesspiegels treffen. Eine Jury aus Tagesspiegel-Redakteuren und Hertie-Trainern wählt nach mehreren Debatten-Runden aus den vierzig Schülern und Studenten acht aus, die sich am besten geschlagen haben; sie werden bei der Abschlussveranstaltung des Wettbewerbs in der kommenden Woche gegeneinander antreten.

Bei der Veranstaltung im Haus der Bundespressekonferenz sollen sowohl die besten Debattanten gekürt werden als auch diejenigen Leser, die die besten Reden eingeschickt haben und sie am überzeugendsten vortragen. Dafür gibt es Geldpreise und Einzelcoachings, die die Jury, bestehend unter anderem aus Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Ralf Langhammer, Projektleiter von "Jugend debattiert" bei der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, verteilen wird.

"In der Schule haben wir zwar rhetorische Stilfiguren gelernt", sagt Katharina nach der letzten Runde. "Aber dass da so viel hinter steckt, was sich praktisch anwenden lässt, hätte ich nicht erwartet." Und auch nicht, dass es so viel Spaß macht, fügt Magdalena hinzu. Vielleicht zählt ja auch die Rhetorik zu den besten Erfindungen der Menschheit.

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