Gesundheit : Campus-Wettbewerb Rhetorik: Goethe, Schiller: Alle tot!

Meine Damen und Herren

"Keine Allgemeinbildung. Nirgends": Mit diesem entstellten Christa-Wolf-Zitat würde vermutlich ein Bericht über meinen unmaßgeblichen Beitrag zur Notwendigkeit einer Allgemeinbildung in der F.A.Z. übertitelt sein. Gerne zeigen die Titelkönige in den Redaktionen Spuren ihrer Bildung, Allgemeinbildung oder Halbbildung, indem sie Zitate neuen Themen beliebig zuordnen. "Die Allgemeinbildung findet nicht statt", frei nach Giraudoux, oder "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Allgemeinbildung", oder, das wäre der Gipfel, aber leider nicht unmöglich: "Zwei Allgemeinbildungen wohnen, ach, in meiner Brust."

Wer bestimmt? Schwanitz?

Brauchen wir einen neuen Kanon der Allgemeinbildung? Hier gleich weiter zu forschen, hieße den dritten Schritt zuerst zu machen. Lassen Sie uns erst einmal überlegen, ob wir überhaupt einen verbindlichen Kanon haben, bevor wir daran gehen, ihn zu erneuern. Und lassen Sie uns besser noch den ersten Schritt tun und fragen: Brauchen wir eine Allgemeinbildung?

Braucht kein Mensch. Jedes russische Mütterlein in der sibirischen Steppe weiß auch ohne Scholochow, wann der Don still fließt.

Zum Thema Online Spezial:
Der Tagesspiegel-Rhetorikwettbewerb Allgemeinbildung braucht kein Mensch. Brauchen auch Sie nicht, meine Damen und Herren. Was überhaupt ist Allgemeinbildung und wofür ist sie gut? Wer soll den Forschungsstand, die Bildung, das Wissen sammeln, sichten und wieder trennen in nütz und unnütz, unwichtig und wichtig? Günter Jauch hat mit seinem "Wer wird Millionär?"-Quiz einen vermeintlichen Kanon aufgestellt. Demnach ist es wichtig zu wissen, dass es "der Schwächste" ist, der in einer RTL-Show fliegt? Dietrich Schwanitz weiß "alles, was man wissen muss", und nennt seine Zusammenfassung hochtrabend "Bildung". Wer entscheidet eigentlich, dass man "Nora" als Beispiel eines Dramas von Ibsen kennen muss und nicht "Hedda Gabler" oder "Gespenster"?

Den Allgemeinbildungskanon kann kein Mensch komponieren. Da trifft es sich gut, dass ihn auch kein Mensch braucht. Denn Brauchen steht mit Nutzen in Zusammenhang. Drei große Missverständnisse dürften zu beheben sein.

Der erste Irrtum: Allgemeinbildung hilft im täglichen Leben. Nicht Allgemeinbildung hilft, sondern Erfahrung, Gebrauchsanweisungen und Geist. Kein Mensch muss Schiller gelesen haben, um zu sehen, wann der Teig schwer reißend vom Löffel fällt. Im Gegenteil: Allgemeinbildung - so es sie gibt - scheint eher hinderlich. Die Fähigkeit, einen Nagel in die Wand zu schlagen, nimmt mit steigendem Bildungsgrad ab.

Alles gewusst?

Der zweite Irrtum: Durch Allgemeinbildung gewinnen wir Erkenntnis. Nicht Allgemeinbildung hilft, sondern eigenes Denken und eigener Geist. In der Tat eine großartige, hilfreiche Allgemeinbildung, die die Mittelaltermenschen glauben machte, sie lebten auf einer Scheibe! Der dritte Irrtum: Allgemeinbildung macht das Leben mit den Mitmenschen möglich. Nicht Allgemeinbildung, sondern Instinkt, Großmut und Geist. Der "Contrat social" wird von den Menschen, die ihn gelesen haben, ebenso schlecht eingehalten wie von denen, die nicht mal wissen, wo er steht.

Machen wir den Test: Überlegen Sie - im Stillen (bitte) -, welche großen Ereignisse in die folgenden Jahre fallen: 44 v. Chr., 1066, 1255, 1536, 1814, 1926, 1969. - Alles gewusst? Hat es was genutzt? Fühlen Sie sich besser, wenn Sie wissen, dass andere nicht alles wussten? Allgemeinbildung als Selbstbefriedigung, na gut, dafür taugt sie. Das dürfte es auch schon gewesen sein.

Bitte missverstehen Sie mich nicht! Nichts gegen Bildung, die jeder für sich selbst entdeckt. Bildung kann glücklich machen. Allgemeinbildung als abgespeckte Ausgabe für alle - als Kanon - jedoch nicht. Allgemeinbildung brauchen wir wirklich nicht. Was wir benötigen, ist Geist. Und Herz. Nicht mehr. Nicht weniger. Dann könnten wir auch mal wieder eine normale Überschrift in der Zeitung lesen: "Goethe, Schiller: Alle tot!" Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben