Gesundheit : Chefköche mit Intensivbetreuung im Labor

Dorte Von Stünzner

Die Chancen waren schlecht. Wer sich vor drei Jahren aus dem Ausland für eine Doktorandenstelle bei den Chemikern der Freien Universität beworben hat, war meist erfolglos. "Wir bekamen viele Anfragen, aber die meisten Studenten hatten zu wenig Laborerfahrung", erinnert sich Hans Heinrich Limbach, Professor für Instrumentelle Analytik an der FU. "Aber wir dachen, wenn die Leute hier vorher einen Master machen, dann können wir sie so ausbilden, wie wir sie brauchen".

Zwei Jahre ist er mittlerweile alt, der neue Masterstudiengang Chemie, und er bietet, was ein Masterprogramm heute bieten muss: Vorlesungen auf Englisch und Deutsch; kurze Studieneinheiten, die einzeln abgeprüft werden und für die die Studierenden Leistungspunkte erhalten. Die Punkte wiederum sind europaweit vergleichbar, können auch an Universitäten anderer Länder gesammelt werden und berechtigen den Studenten ab einem bestimmten Punktestand zur Masterarbeit. Das Besondere an der FU ist allerdings, dass jeder Studierende sein Punktekonto auf ganz individuelle Art und Weise füllen kann. "Das Masterstudium Chemie ist wie eine große Wiese", sagt Professor Limbach. "Auf ihr dürfen sich die Leute selbst einen Weg suchen, es ist kein Pfad vorgegeben." Aber wie funktioniert das, ohne das Hochschüler in der pfadlosen Uni-Wildnis verlorengehen?

Mentoren kümmern sich um Studenten

Der Schlüssel ist die individuelle Betreuung. Wer sich als ausländischer Studierender bewirbt, muss in seiner Bewerbung angeben, welchen fachlichen Schwerpunkt er oder sie in seinem Masterstudium setzten möchte. "Ich schaue die Bewerbungen durch und schicke sie dann weiter an Kollegen", sagt Professor Limbach. Nur, wenn sich im gewünschten Schwerpunktsgebiet ein Professor als Mentor für den Studierenden findet, wird er aufgenommen. Zwei Drittel der Bewerbungen werden denn auch abgelehnt. Die glücklich Angenommen prüft ihr Mentor in einem Gespräch genaustens über ihr Vorwissen.

Der Professor entscheidet dann, ob sein Schützling sofort mit dem Masterprogramm beginnen kann oder noch Kurse belegen muss, um beispielsweise genauso selbstständig im Labor arbeiten zu können wie die deutschen Studierenden. Etwa die Hälfte der ausländischen Masterstudenten muss ein Null-Semester zum Nachholen absolvieren. "Im Ausland ist es oft so, dass der Lehrer kocht und die Schüler schreiben mit", sagt Professor Limbach. "Bei uns sagt der Lehrer: Koch mir dieses Gericht. Dann geht der Schüler los, holt sich ein Kochbuch in der Bibliothek, die Zutaten aus dem Laden, kocht und fragt dann den Lehrer am Ende, ob er probieren will."

Die 10 ausländischen Studenten, die in diesem Wintersemester mit dem Masterstudiengang begonnen haben, spezialisieren sich noch in ihrem Studium auf ein Teilgebiet in der Chemie. Anders als die Diplomchemiker wählen sie im Masterstudium ein Hauptfach. Statt wie die Diplomchemiker nachher überall einsetzbar zu sein, setzten sie auf Spezialisierung und das individuelle Profil. "Die Studenten können sich beispielsweise Pratika in der Industrie für ihr Studium anrechnen lassen", erklärt Limbach.

Da im Masterprogramm jede Studieneinheit einzeln abgeprüft wird, könnten sich die Arbeitgeber später ein genaues Bild davon machen, wo die Absolventen besondere gute Leistungen gezeigt hätten. Für die Studierenden im dritten Jahr des Masterprogramms ist die Marschrichtung über die grüne Wiese also doch recht klar vorgeben. Anders war das für die ersten Studenten. Asnakech Gemecho aus Äthiopen besipielsweise hatte sich im Oktober 1997 für den zweisprachigen Chemiestudiengang eingeschrieben.

Die damalige Planung des internationalen Studienganges sah noch den Abschluss als Diplomchemiker vor, erst 1998 wurde der Master als Abschluss eingeführt. Aber bei dem frisch eingerichteten Studiengang "war alles total durcheinander", erinnert sich die Studentin. Es gab keinen richtigen Plan für das neue Programm und "wir sollten jede Veranstaltung besuchen, die die Diplomchemiker auch besuchen. Es war viel zuviel". Das erkannte auch die Ausbildungskommission. Zusammen mit dem Abschluss Master of Science führten sie die Beschränkung auf ein Haupt- und ein Nebenfach ein.

Leistungspunkte sammeln

Asnakech Gemecho aber hat durch die vielen Kurse im ersten Jahr Zeit verloren. Ihre Masterarbeit beginnt sie nun nicht wie geplant nach drei, sondern erst nach fünf Semestern. Auch die Professoren hätten sich erst auf das neue Programm einstellen müssen, erzählt die Studentin. Statt in einer Prüfung am Ende des Studium ein breites Wissen abzufragen, mussten sie nun gezielt den Inhalt einzelner Veranstaltungen prüfen. "Viele Professoren haben am Anfang trotzdem Grundlagen abgefragt", sagt Asnakech Gemecho. "Aber sie haben das nicht absichtlich gemacht", fügt sie versöhnlich hinzu.

Ob auch deutsche Studierende das neue Masterprogramm an der FU annehmen, lasse sich nicht genau feststellen, sagt Jürgen Riegler. Er ist studentischer Tutor und kümmert sich unter anderem um die Infoveranstaltungen über den neuen Studiengang. Einige deutsche Studierende im ersten Semester seien sehr interessiert gewesen, sagt er. Aber: "Es ist sehr unbürokratisch in diesem Studiengang. Die deutschen Studierenden müssen sich nicht bei uns anmelden."

Wenn ein deutscher Chemiestudent einen Masterabschluss machen will, muss er wie seine ausländischen Kommilitonen im Hauptstudium bestimmte Leistungspunkte sammeln. Die Punkte bekommt er, indem er nach den Lehrveranstaltungen selbstständig zu seinen Professoren geht und eine mündliche oder schriftlich Prüfung macht, die eigentlich nicht Pflicht ist. Mit der erforderlichen Anzahl an Leistungspunkten kann sich dann auch jeder deutsche Studierende zur Masterarbeit anmelden.

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