Gesundheit : Chemie: Erbsgemüse für Leim und Verpackungen

Dierk Jensen

Wer denkt schon bei Klebstoffen an Mais, Kartoffeln oder Erbsen? Pritt, Pattex und Kleister direkt vom Feld? Was für den Normalsterblichen ungewöhnlich klingt, ist für den Chemiker Johann Klein selbstverständlich. Kein Wunder, beschäftigt sich doch der Leiter der Forschungsabteilung Konsumenten-Klebstoffe beim Düsseldorfer Chemieriesen Henkel fast täglich mit Klebstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen.

"Rohstoffe aus der Natur haben in unserer Firma eine lange Geschichte", erzählt Klein, "war doch der erste Kleister von Henkel aus nichts anderem hergestellt als aus Zellulose." In Zeiten rasant steigender Erdölpreise gewinnen neben Stärke, Zellulose und Kolophonium (Baumharz) auch Fette und die darin enthaltenen Fettsäuren aus diversen Kulturpflanzen an Bedeutung. "Fettsäureseifen sind seit langem als effektive Gelbildner für wässrige Polymerlösungen bekannt", sagt Klein. "Gehärtete Triglyceride auf Basis einheimischer Rohstoffe verbessern die Fließeigenschaften von Polyurethan- und Epoxidklebstoffen." Der Einsatz von Fettsäureestern als Ersatz für die gesundheitsschädigenden Phthalate aus Erdöl ist durchaus möglich. Allerdings müssen noch Fragen ihrer Langzeitstabilität geklärt werden. Wo diese auf Fettbasis entwickelte Polymere weitere Anwendung finden können, untersucht er im Projekt Oleolink, das vom Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft gefördert wird.

Henkel verarbeitet jährlich rund 40 000 Tonnen nachwachsende Rohstoffe zu Klebern. Dies geschieht nicht aus Liebe zur Umwelt, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. "Manche Kleb- und Dichtstoffe, die nachwachsende Rohstoffe enthalten, haben schon heute Kostenvorteile", freut sich der Chemiker über erste praktische Erfolge seines zehnköpfigen Teams. Erfahrungen der Vergangenheit haben aber gezeigt, dass für die Konsumenten neben dem Preis auch die langfristige Zuverlässigkeit sehr wichtig ist. Nachwachsende Rohstoffe erleben derzeit eine Renaissance, aber potenzielle Käufer halten sich noch vorsichtig zurück. Das bedeutet für große Hersteller wie Henkel, ihrerseits Zurückhaltung beim Ausbau der Produktionskapazitäten zu üben. Der Markt muss erst Vertrauen in die neuen Produkte gewinnen.

Um neue Forschungen und Produkte geht es auch auf dem dritten internationalen Symposium über "Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen", das Anfang September in Erfurt stattfindet. Ein spezieller Workshop ist den Klebstoffen gewidmet. Während Johann Klein über Komponenten in Polyurethan-Schäumen und anderen Klebstoffen referieren wird, will Matthias Schnabelrauch über neueste Entwicklungen in der Biomedizin berichten. Der Chemiker forscht an Klebstoffen und Beschichtungen aus nachwachsenden Rohstoffen, die für Wundabdeckungen, transdermale Pflaster oder für die Rekonstruktion und Fixierung von Weichgewebe und inneren Organen gedacht sind. Diese Naturprodukte können im Körper vollständig abgebaut werden, ohne toxische Zerfallsprodukte zu hinterlassen.

Um natürliche Rohstoffe in nennenswerter Menge zu gewinnen, ist oft ein beträchtlicher Aufwand notwendig. Wichtige Eigenschaften wie Haftbarkeit oder Aushärtung müssen weiter optimiert werden. Dennoch stecken in den Derivaten erhebliche Potenziale, die nur darauf warten, erschlossen zu werden. Ein Beispiel ist die Erbse. In ihr schlummert ein ganzes Kraftwerk: Theoretisch könnte sie Polysaccharide für verschiedene Verpackungen und Proteine für Klebstoffe aus vernetzten Eiweißen liefern. Wäre diese Doppelnutzung der Erbse bereits praktizierbar, dann würde ihr Anbau auch für die Nutzung außerhalb des Kochtopfs sinnvoll. Hans-Peter Schmauder vom Forschungszentrum für Medizintechnik und Biotechnologie im thüringischen Bad Langensalza fordert deshalb, die Forschungen zu nachwachsenden Rohstoffen zu intensivieren: "Aus Skepsis allein kann man noch keinen Klebstoff machen!"

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