Gesundheit : Chemie-GAU: Giftwolken über Seveso

Gideon Heimann

Nicht, dass die Chemie vor dem 10. Juli 1976 unschuldig gewesen wäre. Was Gerbereien schon vor Jahrhunderten mit Flüssen, was später die Kokereien mit Teerölen im Boden angerichtet haben, was in den Kriegen an Giftgas freigesetzt worden ist, war schlimm. Vor genau 25 Jahren jedoch wurde der Glaube an die sichere Handhabung der Chemie zu Friedenszeiten schwer erschüttert, und zwar mit dem bis dahin größten Unfall (der in der westlichen Welt bekannt geworden ist, muss man hinzufügen). Die Stadt Seveso bei Mailand wurde zum Synonym für eine Schadstoffgruppe, die sich überall breit gemacht hatte, wie sich bei weiterer Nachforschung herausstellte: Dioxine.

Chemisch geht es dabei um eine Substanz, die noch nicht einmal sehr komplex aufgebaut ist, es sind in der Grundstruktur zwei Kohlenstoffringe, wie man sie vom Benzol her kennt, verbunden über zwei Sauerstoffbrücken. Solche Dioxine entstehen bei fast jeder Verbrennung, vor allem dann, wenn bestimmte Temperaturen und / oder Sauerstoffmangel herrschen. Um die hundert solcher leicht unterschiedlich gestalteter Verbindungen gibt es.

Entscheidend für die Gefährlichkeit ist jedoch, welche Atome sich an den äußeren Kohlenstoff-Bindungsarmen anlagern. Sind das Halogene wie etwa Chlor, und lagern sie sich an den Armen der Nummern 2, 3, 7 und 8 an, dann kommt es zu dem gefährlichsten Stoff aus der Gruppe des "schmutzigen Dutzends", zum 2, 3, 7, 8 Tetrachlor-Dibenzo-Dioxin (TCDD). Und genau davon wurden bei der Herstellerfirma Icmesa nahe Seveso bis zu 600 Gramm freigesetzt, als sich ein Reaktor zur Herstellung von Trichlorphenol überhitzte und barst.

Der Schadstoff verbreitete sich sofort bis zu sechs Kilometer weit auf benachbartes Gebiet, kleinere Tiere verendeten. Um die 70 000 Nutztiere - mit der Substanz hochgradig kontaminiert - sollen damals notgeschlachtet worden sein. Von Todesfällen unter Anwohnern wird nicht berichtet, doch sollen möglicherweise bis zu 10 000 Menschen betroffen gewesen sein, fast 200 von ihnen mussten sich wegen Chlorakne behandeln lassen. Zu dieser Hauterkrankung kommt es schnell, wenn der Mensch hohen Dosen der Substanz ausgesetzt wird.

Im Tierversuch Krebs ausgelöst

Über die langfristigen Schäden, die jenes Dioxin angerichtet haben könnte, gibt es unterschiedliche Auffassungen. In Tierversuchen hat es sich als schädlich für Föten erwiesen und Krebs ausgelöst. Nur: in Tierversuchen herrschen präzise, jederzeit nachvollziehbare Bedingungen. Bei der Untersuchung von Menschen jedoch ist es schwer, den genauen Hergang zu ermitteln, um die vom Körper aufgenommene Menge nachzuvollziehen und auf ein Krankheitsbild zu projizieren, das womöglich erst nach Jahrzehnten ausbricht. Kurz: Eine wegen des Unfalls erhöhte Krebsrate ist unter den Seveso-Patienten nicht nachgewiesen worden. Gleichwohl unterliegt der Schadstoff wegen seiner akuten Giftigkeit scharfen Bestimmungen.

Seveso war aber insgesamt eine Zäsur für die Chemie. Der Unfall ereignete sich zu einer Zeit, da sich in etlichen Ländern Europas ein Umweltbewusstsein entwickelte - und damit die Furcht vor Gefahren nicht nur für Menschen. Und nun erst wurde allenthalben an der Entstehung und der Verbreitung von Dioxinen (und der ähnlichen Stoffgruppe der Furane) geforscht.

Die Ermittlungen gingen zurück bis zum Vietnamkrieg, wo das Entlaubungsmittel "Agent Orange" eingesetzt worden war. Auch hier war das "Seveso-Gift" enthalten, offenbar als Verunreinigung bei der Herstellung, die dann aber willentlich akzeptiert wurde. Nun stellte man jedoch fest, dass die Dioxine auch als Verunreinigung bei der Herstellung ziviler Produkte entstehen und in die Umwelt freigesetzt werden. Vor zwei Jahren gab es einen ganz makaberen Fund in Nahrungsmitteln aus Belgien, als man erkannte, dass kontaminierter Klärschlamm bei der Produktion von Futtermitteln mit verwendet worden war.

Die Hauptquelle von Dioxinen bildet jedoch die Verbrennung schlechthin. Techniker wurden an Abgaskaminen von Müllverbrennungsanlagen fündig, sie mussten den Betrieb der Anlagen umstellen, damit genügend Luftsauerstoff ans Feuer gelangt und der Abfall längere Zeit bei höheren Temperaturen auf den Rosten verbleibt.

Ins Visier der Wissenschaftler geriet freilich auch die Stoffgruppe der polychlorierten Biphenyle (PCB). Dieses Material wurde seit den 30er Jahren gern als Kühlflüssigkeit für elektrische Großtransformatoren eingesetzt sowie als Hydrauliköl für Maschinen unter Tage, ja sogar als Weichmacher in Fugendichtmitteln (aktuell: Olympiastadion). PCB sind zwar selbst ebenfalls gesundheitsschädlich, wurden aber gern in geschlossenen Systemen eingesetzt, weil sie schwer entflammbar sind. Wenn es einmal zu einem Schadensfeuer kommt, sind diese Stoffe wahre Dioxinquellen.

Gefahrenpotenziale kontrolliert

Der Vorfall in Seveso war daher der Beginn auch einer intensiveren Diskussion um die Störfall-Vorsorge. Die EU erließ (freilich erst 1982) die so genannte Seveso-I-Richtlinie; im vergangenen Jahr wurde eine weitere EU-Verordnung in die damit verschärfte deutsche Störfallrichtlinie eingearbeitet.

So wurden Betriebe seit Seveso verpflichtet, ihre Gefahrenpotenziale systematisch zu analysieren, zu kontrollieren und zu verringern. Letzteres gelang teils dadurch, dass technische Prozesse auf Einsatzstoffe umgestellt wurden, die nicht so gefährlich sind wie die ursprünglichen. Und dort, wo schädliche Substanzen nicht zu umgehen sind, wurden die Mengen, die vorrätig gehalten werden dürfen, eingeschränkt.

Zwar ist jeder Störfall ein individueller, doch konnten auch die nachträglich einzuleitenden Aktivitäten - auch zum Schutz und zur Warnung der Bevölkerung - besser strukturiert werden. Sie lagen zuvor allein in den Händen des Katastrophenschutzes, nun wurde für jeden Betrieb ein umfassendes Störfallmanagement eingerichtet. All dies geschah auch unter dem Eindruck des Chemieunfalls in Bhopal (Indien) am 3. Dezember 1984, wo 2000 Menschen getötet wurden. Auch der Brand bei Sandoz in Basel (November 1986) - hier wurde der Rhein schwer belastet - förderte die Debatte um einen besseren Schutz. Dennoch ist es immer wieder zu Unfällen gekommen, etwa bei Hoechst in Hessen. Sie verliefen allerdings vergleichsweise glimpflich.

Und heute, nach all diesen bösen Erfahrungen? Für Hans-Joachim Uth, Verfahrenstechniker und Chemiker beim Umweltbundesamt und dort für Anlagensicherheit und Störfallvorsorge zuständig, hat sich bei den Großunternehmen durchaus viel gebessert. Allerdings bestehe noch kein Anlass zur Sorglosigkeit, vor allem bei Altanlagen in kleineren und mittleren Betrieben. Der Ansatz, den Umweltschutz gleich in den kompletten Produktionsprozess zu integrieren, sei zwar überall als gute Lösung anerkannt, er finde jedoch immer wieder auch seine Grenze an der jeweiligen wirtschaftlichen Situation.

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