Gesundheit : Cholesterinsenker auf Herz und Nerven geprüft

Forscher testen neue Therapie gegen Multiple Sklerose

Bas Kast

Der Körper wird zum Feind erklärt. Das Immunsystem, darauf getrimmt, fremde Eindringlinge zu erkennen und zu attackieren, greift die eigenen Nervenzellen an. Zuerst nur ihre Isolierhülle, die Myelinschicht. In einem fortgeschrittenem Stadium der Krankheit werden die Nervenzellen selbst zerstört. Die Symptome: Taubheitsgefühl, Kribbelempfindungen in Armen und Beinen, Sehstörungen, Lähmungen. In Deutschland leben etwa 40000 Menschen mit Multipler Sklerose, MS. Bei der Mehrzahl der Patienten verläuft die Krankheit, die meist im Alter zwischen 20 und 40 beginnt, in Schüben: Die Symptome tauchen auf, bilden sich dann aber wieder zurück. Seltener ist der fortschreitende Verlauf. Eine heilende Therapie gibt es bislang nicht.

Dem sind US-Forscher nun offenbar einen Schritt näher gekommen. Zumindest im Tierversuch gelang es ihnen mit einem Cholesterin senkenden Mittel, die Lähmungssymptome bei Mäusen mit einer MS-ähnlichen Krankheit nicht nur aufzuhalten, sondern zurückzudrängen. Die Studie ist im Fachblatt „Nature“ erschienen.

„Die Befunde sind aufregend“, sagt Studienleiter Scott Zamvil, Neurologe an der Universität von Kalifornien in San Francisco. „Aber wir müssen klinische Tests am Menschen abwarten, um zu sehen, ob sich das gleiche positive Resultat ergibt.“ Die Wirkung des Medikaments wird nun an 35 MS-Patienten in den USA überprüft.

Bei dem Mittel „Atorvastatin“ handelt es sich um eine Substanz aus der Gruppe der Statine. Statine werden bereits an Millionen von Herzpatienten eingesetzt, weil sie das im Blut kreisende Cholesterin senken. Aber die Mittel senken nicht nur das Cholesterin. Offenbar sind sie auch in der Lage, unser Immunsystem zu beeinflussen.

Es gibt Eiweißmoleküle im Körper, die Eindringlinge der Körperabwehr wie auf einem Servierteller präsentieren. Bestimmte Immunzellen, T-Zellen, vernichten dann die Eindringlinge. Bei der MS präsentieren die Eiweißmoleküle aber nicht nur fremde Eindringlinge, sondern auch Bestandteile der eigenen Myelinschicht der Nervenzellen – schon attackieren die Immunzellen den eigenen Körper.

Die Forscher vermuten, dass Atorvastatin in der Lage ist, die Bildung der Eiweißmoleküle zu unterbinden, die dem Abwehrsystem eigene Körperteile präsentieren. Außerdem hemmt es die Herstellung von Eiweißen, die an der Entzündung beteiligt sind und regt die Produktion von solchen Proteinen an, die die Entzündung eindämmen. Die Folge: Die MS-Symptome gehen zurück.

Aber von der Maus zum Menschen ist der Weg oft lang – wie auch die Entwicklung von Medikamenten in der Krebsbehandlung zeigt. „Beim Menschen entsteht MS spontan“, sagt Hartmut Wekerle, Direktor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried. „Bei den Mäusen geht die Erkrankung auf eine brutale Impfung zurück.“ Dieser Unterschied schränkt eine Übertragung der Resultate von der Maus auf den Menschen ein.

Wenn aber auch die Ergebnisse der klinischen Tests positiv ausfallen, dann wäre das ein großer Erfolg: Statine sind bei genauer Überwachung gut verträglich, man kann sie schlucken, und sie sind vergleichsweise billig. Bis dahin aber raten die Forscher MS-Patienten und Ärzten dringend von Selbstversuchen mit Statinen ab.

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