Chronische Darmerkrankungen : Neues für den Bauch

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind noch nicht heilbar. Neue Medikamente sorgen dafür, dass Erkrankte wesentlich normaler leben können. Bald sollen weitere Mittel hinzukommen.

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Wer an einer chronischen Darmerkrankung wie Morbus Crohn leidet, versichert sich, dass immer eine Toilette in der Nähe ist.
Wer an einer chronischen Darmerkrankung wie Morbus Crohn leidet, versichert sich, dass immer eine Toilette in der Nähe ist.Foto: Imago

Mit Freunden ausgehen, tanzen, ausgelassen feiern, Fernreisen planen, verschiedene Sportarten ausprobieren: Das passt zum Leben junger Menschen. Zur akuten Phase eines Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa passt es dagegen meist überhaupt nicht. Wer gerade eine solche Phase erlebt, hält sich in der Nähe einer Toilette auf. Während eines akuten Krankheitsschubs haben die Betroffenen meist starke Bauchschmerzen, sind erschöpft, schnell müde und nehmen ab – und leiden unter Durchfall. Ist der Schub vorbei, bleiben doch Angst und Unsicherheit, wann es wieder so weit sein wird. Denn der (nach seinem „Entdecker“ benannte) Morbus Crohn, der Abschnitte des Dünn- und des Dickdarms befällt, und die Colitis ulcerosa („geschwürige Darmentzündung“), die sich auf der Schleimhaut des Dickdarms ausbreitet, sind chronische Erkrankungen. Sie sind bislang nicht zu heilen.

Anders als andere langjährige Leiden wie Diabetes Typ 2, Bluthochdruck oder Herzschwäche treffen die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) die Menschen meist schon in jüngeren Jahren – bei etwa jedem fünften Crohn- oder Colitis-Patienten vor dem 18. Lebensjahr, bei den meisten vor dem 40. „Im Extremfall kann es schon mit Anfang 20 zur Berentung kommen“, sagt Magen-Darm-Spezialistin Britta Siegmund, Direktorin der Medizinischen Klinik I auf dem Campus Benjamin Franklin der Charité.

Inzwischen wurden genetische Veränderungen identifiziert, die rund ein Viertel der Erkrankungen verursachen. Zudem ist klar, dass Rauchen das Risiko erhöht, eine Crohn-Krankheit zu entwickeln. Was die Auslöser der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen betrifft, stehen die Forscher trotzdem noch vor einigen Rätseln. Was danach mit der Regulation des Abwehrsystems im Darm falsch läuft, wird aber schon wesentlich besser verstanden. Und es gibt Medikamente, die den meisten der rund 350 000 in Deutschland Betroffenen dabei helfen, ein recht normales Leben führen – zumindest die meiste Zeit.

Es sind im Wesentlichen zwei Gruppen von Arzneimitteln: Auf der einen Seite Präparate, die als Notfall-Helfer schnell die akute Entzündung bekämpfen, darunter auch Kortison. Und auf der anderen Seite solide Langzeit-Begleiter, die den Körper vor einem neuen heftigen Schub schützen sollen. Sie wirken, indem sie das Immunsystem in Schach halten. Vor 15 Jahren kam ein Medikament aus der Gruppe der Antikörper hinzu, das sich auch in der Behandlung von entzündlichem Gelenkrheuma bewährt: Infliximab. Seine Fangarme richten sich gezielt gegen einen Player der körpereigenen Abwehr, der bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen seine Finger im Spiel hat, den Tumornekrosefaktor (TNF)Alpha. Heute werden Infliximab und neuere, ähnliche Medikamente mit komplizierten Namen wie Adalimumab bei Morbus Crohn eingesetzt, wenn die Mittel, die die Entzündung hemmen und die Abwehr unterdrücken sollen, nicht gut genug wirken. Und wenn auch ein weiterer Ausweg nicht sinnvoll erscheint: Eine Operation, bei der im Fall des Morbus Crohn eine Engstelle oder eine Fistel beseitigt, im Fall der Colitis ulcerosa eventuell sogar der gesamte Dickdarm entfernt wird.

In den letzten Jahren sind neue, ähnliche Medikamente hinzugekommen. Etwa Ustekinumab, das gezielt zwei Botenstoffe des Immunsystems blockiert. Seit 2009 kann es Patienten verordnet werden, die unter schwerer Psoriasis leiden. Bei einigen von ihnen befällt sie nicht nur als Schuppenflechte die Haut, sondern auch die Gelenke - das Bild sieht dann dem klassischen „Rheuma“ zum Verwechseln ähnlich. In der medizinischen Forschung der letzten Jahre zeigte sich zunehmend, dass es zwischen Erkrankungen wie Rheuma, Schuppenflechte, Multipler Sklerose und chronisch-entzündlichen Darmleiden „verwandtschaftliche“ Beziehungen geben muss. Für die Behandlung kann das von Vorteil sein. Das Schuppenflechte-Mittel, das Entzündungsprozesse unterbindet, hat sich nun in Studien auch bei Morbus Crohn bewährt. „Wir rechnen innerhalb des nächsten Jahres mit einer Zulassun“, sagte Siegmund kürzlich bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Berlin.

Auch den Menschen mit einer schweren Colitis ulcerosa könnte bald ein neuer Antikörper gezielter helfen: Vedolizumab, die Weiterentwicklung eines Mittels, das heute schon gegen Multiple Sklerose eingesetzt wird. Es blockiert eine Andockstelle, die Lymphozyten benötigen, um in Körpergewebe einzuwandern. Nun wurde es für die Behandlung im Bauchraum so verfeinert, dass es den übereifrigen Entzündungszellen zwar den Weg in den Darm abschneidet, aber nicht den ins Gehirn. Dort hatte sich bei MS-Patienten als seltene Nebenwirkung eine Viruserkrankung ausgebreitet, die wohl als Preis für das Dämpfen des Immunsystems zu betrachten ist. „Das Mittel stellt in der Behandlung der schweren Colitis ulcerosa einen komplett neuen Ansatz dar“, sagt Siegmund. „Wir hoffen, dass wir damit auch denjenigen unserer Patienten helfen können, für die es bisher noch nicht genug gute Behandlungsoptionen gab.“

Für eine wirkungsvolle Behandlung ist es extrem wichtig, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen früh zu erkennen. Leider sind die Symptome oft nicht sehr charakteristisch: Fieber, Bauchschmerzen und -krämpfe, Durchfall, wenig Appetit, Gewichtsabnahme – all das könnte auch Ausdruck einer Magen-Darm-„Grippe“ sein. Allerdings sollte man stutzig werden, wenn es sich über Wochen hinzieht. Oder wenn ein Kind im Wachstum zurückbleibt. „Und wenn junge Menschen Blut im Stuhl haben, sollten alle Alarmglocken läuten“, sagt Spezialistin Siegmund. Dann sollte der Arzt Blut abnehmen und nach Entzündungszeichen suchen. Und bei einer Darmspiegelung sollte die Schleimhaut untersucht werden. Schon damit die Krankheit nicht zu viel Raum einnimmt im weiteren Lebenslauf.

Mehr Informationen und Rat für Betroffene unter www.dccv.de

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