Gesundheit : Collegium Polonicum: Ohne Polnisch ist wenig zu machen

Uwe Schlicht

Wenn die Stettiner ein herausragendes Konzert erleben wollen, fahren sie eher nach Berlin als nach Warschau. Denn zwischen Stettin und Warschau gibt es keine Schnellverbindung. Und wenn die Bewohner aus der Umgebung von Poznan (Posen) einen Jahresurlaub planen, überlegen sie sich sehr genau, ob sie vom Flughafen Warschau starten oder für 20 Mark mit der Bahn zum Flughafen Schönefeld fahren. 20 Prozent der polnischen Urlauber fliegen von Berlin aus in die Ferien, berichtete Botschafter Andrej Byrt auf einem Symposium zur Eröffnung des Collegiums Polonicum in Slubice.

Wie sehr die Polen auf Deutschland und Frankreich setzen, wurde bei den Diskussionen zur Eröffnung des Collegiums Polonicum deutlich. Der polnische Botschafter in Berlin, Andrej Byrt, sieht die eigentliche Dynamik auf einer Linie, die von der Metropole Warschau über die der Messe- und Universitätsstadt Posen und Frankfurt/Oder bis nach Berlin und Potsdam verläuft. Deswegen müssen auf dieser Linie auch die Verkehrswege ausgebaut werden.

Wenn die Polen auf Deutschland hoffen, gibt es gewisse Kontinuitäten: Jan Winiecki, Professor an der Europa-Universität Viadrina, wies darauf hin, dass schon zu Zeiten der Spaltung die Polen viel intensivere wirtschaftliche Beziehungen zu den alten Bundesländern gepflegt hätten als zur DDR. Diese Orientierung halte bis heute an, denn die Polen sähen in den neuen Ländern nach der Wiedervereinigung immer noch alte Mentalitäten: statt eigener Initiativen eine Passivität der älteren Bürger. Man vertraue nach wie vor auf Überregulierungen.

Eine entscheidende Rolle auf dem Weg Polens in die Europäische Union spielt die neue Interpretation der Grenze entlang der Oder. Westpolen und Ostbrandenburg werden aus der ungünstigen Randlage an der Grenze in das Zentrum eines zusammenwachsenden Europas verlagert. Für Professor Hans-Jürgen Wagener, Wirtschaftswissenschaftler an der Viadrina, ist es bewiesen, dass Grenzregionen solange wirtschaftlich uninteressant sind, wie Grenzen mehr trennen als verbinden. Seit Jahren ist das ganz anders geworden, und von der Osterweiterung der EU wird ein zusätzlicher Schub erwartet.

Die Wirtschaftsunternehmen werden internationaler. Schon heute sind zwei Länder aus der EU die wichtigsten Partner für die Polen: Deutschland im Außenhandel und die Franzosen, weil sie in Polen am meisten investiert haben - sieht man einmal von den Amerikanern ab. Alle drei Länder kommen zusammen auf Investitionen in Höhe von etwa 45 Milliarden Dollar in den letzten Jahren. Da Polen enorm viel nachzuholen hat, ist es von Investitionen ebenso abhängig wie vom Wissenstransfer.

Wie interessant die Region für Dienstleistungsunternehmen ist, verdeutlichte der Unternehmer Volker Wissmann. Er ist nach Frankfurt gegangen und bietet dort Computerkurse an, weil er in der Grenzregion nicht nur auf qualifizierte Bewohner zurückgreifen, sondern den Firmenwünschen entsprechend jederzeit Bewerber anbieten kann, die auch in den Sprachen kompetent sind: Polnisch und Russisch sind gefragt. Dass in seinem Qualifizierungsprogramm auch geografische Kenntnisse eine Rolle spielen, ist angesichts der Perspektiven der Unternehmen, die im Rahmen der EU oder weltweit arbeiten, immer wichtiger geworden.

In der Grenzregion treffen verschiedene Unternehmenskulturen, Lebenseinstellungen und Sprachen aufeinander. So gut wie alle internationalen Unternehmen setzen konsequent auf die jüngere Generation. Der Niederlassungsleiter von DaimlerChrysler in Warschau, Günter Baumgartner, arbeitet vorwiegend mit Studenten und jungen Arbeitskräften zusammen. Er bescheinigt ebenso wie sein französischer Kollege Daniel Paccoud von dem Energieunternehmen Gaz de France den polnischen Universitäten ein hervorragendes Ausbildungsniveau und den jungen Leuten eine Dynamik, die ganz anders ist als bei den über 45-Jährigen. Die Älteren könnten noch die neue Theorie der Marktwirtschaft und die Anforderungen an die Computertechnologie verstehen, aber nicht umsetzen. Auch der Vertreter von Eko-Stahl in Eisenhüttenstadt, Rainer Barclkowski, setzt nicht nur auf reine Ökonomie, sondern auf ein Netzwerk in Kultur und Wissenschaft über die Grenzen hinweg.

Die Botschaft der Unternehmer lautet unisono: Wer in der EU Erfolg haben will, kann nicht nur auf eine deutsche, französische oder polnische Unternehmensphilosophie vertrauen. Die Kenntnis der jeweils anderen Kultur und Sprache ist für die Beschäftigten unentbehrlich: Ohne Deutsch, Französisch, Polnisch und Englisch ist in den international kooperierenden Unternehmen wenig zu machen. Damit rücken die Hochschulen in das Zentrum des Interesses, denn nur sie können so umfassend ausbilden - in Sprachen, Landeskunde, Kultur, Computer, Recht, Wirtschaft oder Ingenieurwissenschaften.

Kein Wunder, dass die Polen langfristig geplant haben und nicht nur ihre Studenten auch an der Viadrina in Frankfurt/Oder ausbilden lassen, sondern selbst ein anspruchsvolles Hochschul- und Konferenzzentrum direkt an die Oderbrücke nach Frankfurt gesetzt haben: das Collegium Polonicum in Slubice.

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