Gesundheit : "Computer helfen gegen Krebs"

Vor einem Jahr drehte sich in den Medien alles um

Eric Lander (44) leitet das Genom-Zentrum am Whitehead-Institut im amerikanischen Cambridge. Landers Zentrum hatte den größten Anteil bei der Sequenzierung des menschlichen Erbguts durch das öffentlich geförderte Humane Genom-Projekt. Der in Brooklyn gebürtige Forscher studierte Mathematik an der Universität Princeton, promovierte in Oxford und begann danach mit 24 Jahren an der Harvard Business School zu unterrichten. 1986 verließ Lander Harvard und wechselte an das Whitehead-Institut, den biomedizinischen Zweig des Massachusetts Institute of Technology. In seiner Arbeit verknüpft Lander die Begeisterung für Zahlen mit dem Lösen komplizierter biologischer Probleme. In Berlin erhielt er jetzt die Max-Delbrück-Medaille.

Vor einem Jahr drehte sich in den Medien alles um das menschliche Genom und seine Entzifferung, jetzt ist die Stammzellforschung in aller Munde. Sind Sie erleichtert?

Und wie! Jetzt können wir endlich in Ruhe arbeiten. Und die Arbeit beginnt ja erst.

Wer führt denn nun das Rennen an - das öffentliche Genom-Projekt oder die private Biotechnik-Firma Celera?

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Welches Rennen? Unsere Mission war es, die Daten der Welt frei zur Verfügung zu stellen. Das haben wir getan. Wir können nicht verlieren. Wenn der Wettbewerb darin bestand, eine geheime und eine öffentliche Datenbank herzustellen, kann ich nur sagen: Wir haben jetzt eine frei zugängliche Datenbank. Jeder kann sich das Genom herunterladen. Ich glaube, dass Celera erkannt hat, dass eine geheime Datenbank keine lebensfähige Geschäftsidee ist. Sie haben bereits erklärt, dass sie nun ins Pharmageschäft wollen. Eine lobenswerte Absicht.

Was kann die Öffentlichkeit vom Humanen Genom-Projekt noch erwarten?

Die Arzneimittelforschung wird durch das Genom-Projekt dramatisch berührt. Es gibt bereits erste Versuche mit Medikamenten am Menschen. Die Mittel sind gegen Strukturen gerichtet, die mit Hilfe von Genom-Daten ermittelt wurden. Das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Von der Entdeckung eines möglichen Wirkstoffs bis zu einem fertigen Präparat vergeht immerhin ein ganzes Jahrzehnt.

Aber das Problem bei Krankheiten wie Krebs liegt ja auch darin, dass in den kranken Zellen verwirrend viele genetische Veränderungen vorhanden sind.

Ja, vermutlich gibt es viele verschiedene Mutationen. Aber das ist gar nicht so entscheidend. Es geht nicht darum, jede einzelne genetische Veränderung zu registrieren und zu verstehen, sondern darum, die gestörten Stoffwechselprozesse in der Krebszelle zu verstehen. Und das sind schon erheblich weniger. Wir müssen einen Weg finden, dieses Wissen zu ordnen. Dabei müssen wir der Komplexität der Krebskrankheit gerecht werden, ohne uns überwältigen zu lassen von Dingen, die für die Behandlung nicht so wichtig sind.

Aber wenn man sich anschaut, wie viele verschiedene Gene in einer Krebszelle "angeschaltet" sind - wie wollen Sie diese Komplexität bändigen?

Computer helfen. Computer sind nicht überwältigt von ein paar Tausend Variablen. Die Zahl der Faktoren, die einen Krebs wachsen lassen, sind viel kleiner als jene, die die Weltwirtschaft treiben. Ich denke, das können wir managen.

In Deutschland wird zurzeit heftig darum gerungen, ob man menschliche embryonale Stammzellen für Forschungszwecke aus dem Ausland einführen sollte.

Da andere Länder bereits bestimmte Arten von Stammzellen entwickelt haben, sehe ich keinen guten Grund, warum Deutschland diese Zellen nicht auch benutzen sollte.

Wie bewerten Sie die Entscheidung Ihres Präsidenten George W. Bush, nur die Forschung an bereits existierenden menschlichen embryonalen Stammzellen zu fördern?

Ich denke, es ist eine halbherzige Maßnahme, um erstmal abzuwarten, wie sich das ganze Gebiet entwickelt. Es ist ein politischer Kompromiss. Er erlaubt einige Fortschritte. Wenn es tatsächlich erheblich voran geht, werden wir die Entscheidung ernsthaft überdenken müssen.

Ein anderer Punkt in der Diskussion ist Klonen. Die Firma ACT behauptet, einen menschlichen Embryo geklont zu haben.

Nun ja, sie berichten gerade mal von zwei Zellteilungen. Das ist nicht das, was ich Klonen nennen würde. Ich bin absolut dagegen, Menschen mit Hilfe des Klonens zu erschaffen. Da muss man eine klare Linie ziehen. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich etwas dagegen hätte, wenn ein Zellkern von einer Zelle in die andere übertragen wird, um die so entstandene Zelle dazu zu bewegen, sich zu teilen und zum Beispiel Bauchspeicheldrüsen-Gewebe zu bilden, mit dem man Diabetes bei Kindern behandeln würde, dann würde ich sagen: Nein.

Sie unterscheiden zwischen Klonen für die Medizin und dem Erzeugen der genetischen Kopie eines Menschen?

Ich glaube nicht, dass das Herstellen einer Zellkultur das Gleiche ist, wie ein Baby zu erschaffen. Ich bin dagegen, Föten oder Menschen herzustellen, aber Zellen in einer Petrischale zu manipulieren, eine Hautzelle zu nehmen, ihren Kern herauszunehmen und ihn zu manipulieren - ich glaube nicht, dass man es da schon mit einer Person zu tun hat, sondern eben wirklich nur mit Zellen in der Petrischale. Es wäre schön, damit Diabetes zu heilen. Aber ich bin dagegen, solche Zellen in die Gebärmutter einzusetzen, um zu gucken, ob da ein Baby entsteht.

Auch Patente auf Gene sind ein heißes Thema. Was denken Sie darüber?

Der Standard sollte sehr hoch sein, bevor man ein Patent auf ein Gen erteilt. Ich bin dagegen, Patente nur auf die flüchtige Beschreibung von Genen zu geben. Ich würde Patente auf Medikamente bevorzugen.

Wird nicht auch die Forschung durch Gen-Patente behindert?

Eher die Pharma-Industrie. Viele Unternehmen lassen wegen der Gen-Patente die Hände von bestimmten Gebieten. Der Verlierer ist die Öffentlichkeit, weil viele Firmen die Finger von interessanten Ansätzen für neue Medikamente lassen.

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