Gesundheit : Computer in der Schule: Jedem sein Lerntempo

Tom Heithoff

Wenn man vom Tuch der Redenden auf die Bedeutung des Themas schließen darf, dann war es sehr ernst. Mit überwiegend dunkelblauem Ernst ging es bei einer Diskussion im Max-Liebermann-Haus um die Frage, wie gut unsere Schulen auf die Informationsgesellschaft vorbereitet sind. Einst gab es den Rechenschieber. Dann kam der Taschenrechner. Heute wird die Schule vom world wide web angezogen. "Von der Fibel zum Cyberspace?", fragte die Berliner Landesinitiative "Projekt Zukunft" in ihrem achten Zukunftsgespräch.

"Das Schulbuch bleibt das Leitmedium in der Schule", meinte Fritz von Bernuth vom Cornelsen Verlag. Schule sei an Lehrpläne gebunden, und die ließen sich nun einmal nicht besser als auf Papier umsetzen. Er sei zwar sehr dafür, dass sich die Schule vor allem in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern auch den Neuen Medien öffne, doch werde eine der schulischen Hauptaufgaben auch weiterhin darin bestehen, Texte zu vermitteln. "Und Texte liest kein Mensch gerne am Bildschirm".

Doch stand von Bernuth mit seiner Meinung ziemlich allein da. "Der Computer wird nicht nur zusätzliches Instrument sein, sondern in den Unterricht integriert werden und bald das Schulbuch überholt haben", prophezeite der Erziehungswissenschaftler und erste Vizepräsident der FU, Dieter Lenzen. "In fünf Jahren ist er normales Lehrmittel." Der Computer werde den schulischen Unterricht "vollkommen erneuern". Für Lenzen ist das eine erfreuliche Aussicht, denn mit geeigneter Lernsoftware könne der Schüler "das Lerntempo selbst bestimmen". Dies vergrößere den Lerneffekt und fördere die Motivation. Der Lehrer werde dann "nicht mehr Belehrer, sondern Arrangeur und Berater" sein. Deshalb seine Forderung: "Jede Klasse benötigt einen Computer." Der Computer sei so notwendig wie die Tafel an der Wand.

Die ehemalige Schulsenatorin Sybille Volkholz, die jetzt für die IHK Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben schmiedet, sieht ebenfalls nur positive Effekte. Der Computer stelle einen "größeren Realitätsbezug" her. In den ärmeren Haushalten seien Computer relativ wenig verbreitet, doch ohne PC-Kenntnisse hätten diese Jugendlichen schlechtere Ausbildungschancen. "Die Schule hat den Auftrag, diesen Nachholbedarf auszugleichen." Der Computer beinhalte ein "bildungspolitisches Innovationspotenzial", deshalb müsse "jedem Schüler ein eigener Laptop" zur Verfügung stehen. Ja, sie spricht gar von einem "Revolutionspotenzial", weil sich auch ein "anderes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern entwickeln" werde, wenn Schüler den Lehrern bestimmte Techniken im Umgang mit Computern beibringen. Von den Lehrern erwartet sie, "sich auf die neue Herausforderung einzustellen und ihre eigene Rolle neu zu definieren".

Wird also alles gut? "Wir werden die Schule nicht wiedererkennen", sagt Lenzen mit viel Optimismus. Und doch will die Skepsis im vollbesetzten Saal nicht weichen. Vielleicht wird wirklich bald jeder Schüler vor seinem Laptop sitzen, doch was tut er damit, wenn er wieder nur "Error" auf dem Bildschirm sieht? Solange Computersysteme nicht absturzsicher sind, gehört an jede Schule eigentlich ein Systembetreuer. Die heutige Praxis, dass Informatiklehrer entweder in ihrer Freizeit oder auf Kosten ihres eigenen Unterrichts die Computer wieder zum Laufen bringen, ist auf Dauer keine Lösung. Darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. Und so schlägt die Idee der schönen neuen Computerwelt wieder auf dem harten Boden der Realität auf. Dort, wo zwar viele Wünsche wachsen, nur eines nicht: Geld.

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