Gesundheit : Computerkids: Fit - nur virtuell

Claudia Lepping

Sie stöhnen, wenn sie in der U-Bahn stehen müssen, schlurfen ausgestattet mit Sportjacken und Basecaps die Treppenstufen herauf, halten aber Marathon-Surfen im Internet für Leistungssport und sich selbst für entsprechend fit. Weit gefehlt. Die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Generation in Deutschland hat sich dramatisch verschlechtert. 12- bis 18-Jährige werden zu buckligen Stubenhockern vor Computern und Fernsehern, die sich dabei auch noch falsch ernähren, während ihre Eltern durch Parks und Straßen joggen. Untersucht hat dies das Wissenschaftliche Institut der Ärzte Deutschlands (WIAD) und die Ergebnisse unter dem Titel "Aufschwung oder Abschwung - wie fit ist Deutschlands Jugend" am Mittwoch vorgestellt.

"Besorgnis erregend" nennt WIAD-Geschäftsführer Lothar Klaes das Bewegungsverhalten jener repräsentativen 1057 Kinder, die sich auf Ausdauer, Kraft und Koordinationsfähigkeit hin testen ließen. Nicht nur, dass sich vor allem die Jungs selbst überschätzen - viele Kinder nehmen zudem die Warnsignale ihres Körpers nicht wahr, dessen Belastbarkeit aus Bewegungsmangel nachlässt. Je älter die Kinder werden, um so weniger Sport treiben sie - Mädchen ohnehin. Auch zwischen Ost und West gebe es inzwischen keine Unterschiede mehr. "Viele Unfälle", sagt Klaes, "sind ein Resultat sportmotorischer Mängel. Jugendliche glauben, sie seien fit, sind es aber nicht." In die gleiche Kerbe schlägt Manfred von Richthofen als Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), der feststellt, dass 40 Prozent der Schulkinder Übergewicht und mehr als 50 Prozent Haltungsschäden haben.

Dabei ist Sport laut Studie das Lieblingsfach aller Schulpflichtigen, und jeder Zweite wünscht sich mehr davon. Fast 84 Prozent der befragten Jugendlichen treiben über die obligatorischen Schulstunden hinaus Sport (oder das, was sie Sport nennen) - die Mädchen vergnügen sich beim Inlineskating, Jungs tatkräftig beim Fußball.

Eben in den Schulen will von Richthofen ansetzen. Im Streit mit den Kultusministern der Länder macht er immerhin "einen Silberstreif am Horizont" aus in seinem Bemühen, "den Verfall der Schulsportkultur aufzuhalten". Er wünscht sich junge, motivierte Sportlehrer, die mindestens drei Stunden wöchentlich in Kooperation mit anderen Schulen auf vernünftigen Sportanlagen Unterricht gestalten. Mit Sportlehrern, die im Durchschnitt 51 Jahre alt seien, und Unterrichtsausfall sei das nicht zu erreichen.

Die AOK will Kindern und Pädagogen mit der Initiative "Fitsein macht Schule" auf die Sprünge helfen. Der "Bewegungs-Check-Up" ist in jeder Geschäftsstelle zu bekommen. Falls den Sportlehrern die Mängel ihrer Schüler entgangen sind, sollten sie den Test machen: Ballprellen, Zielwerfen, Rumpf- und Hüftbeugen, Standhochspringen, Halten im Hang und Stufensteigen.

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