Gesundheit : Contenance

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Jerusalem, zur nachmittäglichen Hauptverkehrszeit (die Szene könnte auch in Berlin spielen). Vorn, am Ende einer langen Schlange, versucht ein Autofahrer links abzubiegen und scheitert beständig am zähen Strom des Gegenverkehrs, der sich die Straße herabquält. Seine Versuche werden von einem ohrenbetäubenden Hupkonzert begleitet, und ein Hauch von Lynchjustiz liegt über der Szene.

Dabei fehlt keineswegs nur im Nahen Osten solchen hupenden Autofahrern die Contenance, eine kleine Verzögerung von wenigen Minuten zu ertragen. Allgemein scheint vielen Menschen die Gelassenheit abhanden gekommen zu sein, und sie verlieren allzu schnell ihre Fassung. Zwar kann man schon in einem Benimm-Handbuch der frühen dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts lesen, dass Wartenlassen und Wartenmüssen „zu den ausgesuchtesten seelischen Martern“ gehören, aber damals wurde man noch im selben Atemzug aufgefordert, solche Marter geduldig zu tragen. Contenance zu bewahren gehörte nicht nur in der Kriegskunst, sondern auch in der Liebeskunst vergangener Jahrhunderte zu den höchsten Formen kluger Taktik; sich in Rage bringen zu lassen, war dagegen ein Zeichen höchster Unprofessionalität.

Heute lassen dagegen selbst Diplomaten jegliche Contenance vermissen und kommentieren ungeschützt die politischen Irrungen und Wirrungen ihrer Gastländer; gerade aus dem Nahen Osten könnte man da allerlei Beispiele erzählen. Natürlich gab es in jenen alten Zeiten auch völlig absurde Zwänge, die Contenance zu bewahren: Ich erinnere mich an eine Parade von deutschen und russischen Marinesoldaten in einer ostdeutschen Hansestadt, die ich gut geschützt vom barocken Turmabschluss einer gotischen Backsteinkirche aus beobachtete. Die Soldaten verzogen keine Miene, auch dann nicht, als Kübel eisigen Regens herunterdonnerten und in Strömen von den russischen Tellermützen auf die dünnen Matrosenblusen herabflossen.

Solche Contenance braucht niemand. Aber im Alltag ein wenig mehr die Fassung zu bewahren, mindestens im Straßenverkehr, stünde uns nicht schlecht zu Gesicht. Gelassenheit ist schließlich auch viel gesünder als Aufbrausen.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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