Gesundheit : Crohn-Krankheit: Wenn die Körperabwehr im Darm überschäumt

Adelheid Müller-Lissner

Zwei Forschergruppen werden in der nächsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" über den gleichen Fund berichten: Eine europäische Arbeitsgruppe unter französischer Führung und ein amerikanisches Team haben unabhängig voneinander ein Gen identifiziert, das offenbar maßgeblich an der Entstehung der Darmkrankheit Morbus Crohn beteiligt ist. Beide Gruppen stellen ihre Methoden und Ergebnisse zurzeit beim Kongress der amerikanischen Magen-Darm-Spezialisten in Atlanta der Fachwelt vor.

Der Morbus Crohn ist eine Krankheit des Magen-Darm-Trakts, bei der es immer wieder zu Entzündungen und Geschwüren der Schleimhaut in verschiedenen Abschnitten kommt. Sie tritt meist erstmals im frühen Erwachsenenalter auf und verläuft typischerweise in Schüben. Die Betroffenen - einer von 1000 Erwachsenen in den Industrienationen - leiden dann unter Durchfällen und Schmerzen. Es können sich Fisteln und Verengungen bilden, die bei manchen Patienten wiederholte Operationen nötig machen und das Leben über Jahrzehnte nachhaltig beeinträchtigen.

Zusammenspiel von Umwelt und Genen

Bei der Crohn-Krankheit handelt es sich um eine Überreaktion der Körperabwehr. Wie das Immunsystem dazu kommt, so heftig zu reagieren, und worauf genau es dabei "anspringt", ist noch Gegenstand intensiver Forschung. Wie bei den Allergien wird auch bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen - zu denen neben dem Morbus Crohn vor allem die Colitis ulcerosa zählt - schon seit einiger Zeit angenommen, dass Umweltfaktoren und Veranlagung gemeinsam im Spiel sind. Die Krankheit tritt familiär gehäuft auf, lässt sich aber nach der Erfahrung vieler Patienten durch Ernährung und Lebensstil beeinflussen. Ein wichtiges Gen wird schon seit Mitte der 90er Jahre auf Chromosom 16 vermutet.

Die fast abgeschlossene Bestandsaufnahme der Buchstabenfolge des menschlichen Genoms machte es nun möglich, dieses Gen zu identifizieren. Es enthält die Bauanleitung für einen Eiweißstoff namens Nod 2. Dieses Protein hat die Aufgabe, Krankheitskeime zu erkennen und Signale weiterzugeben, die eine angemessene Antwort des Immunsystems in die Wege leiten.

Bei einer Untergruppe der Betroffenen und ihren Verwandten wurden nun mehrere Varianten des Eiweißstoffs gefunden. Der Fund stützt also die Vermutung, dass eine enge Verbindung bestehen muss zwischen der Krankheit und der Art, in der das Immunsystem auf den Kontakt mit bestimmten Darmbakterien reagiert. Dass Veränderungen im Gen für Nod2 eine wichtige Voraussetzung für den Ausbruch der heftigen Reaktionen des Immunsystems sind, liegt nun nahe. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass nur ein Gen am Krankheitsgeschehen beteiligt sei oder dass jeder Träger des veränderten Gens automatisch erkrankt.

400 Familien registriert

"Alle sind sich inzwischen einig, dass der Morbus Crohn eine Krankheit ist, zu der mehrere Faktoren beitragen", sagt Herbert Lochs, Leiter der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Gastroenterologie und Hepatologie der Charité, Campus Mitte. Im Netzwerk chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, das von Bundesforschungsministetrium unterstützt wird und an dem auch die Charité beteiligt ist, sind bundesweit schon mehr als 400 Familien registriert worden, in denen diese Darmleiden vorliegen.

Mehrere Forschergruppen sind inzwischen auch anderen beteiligten Genen auf der Spur, und auch Chromosom sechs ist ein heißer Kandidat. Die Ergebnisse der molekulargenetischen Forschung werden dazu führen, dass Kinder mit einem erhöhten Risiko in Zukunft mit Tests leichter identifiziert werden können. Außerdem erhofft man sich natürlich Ansätze für eine gezieltere Behandlung oder sogar dafür, dass ihr Ausbruch durch frühzeitiges Eingreifen verhindert werden kann.

Am weitesten sind inzwischen Versuche gediehen, das Gen für Interleukin 10 in den Körper einzuschleusen, einen Signalstoff des Immunsystems, der Entzündungen entgegenwirkt. In Zukunft könnte auch Nod2 einen solchen Ansatzpunkt für therapeutische Eingriffe bieten. Bisher werden beim Morbus Crohn vor allem Medikamente eingesetzt, die die Entzündung hemmen und Rückfällen vorbeugen.

Die Ergebnisse der beiden Forschergruppen sind aber nicht nur ein Impuls bei der Suche nach ursächlichen Therapien gegen entzündliche Darmerkrankungen. Sie vervollständigen auch als weiterer Puzzlestein das Bild, das die moderne Medizin von der Entstehung weit verbreiteter chronischer Leiden gewinnt. "Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die Regulation des Immunsystems einer der wichtigen Mechanismen des Überlebens ist", sagt Lochs.

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