Gesundheit : „Da fahren die Keime hin und her“

Berlin schlampt nicht nur bei der Hygiene in Kliniken – auch Krankentransporte werden kaum kontrolliert 700 Wagen werden von denselben Mitarbeitern überwacht, die auch für 7000 Taxen zuständig sind. Sie sind nur zu sechst.

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Krankentransporter. Die Kontrollen in der Stadt sind selten. Foto: promo
Krankentransporter. Die Kontrollen in der Stadt sind selten. Foto: promo

Nach der Kritik von Hygiene-Experten und Politikern am nachlässigen Umgang des Landes Berlin beim Patientenschutz werden weitere Vorwürfe laut: Auch Krankentransporte würden in Berlin die Hygienestandards nicht einhalten.

Wie berichtet haben Berlin und vier andere Bundesländer immer noch keine Hygieneverordnung für ihre Kliniken vorgelegt. Laut Gesellschaft für Krankenhaushygiene gibt es in Berlin jedes Jahr rund 36 000 vermeidbare Infektionen mit Klinikkeimen, 2300 davon können die Ursache für Todesfälle sein. Die Kassenärztliche Vereinigung beobachtet ein gehäuftes Auftreten sogenannter MRSA (multiresistente Staphylococcus aureus). Solche Mikroben überleben Antibiotika und gefährden Kleinkinder, Senioren und Kranke. Deshalb sind Amtsärzte schon jetzt verpflichtet, regelmäßig Krankenhäuser zu kontrollieren. Doch was ist, wenn in die Kliniken mit den Patienten immer wieder neue Keime eingeschleppt werden, weil die Krankentransporte so gut wie nie kontrolliert werden?

Diese Frage stellt der Vorsitzende des Landesverbandes Privater Rettungsdienste, Matthias Rack, seit langem – und zwar nicht nur sich selbst, sondern auch den Verantwortlichen. Das sind seiner Ansicht nach nicht die sechs Mitarbeiter der Abteilung IIIc des Landesamtes für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo), denen die Aufsichts- und Kontrollpflicht über die Krankentransporte unterliegt. „Diese sechs sind zudem auch noch für sämtliche Taxen und Mietwagen in Berlin zuständig“, sagt Rack: „Die können das personell gar nicht schaffen.“

Die Folgen seien verheerend: „Weil die Krankentransport-Unternehmen keine Kontrollen befürchten müssen, gehen viele sehr fahrlässig mit den Verordnungen und Bestimmungen um“, so Rack. So würde weder die Aufstellung noch die Einhaltung eines Hygiene- und Desinfektionsplans überprüft: „Es ist aber außerordentlich wichtig, dass mit den Patienten auch die Laken gewechselt werden, sonst fahren die Keime hin und her“.

Auch die in den Wagen verwendeten Medizinprodukte und Geräte müssten ständig kontrolliert werden. „Es kann doch nicht sein, dass Tragen mit Holzstückchen gesichert werden, was tatsächlich schon geschehen ist.“ Besonders schlimm ist aber nach Racks Ansicht, dass auch beim Personal gespart wird. „Der sogenannte qualifizierte Krankentransport betrifft ja vor allem viele kranke und alte Menschen, die nicht in einer lebensbedrohlichen Situation mit der Notfallrettung transportiert werden müssen, aber auch nicht mit einem herkömmlichen Taxi fahren können“, erklärt er. Da käme es auf die medizinische Ausbildung des Personals an, und Sauerstoffgeräte müssten ebenso einsatzbereit sein wie Defibrillatoren.

Doch regelmäßige Kontrollen fänden nicht statt, so Rack. Und das, obwohl in keinem Bundesland die Voraussetzungen zur Konzessionierung eines Krankentransportunternehmens so einfach zu erfüllen seien wie in Berlin, wo es zur Zeit mehr als 80 zugelassene Unternehmen mit knapp 700 Konzessionen gibt. Mindestens bei der Hälfte davon wäre Matthias Rack, der selbst seit vielen Jahren eine Krankentransportfirma leitet, skeptisch: „Manche haben nicht einmal Sozial- oder auch nur Umkleideräume für ihre Fahrer. Die sitzen in einer Wohnung im 5. Stock eines Marzahner Hochhauses. Das spart natürlich Kosten, ist aber sowohl den Beschäftigten als auch den Patienten gegenüber unverantwortlich.“

Wer einmal in den Besitz einer Konzession gelangt ist, muss kaum Kontrollen befürchten, sagt Rack. Weder nach seinem Personenbeförderungsschein noch nach seiner medizinischen Qualifikation. Jedenfalls nicht von den Mitarbeitern des Labo. Christoph Krause, der auch die Abteilung IIIc leitet, verhehlt nicht, dass er sich mehr Personal wünscht. „Diese sechs Mitarbeiter sind sehr engagiert, aber sie können nicht auch noch tägliche Kontrollen durchführen“, sagt er. Und bestätigt, dass die sechs neben den über 700 Krankentransporten für rund 7000 Taxen und über 1500 Mietwagen in der Stadt zuständig sind. Natürlich würden Auflagen erteilt, sagt er. So müssten die Krankentransporte einmal jährlich zum Tüv, bei dem auch die Medizintechnik überprüft würde. Ob aber alle Richtlinien, die in den zahlreichen den Rettungsdienst regelnden Gesetzen, Verordnungen und Bestimmungen enthalten sind, eingehalten werden – das sei mit sechs Leuten nicht zu kontrollieren.

Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport, der das Labo unterstellt ist, hat schon angesichts der Klagen der Taxiverbände wegen mangelnder Kontrollen mitgeteilt, dass man sich um mehr Personal bemühe. Bislang sei aber alles am Sparzwang, sprich: am Finanzsenator, gescheitert. Dabei gäbe es nach Ansicht des Landesverbandes Privater Rettungsdienste eine Lösung, die nicht viel kosten würde. „Man sollte die Krankentransporte wie in Hamburg der Aufsicht der Feuerwehr unterstellen“, sagt Rack: „Die hat durch ihre Notfallrettung das nötige Know-how und kann auch ein Gummiboot von einer Vakuum-Matratze unterscheiden.“ Entsprechende Vorschläge seien im Senat bislang aber immer abgelehnt worden.

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