Gesundheit : Da steht nicht Gucci drauf

Denise Dismer

Die Entwicklung einer Modekollektion läuft normalerweise so ab: Ein Designerteam entwirft die Schnitte, fertigt eine Musterkollektion an und präsentiert sie auf einer Show. Anschließend können interessierte Händler die Kleidungsstücke für die kommende Saison bestellen. Die Produktion zieht sich über ein paar Monate hin, dann hängen die edlen Teile schließlich im Laden. Anders sieht es aus, wenn das Designerteam aus Modestudenten besteht: Dann nimmt diese Entwicklung mit der Modenschau ein jähes Ende. Denn die Produktion und der Verkauf der Kleidungsstücke würde für Lehrende und Studierende einen großen organisatorischen Aufwand bedeuten - verbunden mit der Ungewissheit, ob überhaupt eine Nachfrage für die Kollektion besteht.

Studenten der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Berlin-Friedrichshain wollen es trotzdem versuchen - und ihre Kleidung an die Frau bringen. Damit die von den Siebtsemestlern entworfenen Modelle irgendwann wirklich in den Kleiderschränken hängen, gründeten sie "30paarhaende". "Es ist einmalig, dass an einer Hochschule ein solches Label als Bestandteil der Ausbildung entsteht", sagt der betreuende Professor Uwe Janssen. Auch die nachfolgenden Semester werden von der Unternehmensgründung profitieren: Alle sechs Monate soll eine andere Studentengruppe eine anspruchsvolle, tragbare Damenkollektion entwickeln, die nach der Modenschau Händlern zum Verkauf angeboten wird. Irgendwann, so hofft Janssen, hängen die Musterstücke für die kommende Saison und die aktuelle Verkaufskollektion dann im hochschuleigenen Laden.

Doch momentan ist das noch Zukunftsmusik. Die Studenten sind mit der Fertigstellung der 30 Teile für die Wintersaison 2002/2003 beschäftigt - am Wochenende findet die Präsentation der ersten Kollektion von "30paarhaende" statt. Die Kleidungsstücke sind zwar tragbar, aber geprägt von experimentellen Details. Moderne, beschichtete Stoffe werden mit edlen Materialien wie Seide kombiniert, bestickte Teile mit all-over-bedruckter Kleidung. Das Ergebnis sind Röcke und Blusen mit durch Draht formbaren Taschen und Kragen, weiße Hemden mit blauem Spinnennetzdruck und Hosen mit doppeltem Bund. "Zielgruppe für diese Damenkollektion ist die kunst- und kulturinteressierte Frau", sagt Janssen. Mit dem entsprechenden Geldbeutel - rund 150 Euro soll eine Bluse später kosten.

Die Studenten sehen in dem Projekt eine Möglichkeit, den gesamten Ablauf von Entwurf, Verkauf und Produktion einer Musterkollektion mitzubestimmen. Während des Studiums wird mehr Wert auf die grafische Gestaltung der Entwürfe gelegt, weniger auf deren Realisierbarkeit. "Man brütet allein stundenlang über einem einzigen Entwurf", sagt Elisabeth Schotte. "Jetzt entwickeln wir im Team und unter Zeitdruck eine ganze Kollektion, die auch produzierbar ist." Zwar hat die 24-Jährige schon während des Studiums Mustermodelle für das Berliner Label Eisdieler angefertigt - doch handelte es sich immer nur um einzelne Auftragsarbeiten, die nicht in sinnvoller Ergänzung zu einer kompletten Kollektion stehen mussten.

Auch an der Universität der Künste (UdK) versucht man, die Studenten auf die Gründung eines eigenen Labels vorzubereiten. "Man spielt die praktische Entwicklung durch und überlegt, ob es die Zielgruppe anspricht", sagt Sebastian Fischenich, künstlerischer Mitarbeiter am Institut für Bekleidungs- und Textildesign. Verkauft und produziert werden die UdK-Kollektionen allerdings nicht. Zwar bestehe gerade auf den Diplom-Modenschauen ein großes Interesse an den präsentierten Teilen, doch versuchten interessierte Fachleute meist, den Absolventen und seine Ideen abzuwerben, und nicht das einzelne Kleidungsstück.

Studenten der Kunsthochschule Weißensee entwerfen bereits seit sieben Jahren Strickmodelle, die dann von Firmen produziert werden. Allerdings haben jährlich nur vier Studenten die Möglichkeit, am Strickworkshop teilzunehmen. Die Schnitte entwickeln die Studenten in Berlin, innerhalb einer Woche erstellen sie dann in den Räumen von Unternehmen wie Strickchic oder Wegener die Mustermodelle. Die Firmen erhalten schließlich die Rechte für einzelne Teile und übernehmen sie in ihre Kollektionen.

Als Hochschule eine gesamte Kollektion auf den Markt zu bringen erscheint Rolf Rautenberg, Professor für Modedesign in Weißensee, schwierig. Neulinge müssten eine lange Durststrecke überwinden, bis sie sich auf dem Markt etabliert hätten. "Mode wird immer billiger, aber die Produktionskosten sind astronomisch hoch", sagt Rautenberg. "Und wer ist schon bereit, viel Geld für Mode-Kunstwerke auszugeben, wenn nicht Prada oder Gucci draufsteht?" Das Friedrichshainer Label wird sich also erst einen Namen machen müssen. Die FHTW-Studenten wollen ja nicht gleich die gesamte Kollektion in Serie gehen lassen. Doch wenn die eine oder andere Berlinerin im kommenden Winter mit einer "30paarhaende"-Hose durch Mitte spaziert, dann hätte sich das monatelange Designen schon gelohnt.

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