Gesundheit : Damit die Qualität nicht in die Knie geht

Orthopäden fordern ein nationales Prothesenregister – so lässt sich der Erfolg der Eingriffe kontrollieren

Adelheid Müller-Lissner
170213_1_xio-image-471f828e5eb09.heprodimagesgrafics83420071025wiss_hueftgelenk.jpg

Vor etwa zwei Monaten bewegte der „Prothesenskandal“ die Hauptstadt. In einem Berliner Krankenhaus waren künstliche Kniegelenke falsch – ohne den nötigen Zement – eingesetzt worden. Die Schlagzeilen betrafen eine boomende Branche: In Deutschland erhalten mittlerweile jedes Jahr ungefähr 300 000 Menschen ein künstliches Gelenk. So ist Qualitätssicherung des Protheseneinsatzes ein wichtiges Thema auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie, der bis zum Sonnabend in Berlin stattfindet.

In Deutschland werden heute die meisten Kunstgelenke in der Hüfte verankert (siehe Abbildung). Doch auch die Zahl der künstlichen Kniegelenke nimmt stark zu, wie Joachim Hassenpflug, Orthopäde in Kiel und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, erklärt. „In den USA werden sie bereits häufiger implantiert als künstliche Hüftgelenke.“ Dazu kommen immer mehr Prothesen für das Schultergelenk sowie künstliche Sprunggelenke und Ellbogen. In einer alternden Gesellschaft wird die Nachfrage deutlich steigen. Die Gesamtkosten belaufen sich bereits jetzt auf 2,5 Milliarden.

Umso erstaunlicher, dass in Deutschland systematische Informationen darüber fehlen, wie lange die Prothesen halten, bei welchen Ärzten und mit welchen Materialien es Probleme gibt. Hassenpflug und seine Fachgesellschaft fordern ein Prothesen-Register, in dem bundesweit alle Erst- und Wechsel-Eingriffe erfasst werden. Die Daten, die die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung regelmäßig aus 1708 deutschen Krankenhäusern zusammenträgt (BQS-Daten), sind für langfristige Aussagen nicht geeignet. Noch nicht einmal die Daten über verschiedene Eingriffe bei ein und demselben Patienten werden zuverlässig zusammengeführt. „Die Qualitätskontrolle endet an der Klinikpforte, das ist eindeutig zu kurz gesprungen“, sagt Hassenpflug.

Studien beziehen sich meist auf einzelne Prothesensysteme oder Krankenhäuser. Immerhin belegen sie, dass insgesamt ein hohes Niveau erreicht wird: „Aktuelle Studien zeigen, dass über 90 Prozent der Gelenke zehn Jahre oder mehr funktionieren, ohne dass schwere Komplikationen auftreten“, erklärt Hassenpflug. Zu verdanken sei das der technischen Verbesserung der Implantate und der Standardisierung der Eingriffe.

Im Jahr 1997 begannen 41 Kliniken im Deutschen Endoprothesenregister Daten zu Ersteingriffen und Wechseloperationen zu erfassen. Doch weil die Daten hier von Freiwilligen zur Verfügung gestellt wurden, können sie nicht als repräsentativ gelten. „Wir brauchen ein Zwangssystem, in dem alle erfasst werden“, betont Hassenpflug. Beispielhaft sind Register aus Skandinavien, Schottland, Ungarn, Rumänien oder Kanada. Inzwischen gibt es auch ein europäisches Register, in dem die Daten zusammengeführt werden – und in dem der Beitrag aus Deutschland schmerzlich fehlt.

Jetzt wollen die Orthopäden auch hierzulande endlich wissen, welche Ersatzgelenke aus welchen Kliniken wie lange halten – und Faktoren herausarbeiten, die die Unterschiede erklären könnten. Dazu gehört auch die Frage, welchen Anteil Erfahrung des Chirurgen und Größe des Krankenhauses am Erfolg haben.

Im Jahr 2006 hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen festgelegt, dass Kniegelenksprothesen nur noch in Krankenhäusern implantiert werden dürfen, in denen jährlich mindestens 50 Eingriffe anfallen. Doch mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass auch zu viel Routine und Spezialisierung schaden könnten.

Das systematische Register verspricht auch darüber mehr Aufschluss. Aus den Langzeitdaten Konsequenzen für die Praxis zu ziehen, wird aber nicht zuletzt durch den häufigen Wechsel der Prothesenmodelle erschwert. „Dadurch fehlen uns Erfahrungen mit längeren Laufzeiten“, sagt Kuno Weise von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Tübingen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.

Es fehlen aber auch Informationen darüber, wie es sich mit den neuen Gelenken lebt. „Wir schaffen die Voraussetzung dafür, dass die Menschen auch im Alter aktiv und mobil sein können“, sagt Hassenpflug. Um zu wissen, ob die neuen Knie und Hüften wirklich die erhoffte Schmerzfreiheit und Beweglichkeit bringen, müsste man Krankenhausdaten mit Informationen aus der Praxis der niedergelassenen Orthopäden vernetzen, die sich später um die Operierten kümmern. Adelheid Müller-Lissner

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben