Gesundheit : Damit Raumschiffe durchs Kino rauschen

GREGOR WILDERMANN

Markenzeichen sind zum wichtigsten Merkmal der modernen Warenwelt geworden.Daß aber drei einfache Buchstaben, die noch nicht einmal ein Kürzel für eine längere Bezeichnung sind, einmal zum umsatzsteigernden Markenzeichen werden könnten, hätte der heute 54 Jahre alte "Krieg der Sterne"-Erfinder George Lucas bei der Einführung seines THX-Soundsystems im Jahre 1983 wohl kaum geahnt.

Dennoch: In einer Umfrage unter amerikanischen Kinobesuchern gab immerhin ein Drittel an, diese drei kleinen silbernen Buchstaben seien ein Entscheidungsgrund bei der Filmauswahl.Nun hat Lucas die bisherige Sternentrilogie mit der "Episode 1 - The Phantom Menace" ("Die dunkle Bedrohung") zur Tetralogie erweitert - der Start in US-Kinos steht unmittelbar bevor, der Termin für Deutschland wurde auf den 19.August festgesetzt.Und bei dieser Gelegenheit soll mit Dolby Digital Surround EX wieder ein neues Sound-System eingeführt werden.

Doch was genau passiert bei diesem neuen System, das Raumschiffe zum ersten Mal fließend über dem Kopf rauschen läßt? Jedem Kinogänger oder HiFi-Freund ist der Name Dolby ein geläufiger Begriff.Die Firma in San Francisco ist nicht nur in unzähligen älteren Dolby-Kinos vertreten.Weltweit gibt es 18 000 Dolby-Digital-Kinosäle, in denen bisher 1800 Digitalton-Filme gezeigt wurden.Mehr als 8700 Soundtracks wurden mit dem Dolby-Verfahren hergestellt und allein in Amerika werden dieses Jahr noch 3000 Kinos auf den neuesten 6.1-Standard von Dolby gebracht.

Die Tonaufbereitung teilt sich prinzipiell in zwei Bereiche.Da sind die Gerätschaften, die im Vorführraum den Film und seine Tonspur abtasten.Sie leiten dann das Tonsignal an alle Lautsprechersysteme des Kinos weiter.Genau dort revolutionierte Lucas mit seinem THX-System die Filmwelt, weil nun zum ersten Mal der Klang sprichwörtlich durch den gesamten Kinosaal "wanderte", und die Zuhörer nicht nur im bekannten Stereoverfahren von vorne links und rechts beschallte.

Auch der kurze und doch so prägnante "The audience is listening"-Vorfilm wurde zu einem fast rituellen Teil jeder neuen Filmvorführung, in denen krachende Düsenjäger, beängstigende Gewehrkugeln oder das Porzellan der streitenden Ehefrau dem Publikum über den Kopf flogen.Das THX-Verfahren umfaßte auch zum ersten Mal Lautsprecher, die mitten hinter der Leinwand sowie am Ende des Kinosaals angebracht wurden.

Aber sechzehn Jahre nach der Einführung von THX nutzt das neue Verfahren Dolby Digital Surround EX diese akustische Infrastruktur zum ersten Mal ganz aus.Denn genau genommen ist Surround EX eine Ergänzung durch einen weiteren Soundkanal, der wahlweise durch den mittleren, seitlichen oder hinteren Lautsprecher gesendet wird und in Kombination mit den anderen Klang- und Soundeffekten synchronisiert werden kann.

Initiator des neues Verfahrens zur Klangstreuung war Gary Rydstrom, selber Oskar-Gewinner (für seine Soundarbeit bei "Titanic") und Direktor von Skywalker Sound, einer der vier Unterfirmen von George Lucas.Mitte 1997 beklagte er sich über die kreativen Grenzen der bestehenden Soundsysteme, was ihn und den Präsidenten der Dolby-Labore Bill Jasper zusammenbrachte.

Nach dem damaligen Erfolg von THX zog Dolby kurze Zeit später mit seinem Surroundverfahren nach.Obwohl beide Systeme jahrelang als Konkurrenz verstanden wurden, ergänzten sie sich und im Falle von Dolby Digital Surround EX arbeiteten beide Firmen nun auch bei Entwicklung und Umrüstung zum ersten Mal zusammen.

In den kommenden Monaten werden die Kinos durch den Einbau des Dolby SA10 Surround-Adapter auf den neuesten Stand gebracht.Allerdings macht sich auch sanfter Widerstand bemerkbar.Denn unter den Kinobetreibern herrscht harte Konkurrenz, viele sind nur zögerlich zu weiteren Ausgaben bereit.Die von Lucas forcierte Digitalisierung in Filmherstellung und Vorführung wird viele Lichtspielhäuser in den nächsten Jahren vor enorme Kosten stellen.

Anfang Dezember 1998 gab zwar der führende kanadische Kinobetreiber Famous Players den Kauf von 700 SA10-Adaptern bekannt, doch zum Beispiel die deutsche Cinemaxx-Kette wartet noch ab.Schließlich gibt es noch sehr wenige Filme, die das neue Surround-Verfahren unterstützen.Außer dem neuen "Krieg der Sterne"-Film werden 1999 wohl lediglich "The Haunting of Hill House" aus den Dreamworks-Studios und "Memoirs of a Geisha" unter der Regie von Steven Spielberg die neuen Soundmöglichkeiten ausschöpfen.

Vor allem die neue Sternensaga mit ihren 1400 separaten Soundeffekten und mehr als 2000 Special Effects dürfte zu den wenigen wirklich lukrativen Filmen gehören, die diese Umstellung überhaupt erst lohnenwert macht.

Daß vor dem Kinostart in Amerika die von Lucasfilm gewünschte Umrüstung auch als Druckmittel bei der Verteilung von Verleihzusagen eingesetzt wurde, war einer der kleinen Details im Kampf um noch größere Kassenerfolge.Trotz all dieser Superlative um Surroundsound und THX mag es da fast beruhigend sein, wenn man von "Episode 1"-Klangdesigner Ben Burtt erfährt, das er das Motorengeräusch eines Panzers aus einem elektrischen Rasierer unterhalb eines Küchensiebes entwickelt hat.Und für einen Urwaldsaurier mußte das Babygeschrei seines Sohnes herhalten.Da kann Technik auch wieder beweisen, daß sie im selben Moment begeistern und erstaunen kann.

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