Gesundheit : Dank der forensischen Entomologie können Insekten bei der Aufklärung von Mordfällen helfen

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Schmeißfliegenmaden, die sich von frischem Leichengewebe nähren, dazu auf Haut und Haar spezialisierte Speck- und Teppichkäfer - es ist eine harte Kost, die der Kriminalbiologe Mark Benecke seinen Lesern in dem neuerschienenen Bändchen "Kriminalbiologie" (Verlag Domino BLT 1999, 12,90 DM, ISBN 3-404-93025-8) zumutet. Und er weiß: "Die meisten Menschen vermeiden es tunlichst, die von den Tieren bewirkte Rückführung biologischer Substanzen in den Kreislauf der Natur mitanzusehen." Doch ohne Verwesung, Fäulnis und dem Fraß der Maden, die aus den kompliziert verwobenen Proteinen der Körperorgane nach dem Tod immer kleineres und vielseitig wiederverwendbares Baumaterial machen, gäbe es kein neues Leben.

Es sind aber nicht philosophisch-erbauliche Gedanken dieser Art, die Biologen zur Beschäftigung mit den "Körperrecyclingshelfern" veranlassen. Im Bereich der "forensischen Entomologie" beschäftigen sich Insektenkundler stattdessen zum Beispiel mit der Frage, wie lange eine Leiche am Tatort gelegen hat. Wenn man weiß, unter welchen Außenbedingungen die dort gefundenen Maden und Käfer wie lange brauchen, um heranzuwachsen, sich zu verpuppen und zu schlüpfen, kann man das relativ genau berechnen. "Postmortale Totenuhren" nennt Benecke die Leicheninsekten deshalb.

Was den Lesern makaber erscheinen mag, hat seinen unbestrittenen Wert als sachdienlicher Hinweis: Sogar ob die Todesursache eine Vergiftung war, lässt sich unter Umständen durch eine genaue Analyse von Insekten feststellen, die in ihrem Körper das fragliche Gift gespeichert haben. Und auch darüber, ob ein Mordopfer vom Tatort entfernt wurde, geben eventuell mittransportierte Kleinstlebewesen aus anderen Lebensräumen Auskunft. Nicht um die Frage der Schuld gehe es den Wissenschaftlern dabei. Die sei ihnen "meist sogar gleichgültig, denn Wissenschaftler beleuchten stets nur Ausschnitte der Wirklichkeit - diese allerdings in grellem Licht", so Benecke, der unter anderem im spektakulären Fall des Pastors Geyer als Gutachter herangezogen wurde.

Ein anderer, für den Laien weit abstrakterer Ausschnitt dieser Wirklichkeit, mit dem die Kriminalbiologie sich auf der Suche nach der Wahrheit befasst, sind die genetischen Fingerabdrücke. Durch diese Strichcodes, die über die Analyse der Erbsubstanz DNS ermittelt werden, können Täter heute fast zweifelsfrei identifiziert werden. Wie das geht und warum die Ergebnisse im Hinblick auf Daten- und Personenschutz ziemlich unbedenklich sind, erläutert der Kriminalbiologe ausgesprochen verständlich.

Schließlich verlässt er die Welt des Verbrechens. Denn nicht nur Täter, sondern auch Väter können per Erbgut-Typisierung ausfindig gemacht werden. Auf diese Weise wurde auch endlich ermittelt, wer weltweit in Sachen Seitensprung mit Folgen den Rekord hält: Es ist der australische Zebrafink "Taeniopygia guttata castanotis". Bei diesen Finken wurden mittels moderner Erbgut-Analyse in jedem dritten Nest Junge gefunden, die das Produkt von innerartlichem Brutparasitismus sind.

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