Gesundheit : Darmkrebs: Der Bauch, das unbekannte Wesen

Adelheid Müller-Lissner

Der Darm gilt vielen als schmutziges Organ, über das man nicht gerne spricht. Die vornehme ältere Dame, die Schwierigkeiten mit dem Stuhlgang hat, spricht lieber von "Magenschmerzen", der junge Mann, der von Müsli Blähungen bekommt, "verträgt" die Körner nicht. Das gefährlichste Leiden, das diesen Teil des Verdauungstrakts befallen kann, der Darmkrebs, macht lange Zeit noch nicht einmal Beschwerden.

Deshalb wird die Diagnose oft erst gestellt, wenn der Krebs schon Absiedlungen in anderen Organen gebildet hat. Heilbar ist er dagegen im Frühstadium. Am günstigsten ist es, wenn schon Vorformen, die Polypen, von der Darmwand entfernt werden.

Darmkrebs ist die Tumorerkrankung, bei derFrüherkennung die größten Erfolge bringt. Doch damit hapert es bei dieser Krebsform, die allein in Deutschland jährlich 30 000 Todesopfer fordert.

Der Test, den die gesetzlichen Krankenkassen heute für Versicherte ab 45 Jahren zahlen, kann zu Hause gemacht werden. Kleine Proben von Stuhlgängen an drei aufeinanderfolgenden Tagen werden auf Teststreifen aufgetragen, ins Couvert gesteckt und dem Arzt per Post geschickt. Im Labor werden sie auf verstecktes Blut untersucht, das von Polypen oder Frühformen eines Tumors stammen kann.

Sicherer ist die Durchsicht des gesamten Darms mit einem biegsamen Rohr, die Koloskopie. Diese Untersuchung kann auch genutzt werden, um Polypen oder sogar Frühstadien von Tumoren abzutragen. Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen empfiehlt, sie vom 55. Lebensjahr an alle zehn Jahre machen zu lassen. In der "Münchner Erklärung", die in diesem Frühjahr von Vertretern der Fachgesellschaften verabschiedet wurde, wird diese Screening-Koloskopie sogar vom 50. Lebensjahr an gefordert.

Erklärtes Ziel der Aktion "Darmkrebs durch Früherkennung besiegen" ist es, die Zahl der Opfer in den nächsten fünf Jahren durch Früherkennung und Entfernen der Krebs-Vorstufen um die Hälfte zu senken. Eine Erstuntersuchung mit 50 oder 55 scheint deshalb sinnvoll, weil das mittlere Erkrankungsalter bei knapp 70 Jahren liegt und es im Schnitt zehn Jahre dauert, bis aus einem dabei festgestellten Polypen ein Krebs wird.

Noch bezahlen die Krankenkassen die Darmspiegelung ohne speziellen Grund nicht. Berechnungen aus den USA haben ergeben, dass mit dem Test auf Blut im Stuhl ab dem 45. Lebensjahr 23 Prozent, mit einer Darmspiegelung, die ab dem 55. Lebensjahr alle zehn Jahre vorgenommen wird, 76 bis 90 Prozent aller Todesfälle durch Darmkrebs verhindert werden könnten. Vorausgesetzt, die Bevölkerung macht mit. Genau das ist das Problem: Nur 16 Prozent der Männer machen den Stuhltest. Bei den Frauen sieht es mit 30 Prozent etwas besser aus, was auch daran liegen dürfte, dass die Gynäkologen den Test anbieten.

In einem Modellprojekt der AOK und der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen soll das Bewusstsein der Bevölkerung für die Notwendigkeit der Früherkennung verstärkt werden, wie Norbert Fina von der AOK Berlin erläutert. Ob die Versicherten ab dem 40. Lebensjahr mehr als bisher an den angebotenen Untersuchungen teilnehmen, wird sich in einer ersten Auswertung Anfang September zeigen.

Eine besonders intensive Betreuung brauchen Menschen mit einer familiären Vorbelastung für Darmkrebs. Heute geht man davon aus, dass bei etwa einem Viertel aller Fälle eine solche Veranlagung mit im Spiel ist. Verwandte ersten Grades von Menschen, die an Darmkrebs erkrankt sind, sollten sich nach den Empfehlungen der Fachgesellschaft auf jeden Fall erstmals einer Darmspiegelung unterziehen, wenn sie zehn Jahre jünger sind als das Familienmitglied es vor Ausbruch seiner Krankheit war. Teilweise können ihnen Gentests darüber Auskunft geben, ob auch sie persönlich Träger der Veränderung des Erbguts sind.

Bei der seltenen familiären adenomatösen Polyposis (FAP) hat das wichtige therapeutische Konsequenzen: Im jungen Erwachsenenalter steht eine Operation an, bei der Teile des Darms vorsorglich entfernt werden. Denn bei FAP-Patienten kommt es sonst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zur bösartigen Veränderung der Darmpolypen. Auch das vergrößerte genetische Risiko für eine Form von Darmkrebs, die nicht mit dieser Polypenbildung einhergeht, das HNPCC, kann inzwischen relativ zuverlässig erkannt werden.

Dass die Untersuchung heute noch zu selten in Anspruch genommen wird, liegt neben dem schlechten "Image", das der Darm als körpereigene Müllabfuhr möglicherweise hat, sicher auch an Ängsten, die an die Prozedur geknüpft werden. Die Untersuchung selbst dauert nur etwa eine Viertelstunde. Allerdings muss der Darm zuvor gründlich gereinigt werden. Zur Not kann der Arzt eine Beruhigungsspritze oder Schmerzmittel geben. Die eigentliche Beruhigung ist aber erst vom Ergebnis der Untersuchung zu erwarten.

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