Gesundheit : Darwins Erbe

Zum 100. Geburtstag des deutschstämmigen Evolutionsbiologen und Ornithologen Ernst Mayr

Matthias Glaubrecht

Am Anfang seiner Karriere stand eine Affäre. Die einer Aristokratin. Sie bescherte dem Deutschen mit dem Dutzendnamen Ernst Mayr 1931 unverhofft eine Anstellung am American Museum of Natural History in New York. Nach einer Liebesgeschichte mit Lord Walter Rothschild erpresste besagte Adelige den Sprössling der gleichnamigen Banker-Dynastie in England immer schamloser. Um die Erpresserin zu befriedigen, musste der schließlich seine 280000 Vogelbälge umfassende Privatsammlung an das New Yorker Naturkundemuseum verkaufen. Daraufhin suchte man dort einen Kurator zur wissenschaftlichen Bearbeitung der einmaligen Neuerwerbung.

Dem am 5.Juli 1904 im Allgäu geborenen Mayr bot sich die Chance seines Lebens. Nach einem zugunsten der Zoologie abgebrochenen Medizinstudium und seiner Promotion an der Berliner Universität 1926 hatte sich Mayr seine ersten wissenschaftlichen Sporen am Museum für Naturkunde in Berlin verdient.

Kaum 23-jährig brach er zu einer abenteuerlichen Ein-Mann-Expedition in den Südpazifik auf. In den Bergwäldern Neuguineas und auf den Salomoninseln sammelte er zwischen 1928 und 1930 exotische Vögel und studierte die Mechanismen der Evolution. Weitgehend auf sich allein gestellt, drang er in die abgelegenen Bergregionen von vier Gebirgszügen und in das Innere von drei tropischen Inseln vor; er überlebte das Kentern seines Kanus vor der Küste Neuguineas und die Begegnung mit Kannibalen; er stürzte einen Wasserfall hinab, galt als verschollen und erkrankte an Malaria, Denguefieber und Ruhr.

Was für Charles Darwin der Galapagos-Archipel war, wurden für Mayr Neuguinea und die Salomonen. Und wie bei Darwin waren die eigenen Beobachtungen der Ausgangspunkt für generelle evolutionsbiologische Schlussfolgerungen.

Die Artenbildung war jene Frage, die für Darwin ein Leben lang das „Mysterium der Mysterien“ blieb, wie er einmal bekannte. Zwar hatte Darwin mit dem Konzept der natürlichen und der sexuellen Auslese eine Erklärung dafür entdeckt, wie sich Lebewesen wandeln und an immer wieder neue Umweltbedingungen anpassen. Mayr indes erkannte in dem Prinzip der geografischen Artenbildung eine Erklärung dafür, wie die überbordende Vielfalt an biologischen Arten auf der Erde entstanden ist.

Seiner Theorie nach entstehen neue Arten, wenn sich Populationen räumlich separieren, etwa wenn sie durch geologische Ereignisse voneinander getrennt werden und sich an verschiedenen Orten an ihre Umwelt anpassen. Geografische Barrieren wie Meeresstraßen, sich auffaltende Gebirge oder der Lauf großer Flüsse können also dazu führen, dass kleine isolierte Gründerpopulationen eine eigenständige genetische Entwicklung durchlaufen – und allmählich zu einer neuen Biospezies werden.

Während Darwin mit seiner Evolutions- und Selektionstheorie Mitte des 19. Jahrhunderts den Rohbau eines epochalen Gedankengebäudes schuf, hat sich Mayr in den 1930er und 1940er Jahren an den Innenausbau gemacht. Längst mehr als nur Vogel-Kurator, wurde Mayr 1953 als Alexander Agassiz Professor für Zoologie an die Harvard University berufen. Er stieg zum Direktor am dortigen Museum of Comparative Zoology auf, wo er auch nach seiner Emeritierung 1975 noch lange arbeitete.

Ernst Mayr hat in regelmäßigen Abständen die Strömungen und Entdeckungen in der modernen Evolutionsbiologie in Aufsätzen gesichtet, zusammengefasst und kommentiert. Über 700 Veröffentlichungen und 24 Bücher gehören mittlerweile zu seinem Lebenswerk.

Eindrucksvoll hat der Altmeister der Biologie dies auch in seinen beiden jüngsten Büchern über Biologie und Evolution unterstrichen. Darin erklärt Mayr nicht nur die Evolution, sondern begründet auch, warum die Theorie Darwins die bedeutendste geistige Revolution ist. Das tut Not angesichts einer einseitig durch Geisteswissenschaften geprägten „Bildungs-Elite“ und ihrer gleichermaßen „angeborenen“ wie auffälligen Bildungs-Lücke im Bereich sämtlicher Naturwissenschaften. Wer von denen, die derzeit in Talkshows oder im Feuilleton wortreich aber inhaltsleer über Gentechnik, Bioethik, Biodiversität und Artenschutz reden, versteht wirklich, was Gene sind, wie Selektion und Mutation wirken oder was eine Art von einer Rasse unterscheidet?

Im Zeitalter der Dampfschiffe geboren, beeinflusst Mayr – der noch immer rüstig und geistig hellwach ist und in einem Seniorenheim nahe Boston lebt – das Denken auch noch in der Ära der Genomik. Mayr fordert die Autonomie der Lebenswissenschaften, die er als eigenständige Disziplin und Leitwissenschaft im 21. Jahrhundert begründet. Kaum ein anderer hat derart unermüdlich an dem Verständnis von Evolution gearbeitet, Fragen über den Ursprung und die Vielfalt lebender Organismen gestellt und in ebenso geschliffener wie wissenschaftlich kompromissloser Weise die Rolle zu klären versucht, die die Evolutionsbiologie für unsere Vorstellung der lebendigen Welt spielt.

Selten gehen Liebesaffären in die Annalen der Wissenschaft ein; selten hat eine Erpressung reichere Erträge erbracht als jene des armen Lord Walter. Vergeblich hat Mayr die Familie Rothschild gebeten, den Namen jener hohen Adeligen preiszugeben, die seine Karriere unwissentlich beförderte. Mag Mayr auch viele Geheimnisse der Evolution gelüftet haben – das Leben lässt sich nicht immer in die Karten gucken.

Kürzlich von Ernst Mayr erschienen:

„Das ist Biologie“ (Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1998, 439 Seiten, 14,95 Euro); eine Vision von den Lebenswissenschaften als Leitwissenschaft im 21. Jahrhundert.

„Das ist Evolution“ (C. Bertelsmann Verlag, München, 2003, 378 Seiten, 23,90Euro); der Erkenntnisstand der Evolutionsbiologie und deren Antworten auf wichtige Fragen unserer Zeit.

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