Gesundheit : Das A in Ameise

Jeder zehnte Schüler ist Legastheniker – im Internat Elkofen werden die Hochbegabten unter ihnen gefördert

Gudrun Weitzenbürger

Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, dass unbegrenzt Plätze zu vergeben sind, sagt die Leiterin des Landschulheims Elkofen, Irmgard Berchtenbreiter. Die Schulleiterin hat Angst vor zu viel Werbung: „Wir wollen klein bleiben.“ Das Internat in ländlicher Umgebung mit Anbindung an München ist ein ungewöhnlicher und besonders attraktiver Zufluchtsort für Kinder, die nicht nur unter der Lese- und Schreibschwäche leiden, sondern auch außerordentlich begabt sind. In der kleinen Schule lernen jeweils nur zehn Schüler pro Klasse zwischen dem 5. und 10. Schuljahr. Wer als begabt gilt und damit Chancen hat, in dem privaten Internat des Schul-Centrums Augustinum in München aufgenommen zu werden, entscheidet ein psychologisches Gutachten. Es muss dem Kind überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigen.

Die Kinder kommen jedoch nicht nur mit Lese- und Schreibschwäche in das Landschulheim, sondern auch mit Verhaltensauffälligkeiten, die sich einstellen, wenn die Lernstörung an der normalen Schule nicht entdeckt oder berücksichtigt werden kann. „Die Schüler werden aggressiv oder in sich gekehrt“, sagt Berchtenbreiter. „Die Unterschätzung führt dazu, dass sie irgendwann die Schule ganz verweigern.“

Harte und weiche Konsonanten

Fünf bis zehn Prozent der Schüler einer Altersgruppe sollen nach Schätzung des Bundesverbandes für Legasthenie an der Lernstörung leiden. Der Verband fordert von der Kultusministerkonferenz deshalb, den Kindern gleiche Chancen im Fach Deutsch einzuräumen und die Lehrer besser auszubilden. Wichtig ist, dass das Problem möglichst früh behandelt wird, wie der Psychologe und Legasthenie-Experte Gerd Mannhaupt von der Universität Erfurt sagt, der die Zahl der betroffenen Kinder sogar auf bis zu 15 Prozent festlegt. In kleinen Gruppen können die Kinder dann therapiert werden. Sie lernen, harte Konsonanten nicht mit weichen zu vertauschen (das g nicht mit dem k), Buchstaben nicht umzustellen, das Wortende nicht wegzulassen, nicht groß zu schreiben, wo klein geschrieben werden soll und keine Schärfungs- und Dehnungsfehler zu machen, also etwa „muss“ nicht mit „Muße“ zu verwechseln.

Das größte Problem dieser Kinder ist die Leseschwäche. „Sie können den Sinn der Texte nur schwer erfassen“, sagt Mannhaupt. Deshalb haben sie in der Folge auch Schwierigkeiten in anderen Fächern, wie Geographie, Geschichte oder Politik. Außerdem hat der Psychologe festgestellt, dass sie sich nur schwer selbst organisieren können. Wenn dann in allen Fächern die Noten schlechter werden, „verlieren sie das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit“.

In Elkofen arbeiten Lehrer und Psychologen daran, das verschüttete Potenzial wieder freizulegen. Sie bringen den Kindern bei, dass, wer nicht richtig lesen kann, nicht dumm sein muss. Das Ziel ist das Abitur an einem normalen Gymnasium. Deshalb stehen im Internat Physik, Latein, Englisch, Wirtschafts- und Rechtslehre auf dem Stundenplan wie an anderen Schulen auch. Nur im Deutschunterricht gibt es keine Fünfen. Nachmittags betreuen Lehrer die Kinder bei den Hausaufgaben, diskutieren über ihre Probleme. Außerdem begleiten Psychologen die Schüler.

Die intensive Betreuung in Elkofen hat ihren Preis. „Wir kosten so viel wie ein Elitegymnasium", sagt die Schulleiterin Berchtenbreiter. 74 Euro am Tag. Sollte das elterliche Einkommen für die Schule nicht ausreichen, zahlt das Jugendamt die Schulgebühren. So kommen die Kinder aus allen sozialen Schichten. Die Eltern sind Handwerker wie Chefs großer Konzerne. Allerdings wird Legasthenie in Bayern nicht als Förderungsgrund anerkannt. Deshalb muss beim psychologischen Gutachten ein wenig geschummelt werden: Offizieller Grund für die behördliche Zusage, den Unterricht zu finanzieren, sind nicht die Legasthenie, sondern die sie begleitenden Symptome wie Konzentrationsstörungen oder Hyperaktivität.

„Bielefelder Screening“

Christiane Löwe vom Legasthenieverband, selbst Mutter eines betroffenen Sohnes, wünscht sich, dass Legasthenie von den Krankenkassen als „Krankheit“ anerkannt wird und nicht wie bisher als „Lernstörung“ gilt. Die Krankenkassen sollten von der Politik gezwungen werden, die Behandlungskosten zu übernehmen. Der Psychologe Mannhaupt hat mit Kollegen das „Bielefelder Screening“ entwickelt. Dabei werden Vorschulkinder gefragt, ob sich bestimmte Wörter reimen, ob sie Anlaute erkennen – also das A in Ameise – oder ob sie Wörter in Silben teilen können. In rund 1000 nordrhein-westfälischen Kindergärten wird dieses Verfahren in diesem Jahr eingeführt.

Mannhaupt geht davon aus, dass die Legasthenie eine individuelle Lernstörung ist, die bei jedem Kind anders ausfällt. Deshalb gebe es auch nicht „das“ optimale Behandlungsschema. Im Idealfall sollten Lehrer vielmehr befähigt werden, ein passendes Programm, Arbeitshefte oder andere Unterlagen auszuwählen, um jedem Kind angemessen helfen zu können.

Anders als der Verband und die Schulleiterin in Elkofen meinen die Psychologen, dass die Störung geheilt werden kann. „Eine drei oder vier in Deutsch bei normaler Zensierung kann der Schüler erreichen“, sagt Mannhaupt. Die Schulleiterin Berchtenbreiter jedoch schränkt ein: „Legasthenie ist nicht endgültig heilbar. Wir können den Kindern nur Methoden beibringen, damit umzugehen.“ In den Jahresberichten der Schule liest man, das viele Ehemalige es zu etwas gebracht haben. Sie sind Informatiker, Steuerberater oder Leiter einer Brauerei geworden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben