Gesundheit : Das Alphabet der Verschiedenheit

Adelheid Müller-Lissner

Groß, klein, blond, dunkelhaarig, mit heller oder dunkler Haut: Die Schüler, die im Kleistsaal der Urania sitzen, sehen ausgesprochen verschieden aus. Von Martin Digweed vom Institut für Humangenetik an der Charité erfahren sie, was sie nicht sehen können: Dass von den drei Milliarden Basen, die das menschliche Genom ausmachen, an die 99,9 Prozent bei ihnen allen identisch sind.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Die immerhin noch drei Millionen Variablen, die übrig bleiben und für unsere "biochemische Individualität" sorgen, haben es aber in sich: Sie können die alleinige Ursache für Krankheiten sein, wenn diese ausschließlich genetisch bedingt sind. Sie können aber auch besonders anfällig machen für Krankheiten, die nur zusammen mit schädlichen Umweltbedingungen entstehen. Im Einzelfall können sie sogar dafür sorgen, dass ein gängiges Medikament nicht vertragen wird. Der Professor zeigt es exakt im Schaubild: "Wenn Sie hier statt eines G ein A an Position 488 des Gens R YR1 haben, vertragen Sie das Narkosemittel Halothan nicht."

Wir sind im Jahr der Lebenswissenschaften, genauer: Bei einer der Startveranstaltungen des viertägigen Wissenschafts-Events "Book of Life", das eine Gruppe von Berliner und Brandenburger Forschungsinstitutionen aus dem Bereich der Genom- und Proteomforschung in der Urania bietet. Kenntnisse über "elementare Grundlagen des Lebens" sollen dort erworben werden - auf unterhaltsame Art.

Im Bereich "My Food" wird zum Beispiel am Mittwoch der französische Chemiker Hervé This-Benckhard auch über Soufflé und Mayonnaise informieren - mit praktischer Vorführung. Am Donnerstag können Schüler im Planspiel die eigene Zukunft durchspielen: "Wir erwarten ein Kind!" Welche Art der Gendiagnostik werden sie für ihren Nachwuchs befürworten?

Die Schüler und die wenigen älteren Semester, die sich am Montag der Humangenetik als der "Wissenschaft der menschlichen Verschiedenartigkeit" widmeten, hatten es mit weit abstrakterem Wissen zu tun: Eine Veranschaulichung der "biochemischen Reaktionswege", die zur Aktivierung von Enzymen führen, sah aus wie eine Karte, auf der sämtliche U-Bahn-Pläne der wichtigsten Großstädte der Welt übereinander kopiert wurden.

Das war Absicht, denn Digwood wollte auch zeigen, wie viele Detailinformationen gewonnen wurden, seit sein Landsmann Sir Archibald Garrod im Jahr 1902 herausfand, dass die Vererbungsregeln, die der Augustinermönch Mendel an Pflanzen entdeckte, auch für den Menschen gelten.

Garrod, ein englischer Kinderarzt, war dem Phänomen der Alkaptonurie nachgegangen, bei der sich der Urin dunkel färbt. Er konnte zeigen, dass den Betroffenen ein Enzym fehlt, mit dem Homogentisinsäure abgebaut wird: Eine winzige Veränderung der Gensequenz, nämlich ein einziger "falscher" Buchstabe in der Gen-Sequenz, kann das bewirken - wenn sie bei beiden Eltern auftritt. Eines Tages wird man diese Veränderungen der DNS-Chipkarte entnehmen können.

"Aber wir unterschieden uns doch nicht nur durch Krankheitsrisiken, sondern auch durch unsere Persönlichkeit! Wird sie dann auch von der Chipkarte ablesbar sein?" fragt eine Schülerin.

Digwood beruhigte mit Hinweis auf die große Rolle, die die Umwelt spielt - für den Ausbruch von Krankheiten, erst recht aber für die Herausbildung unseres Charakters: "Schauen Sie diese beiden eineiigen Zwillinge an: Sie haben alle die gleichen Gene und scheinen sich darüber zu freuen", so kommentierte er das Dia eines fröhlichen Schwesternpaares.

Für die allermeisten Krankheiten besteht nämlich trotz der genetischen Übereinstimmung nur geringe Wahrscheinlichkeit, dass auch der andere Zwilling sie bekommt, wenn die Krankheit bei der einen ausbricht.

Verschiedenartigkeit blieb auch nach der Veranstaltung zu konstatieren: Im Foyer, wo man unter anderem die DNS aus der Tomate isolieren oder puzzlend herausfinden konnte, welche der an Ketten gelegten Riesenmoleküle zusammenpassen. Die einen stürzten sich dort begierig auf das Angebot, andere winkten gelangweilt ab. Durch winzige Unterschiede in der DNS ist so unterschiedlich ausgeprägte Neugier wohl kaum zu erklären.

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