Gesundheit : Das Ausland interessiert uns nicht

In deutschen Verwaltungen zählen Weltläufigkeit und Fremdsprachenkenntnisse wenig, wie eine Studie zeigt

Dorothee Nolte

Muss ein junger deutscher Beamter im höheren Dienst Fremdsprachen beherrschen? Muss er oder sie schon mal im Ausland gelebt haben und in internationalen Dimensionen denken können? Nein, nein und nochmals nein – denn die Globalisierung macht vor deutschen Amtsstuben offenbar Halt. In den meisten Bundes- und Landesministerien werden nach wie vor hauptsächlich Bewerber eingestellt, die sich durch eine gute Examensnote auszeichnen; ob ein Kandidat Auslandsaufenthalte oder gute Fremdsprachenkenntnisse aufweisen kann, kümmert die Personalverantwortlichen wenig.

Die Folgen: Von 408 öffentlich Bediensteten des höheren Ministerialdienstes des Bundes und der Länder, die in den Jahren 2000 bis 2002 eingestellt oder zum ersten Mal befördert wurden, haben sich 58 Prozent seit ihrer Schulzeit nie mehr mit Fremdsprachen befasst; und 82 Prozent haben nie im Ausland gelebt. Nur 8 Prozent der jüngst eingestellten Beamten haben mehr als drei Monate im Ausland verbracht.

„Sensationell und bedrückend“ findet Christoph Bertram, Leiter der Stiftung Politik und Wissenschaft in Berlin, die Ergebnisse einer Studie, die die „Berliner Initiative für mehr Internationalität in Bildung, Ausbildung und Personalpolitik“ in Auftrag gegeben hatte. „Da heißt es überall, Deutschland solle eine größere Rolle in der Welt spielen und dem Sicherheitsrat angehören. Aber in den deutschen Verwaltungen herrscht eine Einstellungspraxis, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“

Die Studie, die an der Verwaltungshochschule Speyer durchgeführt und von der Robert Bosch Stiftung finanziert wurde, basiert auf einer Befragung, an der sich vier Bundes- und 62 Landesministerien beteiligten. Sie alle bräuchten im Zeitalter der EU eigentlich Beamte, die die Verwaltungspraxis anderer Länder kennen und in der Lage sind, mal schnell zum Telefonhörer zu greifen und die Kollegin aus Madrid oder Paris zu befragen, meint der Leiter der Studie Heinrich Siedentopf. Aber in der Praxis werden so wenige weltläufige Bewerber eingestellt, dass es mitunter sogar unmöglich ist, überhaupt Kandidaten für eine zeitweilige Entsendung nach Brüssel, etwa als „nationaler Sachverständiger“ zu finden.

Das Problem ist übrigens nicht ein Mangel an qualifizierten Bewerbern, da sind sich die Autoren der Studie sicher. Es gebe sehr wohl junge Juristen und Politologen mit Auslandserfahrung und Fremdsprachenkenntnissen; aber sie würden entweder nicht vorrangig eingestellt, da ihnen Kandidaten mit rein deutscher Biographie aber unwesentlich besserer Examensnote vorgezogen würden. Oder aber, so Ulrich Bopp vom „Tönnissteiner Kreis“, sie gingen gleich in internationale Kanzleien, in denen ihre Qualifikationen geschätzt werden.

Die „Berliner Initiative“ fordert nun, für den höheren Dienst einen zwölfmonatigen Auslandsaufenthalt zur Einstellungsvoraussetzung zu machen. Das lehnt Innenminister Otto Schily, der die Ziele der Initiative grundsätzlich unterstützt, jedoch ab: „Damit würden nur neue Regelungstatbestände geschaffen, während wir doch den Abbau von Bürokratie vorantreiben wollen.“

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